K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 1.1: Anleitung zum Yoga
अथ योगानुशासनम्॥१॥
Atha Yogānuśāsanam. ||1||
Atha = jetzt
Yoga = Yoga
anuśāsanam = Erklärung, Darstellung, Anleitung, Lehre, Disziplin mit großer Willensstärke
„Nun eine Anleitung (anuśāsanam) zum Yoga.“
Yoga bedeutet Einheit. Es geht um die Erfahrung des Einsseins mit dem Sein. Diesem Einssein geht die Suche nach dieser Einheit voraus. Auch diese experimentelle Suche, dieses Forschen und Ergründen ist Yoga. Was ergründet wird, ist der Urgrund des Seins. In der christlichen Tradition spricht man hier von Gott oder vom Göttlichen. Auch im Yoga wird die höchste Gottheit, der tiefste Urgrund des Seins benannt. Doch die Benennung dieses Urgrundes steht nicht im Zentrum der Überlegungen, Techniken und Praktiken des Yoga. Vielmehr geht es um ein Gewahrwerden dieser Urdimension des Seins. Worte, Konzepte, Vorstellungen und philosophische Überlegungen treten zurück. Der Verstand wird beruhigt, um das Gewahrwerden einer Dimension zu ermöglichen, die sich mit dem diskursiven Verstand nicht erfassen lässt.
Solange wir also noch Freude und das Bedürfnis haben, die Welt mit unserem Verstand zu zergliedern und zu zerteilen, ihr analysierend zu begegnen und sie immer weiter in Einzelteile zu zerlegen, ist Yoga noch nicht unser Thema. Erst wenn uns die Welt mit all ihren Sinneseindrücken, Möglichkeiten, Erlebnissen, Erfolgs- und Misserfolgserfahrungen und verführerischen Perspektiven leer und mit einer tiefen Sehnsucht nach etwas zurücklässt, das über unser Alltagsleben hinausgeht, öffnet sich der Horizont für diese Welt des Mysteriums. Wenn in uns ein Bedürfnis danach entsteht, nicht mehr in die Welt hinauszugehen, sie zu ergreifen und zu erobern, sondern in uns hineinzugehen und nach innen zu schauen, das Wachsen des Lebens von innen aus sich selbst heraus zu erfahren, bekommt Yoga Kraft und Bedeutung.
Viele Menschen betreiben Yoga zur Ertüchtigung des Körpers. Sie machen Āsanas (Körperhaltungen, Körperstellungen und Körperübungen), die meist der Tradition des Haṭha Yoga entnommen sind. Diese Übungen stärken den Körper und fördern die Gesundheit. Bei der Vermittlung dieser Körperübungen werden auch oft andere Konzepte aus dem Yoga vermittelt. Doch selten werden diese in einen systematischen Gesamtkontext gestellt und als inkludiertes Modell vermittelt, das auf körperliche, seelische, geistige und strukturelle Dimensionen gleichermaßen achtet. Genau das passiert bei der Vermittlung der Yoga-Sūtras durch Patañjali.
Der große Maharishi (Lehrmeister) hat in hoch kondensierter Form alle Glieder des Yoga beschrieben und in vier Büchern (Samādhi Pāda, Sāddhana Pāda, Vibhūti Pāda und Kaivalya Pāda) zusammengefasst. Es handelt sich um eine Sammlung von zeitlosen Weisheiten, die von jeder Generation aufs Neue entdeckt, ausgelegt und mit Leben erfüllt werden muss. Ein flexibles System ohne jede Dogmatik, das die Verantwortung für den Fortschritt ganz in die Verantwortung des übenden und praktizierenden Yogis stellt. Der Maharishi sagt einem nicht wie es ist, sondern weist nur darauf hin, was entdeckt werden kann. Hier gibt es keinen vermittelnden Priester zwischen Himmel und Erde. Hier gibt es jemanden, der uns von einer tieferen Wahrheit und unaussprechlichen Weisheit erzählt und uns Instrumente, Übungen und Praktiken an die Hand gibt, um diese Wahrheiten und Weisheiten selbst zu entdecken. Das ist für uns westlich geprägte Menschen ungewohnt, denn Jahrhunderte der spirituellen Bevormundung durch die Kirchen hat bewirkt, dass wir uns nicht trauen oder es uns selbst nicht zutrauen, den innersten Wesenskern des Daseins ergründen zu können. Doch dafür müssen wir den Mut finden, wenn wir spirituell wachsen und uns spirituell entwickeln wollen, auch wenn es vielleicht bedeutet, alte und liebgewonnene religiöse Vorstellungen und Ansichten aufzugeben und dogmatische Konzepte über Bord zu werfen. Hier gibt es keine Wahrheit, die man besitzen und gegen andere Ansichten verteidigen könnte. Yogis würden niemals auf die Idee kommen, einen Kreuzzug des Glaubens gegen Andersgläubige zu führen. Für einen Yogi wäre ein solches Vorgehen absolut absurd. Die Wahrheit kann man nicht besitzen und für Macht- und Herrschaftsansprüche verwenden. Die Wahrheit ist eine unmittelbare Erfahrung, ein Geschenk, das man dankbar und demütig entgegennimmt. Sie ist wie ein reiner Kristall, der das Leben spiegelt, wie es ist und sich durch jegliches selbstbezogene Vorgehen sofort einfärbt und undurchsichtig wird.
