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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

PROLOG 1: Jenseits des Dogmas

 

Was ich am Christentum bedrückend finde, ist sein Dogma und sein verstaubtes Antlitz, das sich kaum mehr zu wandeln vermag. Wenn man hinter diesen dicken Schleier der kirchlichen Geschichte blickt, und die Grausamkeiten, die im Namen der Kirche und der Religion begangen wurden, zur Seite schiebt und auch den mystischen Aspekt des Christentums zurückholt, entdeckt man noch immer die unglaubliche Kraft der Worte und des Handelns Jesu sowie des Wirkens all der Heiligen, Seligen und weisen Frauen und Männer der christlichen Geschichte. Im Christentum ist ein Weisheitskern enthalten, der über die kirchlich verordneten Glaubenskonzepte hinausgeht und dessen Weisheit und Lebendigkeit ungebrochen sind. Dieser Kern ist absolut zeitlos und geht über jedes Dogma und jede Beschränkung hinaus. Dieser Kern berührt die Festen des Universums, gelangt an jenen Ort des Absoluten, der Zeit und Raum enthoben ist. Der christliche Glaube wird sich durch eine Rückkehr an diese Quelle erneuern und einen unschätzbaren Beitrag zum spirituellen Leben der Menschen leisten.

Was wir aber auch nicht übersehen dürfen, ist die Tatsache, dass sich Spiritualität in einer globalen Welt nicht mehr nur aus einer Glaubensrichtung oder einer bestimmten Religion allein speisen wird und kann. In der Spiritualität suchen wir nach den inneren Strukturen des Seins. Eine solche Suche kann niemals auf eine bestimmte religiöse Ansicht beschränkt bleiben. Wer sich dem Geist annähern und ihm begegnen möchte, muss jede Möglichkeit nutzen, die sich bietet, um hier voranzuschreiten. Der Geist durchwebt das gesamte Sein des Universums. Er macht niemals halt bei einer bestimmten Ansicht, bei einem bestimmten Konzept, bei einer bestimmten Vorliebe oder Abneigung. Es ist gerade sein Wesen, dass er über alle Konzeptionen und alle Vorstellungs- und Erfahrungswelten hinausgeht in den Raum des Unermesslichen. Wenn wir dem Geist in seiner Omnipräsenz, Allwissenheit und alles durchdringenden Gesamtheit begegnen wollen, müssen wir auch offen sein für die verschiedenen Wege, die spirituell beschritten werden können. Es gibt nicht den einen Weg oder die eine sichere Vorgehensweise. Wir müssen erforschen, welcher Weg für uns der passende ist. Was uns hilft, voranzukommen und uns spirituell zu entwickeln, kann aus Bereichen kommen, an die wir nicht gedacht haben. Diese Bereiche können für uns neu und unerwartet sein. Wir kennen das Christentum. Wir kennen seine Geschichte und sein Wirken und damit auch die Stärken aber auch die Probleme und Schwächen, die mit diesem bestimmten Glauben einhergehen. Gerade an jenen Punkten, an denen uns das Christentum in einer Sackgasse in unserer spirituellen Entwicklung führt, können andere spirituelle Sichtweisen helfen, einen weiteren Schritt zu machen. Dadurch werden Ansichten des Christentums nicht falsch. Meist kommt es zu einer Erweiterung der Sichtweise. Man erkennt ein bestimmtes Problem in einem neuen Licht, in einer neuen Dimension, die zuvor nicht zu erkennen war. Ich möchte hierzu ein Beispiel bringen:

