K O N T A K T

佛: Buddha; 說: sprechen, erklären, lehren, predigen; 四: vier; 十: zehn; 二: zwei, zweite; 章: Kapitel; 經: Faden, Richtschnur, Sutra, heilige Texte des Buddhismus
Buddhas Lehre in der Sutra mit zweiundvierzig Kapiteln
Auf diese wunderschönen und ausgesprochen tiefgründige Lehrsätze des Buddha bin ich bei Osho, dem großen indischen Meister gestoßen, der Ende der 70-er Jahre eine Reihe von inspirierenden „Talks“ zur „Sutra mit den 42 Kapiteln“ gehalten hat.
Es heißt, dass es sich bei dieser Kompilation von Lehrreden um die erste Zusammenstellung der Lehre Buddhas für religiös und spirituell interessierte Menschen in China gehandelt hat. Im Jahr 67 nach Christus soll der chinesische Kaiser Ming zwei buddhistische Mönche, Kashyapa Matanga and Dharmaratna aus Indien nach China eingeladen haben, um das Dharma, die Lehre und den Weg des Buddha zu verkünden. Die Mönche kamen auf weißen Pferden und brachten neben diversen religiösen Gegenständen buddhistische Schriften mit. Der Kaiser baute den Mönchen einen Palast, den Tempel des weißen Pferdes (白: weiß; 馬: Pferd; 寺: Tempel, Kloster), der heute auch als Bai Ma Tempel bekannt ist. Dort soll der hier vorliegende Text ins Chinesische übersetzt worden sein. Im Tempel im Ort Luoyang in der Provinz Henan können die Gräber der beiden buddhistischen Mönche noch heute besucht werden.
Es ist nicht klar, ob der Text zur „Sutra mit den 42 Kapiteln“ jemals in den altindischen Sprachen Sanskrit oder Pali niedergeschrieben worden ist oder ob die Lehrreden von den Mönchen erstmalig im Chinesischen abgefasst wurden. Auch bleibt es fraglich, ob die Geschichte rund um die beiden Mönche und den Kaiser Ming tatsächlich so gewesen ist und ob die zeitliche Einordnung stimmt. Unbestritten ist das Alter der Schrift. Die Sutra ist in etwa so alt wie die biblischen Evangelien im Christentum. Nicht zu bestreiten ist auch, dass sich in den Schriften Elemente aus dem Theravada-Buddhismus (älteste noch existierende Schultradition des Buddhismus) und dem Mahayana-Buddhismus (das sogenannte große Fahrzeug und eine der Hauptrichtungen des Buddhismus) wiederfinden. Die hier zusammengestellten Texte sind auch deshalb so wertvoll, weil sie ausgesprochen kompakt Kernbotschaften des historischen Buddha wiedergeben. Das Schrifttum im Buddhismus ist ausgesprochen umfangreich und da die buddhistische Tradition stark auf eine analytische Auseinandersetzung mit religiösen und spirituellen Fragen setzt, ist dieses Schrifttum kaum zu überblicken und der Kern der buddhistischen Lehre nicht immer leicht zu erfassen. Doch hier in diesen 42 Kapiteln wird die Essenz der Lehre ähnlich direkt und unmittelbar spür- und erfahrbar wie im Dhammapada, einer Kollektion von Lehrsprüchen des Buddhas, die aus dem Pali Kanon des Theravada-Buddhismus kommen, oder der sehr kurzen, aber einflussreichen Herz-Sutra aus dem Mahayana-Buddhismus.
In der „Sutra mit den 42 Kapiteln“ wird der praktische, analytische und fast schon wissenschaftliche Zugang, den der historische Buddha zum Thema der Spiritualität hatte, spürbar. Der Buddha philosophiert nicht über wichtige Lebensfragen, sondern gibt ganz praktische Anweisungen und Methoden, wie man vorgehen und sich verhalten sollte. Er stellt keine komplexen Gedankengebäude auf, die nur schwer zu verstehen sind, sondern bringt lebensnahe und für jedermann leicht erfassbare Zusammenhänge und Beispiele aus dem Alltag. Dabei bleibt er niemals oberflächlich und dringt tief in die Psyche des Menschen, in seine Wahrnehmung, seine Wünsche und Hoffnungen, sein Wollen und seine Fixierungen, Anhaftungen und Illusionen ein. So gesehen ist Buddha keinesfalls ein Schriftgelehrter, Philosoph oder Theologe, sondern ein Praktiker des spirituellen Weges, ähnlich wie es Patanjali im System der Yogis im Hinduismus ist.
