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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

PROLOG 2: Vom Erkennen des Erkennens

 

Die Yogis haben Techniken und Praktiken entwickelt, die es ermöglichen, diesen Zustand des Samādhi zu erreichen. Das ist der zentrale Punkt ihrer Weisheit und einer ihrer großen Vertreter hat diese Weisheit in kleinen Merksätzen, sogenannten Sūtras, zusammengefasst. Bekannt sind diese Lehr- und Merksätze als die Yoga-Sūtras des Patañjali. Es ist weder bekannt, wie alt diese Schriften genau sind, noch wann Patañjali gelebt hat und ob Patañjali tatsächlich eine Person war oder der Name einfach nur für die Bezeichnung der gelehrten Inhalte verwendet wurde. Die Yoga-Sūtras des Patañjali sind in einer sehr alten Sprache, dem Sanskrit verfasst. Sanskrit ist eine indo-arische Sprache und hat in Indien eine ähnliche Bedeutung wie Latein in unserem Kulturkreis. Alle wichtigen Schriften des Hinduismus wie die Veden, Upanishaden und die Bhagavad-Gita sind in dieser altindischen Sprache verfasst. Daher wird in Indien Sanskrit auch als eine heilige Sprache betrachtet. Der Zugang zu den Sūtras des Patañjali, die oft mehr einer Aneinanderreihung von Begriffen als vollständigen Sätzen mit Subjekt, Prädikat und Objekt ähneln, ist nicht ganz einfach. Die Sūtras des Patañjali werden in einer ununterbrochenen Tradition immer wieder übersetzt, weitergegeben, interpretiert und kommentiert. Es gibt unzählige Übersetzungen in moderne Sprachen wie Hindi-Urdu, Bengalisch oder Englisch. Daher ist der Zugang zu Übersetzungen leicht möglich. Gleichzeitig verwenden die sehr kurz gehaltenen Sūtras Worte, die vielfach nicht einfach in eine moderne Sprache übersetzt werden können. Es fehlt in vielen Fällen in heute gesprochenen Sprachen ein konkreter Begriff, der die innere Bedeutung des Niedergeschriebenen getreu wiederzugeben vermag. Damit bleiben die Sūtras ein Mysterium. Was zum Beispiel Samādhi wirklich bedeutet, ist mit Begriffen nicht zu fassen. Selbst umfangreiche philosophische Abhandlungen vermögen das Phänomen des Samādhi nicht zu erhellen. Es handelt sich um eine innere Erfahrung und der Begriff benennt etwas, was als Erfahrung nicht beschreibbar ist. Ohne Erfahrung bleibt das Wort eine Hülse, deren Wert darin besteht, uns darauf aufmerksam zu machen, dass es etwas gibt, das wir nicht kennen, das aber anderen Menschen zugänglich geworden ist. Neben dem Begriff des Samādhi gibt es viele andere Begriffe, die auf etwas hinweisen, das in keiner Weise mit den Sinnen erfasst werden kann. Damit ist es auch schwierig, diese Dinge intellektuell zu verarbeiten. Viele Begriffe weisen auf immaterielle Zusammenhänge hin oder gehen über jede Form des Materiellen und auch des Immateriellen hinaus. Sie weisen auf einen Bereich des Seins hin, der jener Welt, die von uns wahrgenommenen wird, voraus liegt und ihre Konstituierung erst möglich macht. Die Yoga-Sūtras verwenden daher verschiedene für den Laien unverständliche und vielfach unscharf erscheinende Begriffe, die etwas beschreiben, von dem wir gar nicht wissen, dass es tatsächlich existiert. Die moderne Wissenschaft kennt einen Bereich, der für uns ähnlich schwer zu erfassen ist. Dabei handelt es sich um die Quantenphysik, deren Grundlagen unserer Intuition und unserem gesunden Menschenverstand widersprechen. Doch mathematische Berechnungen und experimentelle Untersuchungen zeigen, dass die Annahmen der Quantenphysik richtig sind, auch wenn wir sie rational nicht zu verstehen vermögen. Die Quantenphysik berichtet den Physikern von einer Welt, die kurz nach dem Urknall schon existierte und aus der das uns bekannte Universum, das mit der klassischen Physik beschrieben wird, hervorgegangen ist. Ähnlich ist es mit den spirituellen Mysterien der Sūtras. Sie beschreiben den Urgrund unseres Seins, aus dem jene Wahrnehmungs- und Erfahrungswelten hervorgegangen sind, die wir als Menschen unmittelbar erleben. In diesem Sinn haben die Sūtras etwas Wissenschaftliches. Doch im Gegensatz zur klassischen Wissenschaft beschäftigen sie sich nicht mit dem, was von uns beobachtet, wahrgenommen und erkannt werden kann, sondern mit dem, was den Prozess des Beobachtens, Wahrnehmens und Erkennens erst möglich macht. Sie beschäftigen sich also mit einer besonderen Form des Erkennens, nämlich mit dem Erkennen wie wir erkennen. Man blickt auf eine Welt hinter der uns erscheinenden Welt. Ein solches Blicken ist mit unseren Augen oder anderen Sinnesorganen nicht möglich. Doch es gibt Möglichkeiten und Techniken dennoch etwas zu erkennen.

© Christoph Paul Stock | Wien | 2026 | All rights reserved!
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