So geht es beim Yoga auch darum, unsere Ichbezogenheit, unseren Egoismus und unsere Wahrnehmung des Getrennt-Seins von dem, was uns umgibt, mehr und mehr hinter uns zu lassen. Kleine Kinder sind große Egozentriker. Sie begreifen alles aus ihrer ichbezogenen Perspektive. Sie sind das alleinige Selbst und alles rund um sie herum sind lediglich Objekte, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie gehen davon aus, dass die Welt verschwindet, wenn sie ihre Augen schließen oder sich die Hand vor die Augen halten.
Mit der Zeit erkennen wir, dass sich die Welt nicht nur in uns spiegelt, sondern in jedem anderen Menschen auch. Aus diesem Erkennen heraus entwickelt sich langsam unsere Persönlichkeit, die lernt, anzuerkennen, dass die eigene Freiheit ihre Grenzen an der Freiheit anderer Menschen findet. Wir werden zu sozialen Wesen, die Grenzen anerkennen, um Freiheiten leben zu können und sich als ein Subjekt unter vielen anderen Subjekten verstehen. Wir gliedern uns in die Gesellschaft ein und erfahren uns als einen Teil von ihr, der mit Rechten ausgestattet aber auch mit Pflichten versehen ist. Auch wenn wir den egozentrischen Standpunkt aufgegeben haben, entfaltet unsere persönliche Blickrichtung und Sichtweise auf das Leben eine eigene Wahrnehmung- und Erfahrungswelt, die jedem einzelnen von uns ganz subjektiv eigen ist und unsere ganz persönliche Weltanschauung ausmacht. Diese subjektive Welt vermittelt sich uns durch unser seelisches Leben, das von uns verlangt, unserem eigenen inneren Wesen, unseren Anlagen, Tendenzen und Prägungen in Bezug auf die von uns gemachten Erfahrungen Ausdruck zu verleihen. Auf diese Art und Weise entfalten wir unser psychisches Leben und entwickeln eine Ich-Sicht, die dann zum Egoismus wird, wenn wir sie für die einzig relevante Sichtweise halten.
An diesem Punkt eröffnet sich jenseits unseres psycho-sozialen Lebens eine weitere Dimension, die über die egozentrische und egoistische Perspektive hinausgeht. Jetzt geht es nicht nur darum, anzuerkennen, dass sich auch in anderen Menschen und Wesen die Welt spiegelt, sondern dass in jedem noch so kleinen Teil der Welt ein Bewusstsein steckt, das alles aus sich heraus hervorgebracht hat und selbst das reine Spiegeln ist. Die vielen Spiegelungen der Welt, die unzählige Subjekt-Objekt-Beziehungen entstehen lassen, überschreiten ihre Dualität und werden Teil eines allumfassenden Bewusstseins, in dem alle Erscheinungsformen der Welt enthalten sind. Dieses Bewusstsein bringt den Rahmen und die Regeln für die uns erscheinende Welt hervor und bestimmt das Werden, Bestehen und Vergehen aller Dinge, die erscheinen. Dieses universale Bewusstsein ist der Urgrund allen Seins. In ihm spiegeln sich nicht nur jene Erscheinungsformen, die manifestiert und sinnlich wahrnehmbar sind, sondern auch alle rein geistigen Formen, die nicht manifestiert und daher für unsere Sinne unsichtbar bleiben. In diesem Bewusstsein ist alles untrennbar verbunden. Daher gibt es dort nichts, was verbunden werden müsste. Da hier jede Form der Verbundenheit an Bedeutung verliert, ist dieses Bewusstsein völlig ungebunden. Es spiegelt das Manifeste und das Nicht-Manifeste ist aber gleichzeitig frei von jeglichem Spiegelbild. Selbst wenn sich im Spiegel dieses Bewusstseins nichts mehr spiegelt, ist es da und strahlt aus sich selbst.
Die großen Yogis sagen uns, dass dieses universale Bewusstsein zwar nicht gewusst aber erfahren werden kann in einem Zustand, der Samādhi genannt wird. Diese Erfahrung ist augenscheinlich nicht durch unsere Sinne möglich, da sich die Sinne an begrenzten Lebensumständen ausbilden und damit nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnehmen können. Der Intellekt, der die sinnlichen Eindrücke dem Verstand zur Beurteilung und Schlussfolgerung vorlegt, kann diese Dimension ebenfalls nicht erfassen, da er über die äußere sinnliche Erfahrungswelt nicht hinausgehen kann. Der Verstand selbst kann nur Schlussfolgerungen auf Grundlage jener Informationen und Erfahrungen ziehen, die ihm vom Intellekt geliefert werden und damit zur Verfügung stehen. Seine Urteilskraft ist limitiert und begrenzt. Es geht ihm wie einem Richter, der nur auf Grundlage der vorgelegten Beweise urteilen kann, auch wenn er vielleicht ahnt, dass sich die Dinge anders darstellen, die Mittel, das zu beweisen, aber fehlen.
Unsere geistigen Tätigkeiten können diese von den Yogis beschriebene Erfahrung des Samādhi nicht hervorbringen. Die Yogis sagen uns sogar, dass die seelisch-geistigen Vorgänge in uns ein Hindernis dabei sind, jene Dimension in uns zu entdecken, die eins mit dem universalen Bewusstsein ist. Die seelisch-geistigen Vorgänge in unserem Verstand trüben unsere Sicht und der ständig geistige Aufruhr in unserem Geist macht uns blind für das, was wirklich ist. Daher gibt es die Anweisung der folgenden Sūtra 1.2.