Buddha betreibt keine Theologie, sondern eine Art Psychologie. Doch seine Psychologie ist nicht jene eines Sigmund Freud, Carl Gustav Jung oder Alfred Adler. Er bleibt nicht bei der Untersuchung der menschlichen Erfahrungswelt stehen und geht über Verdrängungen, Übertragungen, Komplexe, Neurosen und Psychosen hinaus, indem er die Ursache für ihr Entstehen nicht nur im Erleben der Welt, sondern in einer falschen, verzerrten und illusorischen Wahrnehmung der Welt erkennt. Es sind nicht nur die Konditionierungen und Programmierungen, die sich in uns gebildet haben, und die nicht verarbeiteten Inhalte, die ins Unbewusste verdrängt wurden, die unser Leiden, unseren Kummer und unsere Probleme schaffen. Es ist die Erfahrungswelt selbst, deren traumhaften Charakter wir nicht zu erfassen vermögen, die uns in einer Art Gefängnis festsetzt. Wir schaffen Identifikationen und Vorstellungen von uns und anderen, die nicht der Realität entsprechen aber so allgemein verbreitet und für so selbstverständlich gehalten werden, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, sie zu hinterfragen.
Buddhas Analyse des menschlichen Leidens geht so tief, dass es zu einem Sprung auf eine Metaebene kommt. Seine Psychologie, die man als eine Meta-Psycholgie bezeichnen kann, durchbricht das Gebilde aus Körperlichkeit, Emotionen, Gedanken und Vorstellungen, die das Substrat unserer Erfahrungswelt bilden. Seine Meta-Psychologie hebt uns in eine höhere Bewusstseinsebene, in der nicht die verschiedenen Verhaltensmodi des Denkens, Fühlens, Empfindens und der Intuition entscheidend sind, sondern eine Beobachtung und Betrachtung gerade dieses Denkens, Fühlens, Empfindens und der Intuition zur führenden Maxime wird. Wir sind nicht unsere Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Träume, Illusionen und Imaginationen, da all diese Erscheinungsformen von uns beobachtet und wie in einem Spiegel erfasst werden können. Dies gilt auch für unsern Körper und alle körperlichen Erscheinungen, denen wir begegnen. Das, was wir sind, ist das Gewahrsein, das alle Erscheinungen spiegelt.
Buddha wird zum großen Zerstörer. Er vernichtet alles, was uns so lieb und teuer geworden ist, um eine neue ganz andere Existenzebene für uns zu eröffnen. Er zertrümmert jedes Konzept eines Gottes, stürzt alle Götzenbilder vom Sockel, weil jedes Konzept unzulänglich und falsch ist. Er zertrümmert die Vorstellung einer Seele, weil jedes Bild, das wir uns von uns selbst machen, nur vorläufig, unbeständig und unvollständig ist. Alles ist im Fluss und Wandel. Es gibt nichts, an dem man sich festhalten könnte. So zerstört Buddha auch alle Dogmen und festen Lehrmeinungen. Er führt uns in eine fast schon unerträgliche Leere, die man erst einmal aushalten und ertragen muss. Doch es geht ihm nicht darum, einen Nihilismus zu predigen, sondern er will uns ermutigen, unsere liebgewonnenen Vorstellungen, Anhaftungen und Illusionen aufzugeben. Wovon er spricht, ist kein Abgrund, kein schwarzes Loch, das alles und jeden verschlingt. Er zertrümmert alles, was sich vor unsere unmittelbare Wahrnehmung schiebt, uns blind macht, uns die Sicht nimmt, unser Gewahrsein trübt und undurchsichtig macht. Er will unseren Blick klären, uns ein Schauen ermöglichen, das durch den Schleier dieser Erscheinungswelt zu blicken vermag auf eine Realität, die wir nicht zu erfassen und zu begreifen vermögen.
Er stellt unser Ich in Frage und zeigt in unzähligen Beispielen immer wieder auf, dass die Vorstellung eines von der Existenz getrennten, beständigen Selbst eine Illusion ist. In ihm löst sich nicht nur unser Ego auf, sondern auch die Idee eines höheren Selbst. Er zeigt, wie sich das, was wir unser Selbst nennen, durch eine große Anzahl von ineinandergreifenden Voraussetzungen gebildet wird und so wie es gebildet wurde auch wieder zerfallen wird. Auf den ersten Blick erscheint die Lehre des Buddha unbarmherzig und kalt zu sein. Man wundert sich nicht, dass der Buddhismus aus Indien mehr oder weniger vertrieben wurde und seine Blüte in ganz anderen Ländern wie Tibet, China, Japan und Ländern des fernen Osten gefunden hat. Es braucht eine enorme Reife, extremen Mut und unerschütterliches Vertrauen in jene, die diesen Weg der Verneinung, diese „via negativa“ beschritten haben, um diesem Pfad folgen zu können. Denn ihr Vorbild zeigt, dass dieser Weg nicht in das Nichts und in eine emotionale Kälte führt. Ihr Vorbild kann als Garant dafür gesehen werden, dass es möglich ist, Leidenschaften und Passionen zu überwinden und nicht in einer stoischen Gleichgültigkeit zu enden, sondern in einem echten Mitgefühl, das sich auch zu engagieren und einzusetzen vermag. Ihr Vorbild macht für uns sichtbar, dass wir nicht Opfer unserer emotionalen Prägungen und mentalen Konditionierungen zu sein brauchen, sondern unser Gewahrsein die Führung übernehmen kann und wir im Einklang mit dem Lebensfluss existieren können.