Das Christentum lehrt, dass der christliche Gott ein persönlicher Gott ist, zu dem wir in einer Beziehung stehen wie zu einem Du. Der christliche Gott ist ein Gegenüber, das uns liebt und erschaffen hat. Diese Sichtweise ist einleuchtend, denn wir erleben uns als Geschöpfe, die in eine uns fremde Welt geboren werden, in der es eine Vielzahl anderer Geschöpfe gibt. Dass es ein Du, ein Gegenüber gibt, ist die selbstverständlichste Sache der Welt. Für uns ist es daher auch gut verständlich, dass Gott ein Du, ein Gegenüber ist. Wenn Gott ein Gegenüber ist, bleibt er für uns immer etwas Beobachtetes und umgekehrt sind wir selbst etwas von Gott Beobachtetes. Zwischen dem Menschen und Gott besteht damit immer eine Objekt-Subjekt-Beziehung, die unauflösbar erscheint. Damit wird es schwierig, sich etwas vorzustellen, das die Objekt-Subjekt-Beziehung überschreiten könnte. Doch gerade das ist es, was östliche spirituelle Traditionen als einen zentralen Punkt ihrer Ansichten zu vermitteln versuchen. Es gibt eine Dimension, die über die Objekt- und Subjekt-Dichotomie hinausgeht. Wenn es eine solche Dimension tatsächlich gibt, dann kann selbst Gott nicht mehr als Du wahrgenommen werden. Ich und Du würden verschwinden und eine Einheit entstehen, in der ein persönlicher Gott als Gegenüber keinen Sinn mehr macht. Gott wäre in uns und wir wären in Gott. Nun könnte man einen folgenschweren Fehler begehen und behaupten, man wäre selbst Gott. Doch der Verstand, der behauptet, selbst Gott zu sein, wäre ein begrenzter und sterblicher Teil des Universums. Es ist absurd, dass ein Teil das Ganze wäre. Ein Teil ist ein Teil und bleibt ein Teil. Damit eröffnet sich eine spirituelle Dimension, die davon ausgeht, dass wir weder der Körper noch der Verstand sind. Dass in uns tatsächlich etwas ist, das nicht nur Teil unter vielen anderen Teilen eines Ganzen ist, sondern unteilbar Anteil am Ganzen hat. Sich auf die Suche nach dieser Unteilbarkeit in uns zu machen, diese Individualität zu ergründen und zu finden, ist von zentraler spiritueller Bedeutung. All das, was an uns und in uns begrenzt und abgegrenzt gegenüber anderen Formen und Inhalten ist, kann nicht unteilbar sein. Alles, was in irgendeiner Form materiell ist, sei es auch noch so subtil, kann die Subjekt-Objekt-Dichotomie nicht überschreiten. Solange wir uns auf dieser Ebene bewegen, wird das Ganze immer ein Du bleiben und damit Gott ein Du sein. Nur wenn es uns gelingt, in einen Bereich vorzudringen, der nicht materiell ist, in einen Bereich, der die Dinge erst hervorbringt und damit das Du erst erschafft, lösen sich Subjekt und Objekt ineinander auf. Östliche Weisheit vermittelt seit Tausenden von Jahren, dass es ein Bewusstsein gibt, das unteilbar ist. Ein Zeuge, der alle Dinge schaut, selbst aber nicht in den Dingen ist. Von diesem Zeugen kann alles beobachtet und geschaut werden, doch der Zeuge kann sich selbst nicht schauen. Wäre dem so, wäre dieser Zeuge wiederum ein Objekt eines anderen Subjekts. Doch hier gibt es kein Objekt. Dieser Zeuge strahlt allein aus sich selbst. Er ist der absolute Urgrund des Seins und dieser Urgrund ist in uns.

 

Diese hier beschriebene Ansicht macht klar, dass in unserer Alltagswahrnehmung Gott immer ein Du ist. Wenn wir unseren Blick in die Welt hinaus richten, wird die Ansicht immer richtig sein, dass wir Gott als Du begegnen. Doch wenn wir den Blick nach innen wenden und durch Praktiken der Konzentration, Meditation und Kontemplation über den Standpunkt des Beobachters und den Standpunkt des Beobachteten und damit über den gesamten Prozess der Beobachtung hinausgehen und in einen Raum des reinen Gewahrseins vordringen, löst sich mit dem Du auch das Ich auf und wir befinden uns in einem vollkommen anderen Bewusstseinszustand, den man in der Tradition der Yogis Samādhi nennt. Dies ist ein Zustand, den nicht nur Yogis, Weise und Heilige östlicher religiöser Anschauungen erfahren haben, sondern der auch von christlichen, muslimischen oder jüdischen Mystikerinnen und Mystikern erfahren wurde. Es ist also eine Erfahrung, die Menschen unabhängig davon teilen, welcher Religion oder Glaubensrichtung sie angehören. Hier gibt es kein Dogma und hier gibt es kein verstaubtes Antlitz einer Spiritualität. Hier gibt es eine universelle spirituelle Erfahrung, die allen Menschen offensteht, auch wenn nur wenige von ihr authentisch berichten können.

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