Doch Buddha macht uns keine Versprechungen. Er spricht nicht von einer besseren Welt, einem möglichen Paradies oder einem Himmel, in dem alles perfekt sein wird. Er predigt keine Heilslehre, weckt in uns keine Hoffnungen für eine bessere Zukunft. Buddha ist absolut pragmatisch. Er will uns in das Hier und Jetzt holen. Er fordert uns auf, achtsam zu sein. Wieder und wieder ermahnt er uns, zu erkennen, dass wir schlafen und träumen. Wir projizieren unentwegt unsere Träume, Wünsche und Hoffnungen auf die Welt und möchten, dass die Welt diese erfüllt. Doch die Welt ist kein Wunscherfüllungsbaum. Die Welt ist, was sie ist. Daher ist es aus seiner Sicht so zentral, all das, was Leiden schafft, loszulassen. Das ist eine ungeheure Aufgabe. Wir werden aufgefordert, die Dinge nicht mehr weiter anzuhäufen, sondern sie von Moment zu Moment gehen zu lassen. Wir werden ermutigt, immer leerer und leerer zu werden. Wir sollen Platz schaffen. Die Vergangenheit muss raus, weil sie sonst permanent die Zukunft bestimmt. Alles raus, damit etwas originär Neues hereinkommen kann. Doch auf das Neue muss man erst einmal vertrauen. Wie vertraut man darauf, dass die Leer nicht ein abgrundtiefes Nichts, sondern eine schöpferische Möglichkeitsform ist, aus der sich auch tatsächlich etwas bildet. Es ist ein Sprung ins Ungewisse. Es ist ein Sprung in das, was wir nicht wissen können. Zu diesem Sprung fordert uns die „via negativa“ auf und der Schlüssel dazu ist reine Achtsamkeit im Blick auf das „So-Sein“ der Welt.
Mögen die Worte des Buddha uns Führung und Orientierung geben, wie dies schon der Eröffnungsvers der Sutra vermittelt:
無上甚深微妙法 百千萬劫難遭遇我 今見聞得受持 願解如來真實義
上: oben; 甚: extrem, sehr; 深: tief, tiefgehend, dunkel; 微: leicht, ein wenig, schwach, zart, subtil; 妙: wunderbar, brillant; 法: Recht, Methode, Weg, Sichtweise; 百: hundert; 千: tausend; 萬: zehntausend, alles, unzählig, vielfältig; 百千萬: Aneinanderreihung immer größer werdender Zahlenreihen; unzählige, riesige Menge, Ewigkeit, Millionen von; 劫: rauben, plündern, Zeitalter, kosmische Zeitalter, Kalpa; 難: schwer, schwierig, selten, rar; 遭: begegnen, erleiden; 遇: treffen, begegnen, stoßen auf; 我: ich, wir (im kollektiven Kontext); 今: Jetzt, Gegenwart, Heute; 見: sehen, erfahren, wahrnehmen; 聞: hören, wahrnehmen; 得: erreichen, erhalten, gewinnen; 受: empfangen, annehmen, verinnerlichen; 持: Halt, halten, in Händen halten, festhalten, unterstützen, ausdauern, praktizieren; 願: Wunsch, Bitte, Begehren, wollen, mögen; 解: lösen, erklären, verstehen; 如: zum Beispiel, wie, als ob; 來: kommen, herbeikommen; 如來: Tathagata, Buddha; 真: Wahrheit, Stimmigkeit, wahr, echt, wirklich, authentisch; 實: echt real, substanziell, konkret, Frucht, Realität; 義: Gerechtigkeit, Bedeutung, Sinn, Pflicht
Die kosmische Ordnung (das buddhistische Dharma bzw. das Tao im Taoismus) reicht in höchste Höhen und tiefste Tiefen, ist subtil und brillant. Selbst in Millionen von Zeitaltern ist es rar, dass man (dem Dharma bzw. dem Weg des Tao) begegnet. Jetzt haben wir die Möglichkeit, von ihm zu hören und zu erfahren sowie (den Weg) zu verinnerlichen und zu praktizieren. Mögen wir die Bedeutung der authentischen Realität des Tathagata (desjenigen, der das „So-Sein“ der Dinge realisiert und verkörpert) verstehen.
© Dr. Christoph Maria Stock, November 2026