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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.2: Die Beruhigung des Geistes

 

योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः॥२॥

Yogaś citta vṛtti nirodhaḥ. ||2||

 

Yogaś = Yoga ist

citta = geistige Tätigkeit, das Geistige betreffend, seelisch-geistige Vorgänge

vṛtti = Modifikation, Funktionsweisen, unterschiedliche Formen

nirodhaḥ = beschränken, zur Ruhe bringen

 

„Im Yoga werden die Modifikationen (vrtti) seelisch-geistiger Tätigkeit (citta) zur Ruhe gebracht (nirodhaḥ).“

 

Diese zentrale Sūtra aus der vorliegenden Sammlung lässt sich nur verstehen, wenn die in unserem Sprachgebrauch schwer übersetzbaren Begriffe „citta“ und „vrtti“ begriffen werden. Wenn wir unter „citta“ lediglich die bio-chemischen Prozesse in unserem Gehirn verstehen und wir diese Prozesse für unseren gesamten Verstand und die Totalität unserer seelisch-geistigen Tätigkeit halten, ist in keiner Weise erfasst, was die Yogis unter dem Wort „citta“ verstehen. „Citta“ meint alle geistigen bzw. mentalen Regungen, die auf allen Ebenen des Universums vorhanden sind. In diesem Sinn ist unser Gehirn lediglich ein kleiner und begrenzter Empfänger und Sender geistiger Inhalte, die sich in einem gewaltigen mentalen Feld befinden und bewegen, das zusätzlich hochgradig organisiert ist und über unsere bewussten mentalen Regungen weit hinaus bis in die tiefsten Schichten des persönlichen, kollektiven und universalen Unbewussten reicht. Niemand findet es heute verwunderlich, wenn ein Radio oder Fernseher Ton und Bild wiedergeben kann, indem Informationen, die auf bestimmten Frequenzen im Äther vorhanden sind, empfangen und abgespielt bzw. dargestellt werden. Niemand wundert sich, wie es möglich ist, dass ein Handy sich mit einem Masten per Funk verbindet, der dann Signale an einen Satelliten im Weltall sendet und eine Verbindung mit einem Masten und Handy auf der anderen Seite der Welt herstellt. Wir geben uns nicht überrascht, dass tausende Telefonate per Handy gleichzeitig geführt werden können, ohne dass sich die einzelnen Gesprächsverläufe störend auf andere auswirken würden. Es werden hier unterschiedliche und wechselnde Frequenzbänder genutzt, um Störungen zu vermeiden. Wenn aber behauptet wird, dass sich unsere geistigen Aktivitäten nicht einfach nur in unserem Gehirn abspielen, sondern in einem mentalen Feld, das uns alle umgibt, erhebt sich aus diversen wissenschaftlichen Kreisen ein vehementer Widerspruch. Hier auf wissenschaftliche Untersuchungen einzugehen, die beweisen, dass unsere geistigen Inhalte nicht einfach nur in unserem Gehirn abgespeichert sind, würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen. Ich verweise hier auf das umfangreiche Material, das Michael Talbot zusammengetragen und in seinem Buch „The Holographic Universe“ dargestellt hat. Wenn unser Geist nur in unseren Gehirnen wäre, können Phänomene wie Intuition oder Telepathie nur sehr schwer erklärt werden. Es wird dann auch schwierig, von so etwas wie einem Geist einer Epoche, von einem wohlwollenden oder einem bösen Geist sowie von bestimmten geistigen Anschauungen zu sprechen, die bestimmte Gruppen von Menschen teilen. Der Geist und unsere mentalen Regungen sind offensichtlich nicht in unseren Gehirnen eingesperrt und auf die zerebralen Schaltkreise in unserer Gehirnmasse limitiert. Es wird mit Sicherheit noch dauern, bis wir verstehen, wie unser Gehirn mit dem mentalen Feld interagiert und verschalten ist. Noch viel länger wird es dauern, bis wir verstehen lernen, welche Funktionsweisen sich im mentalen Feld jenseits unserer persönlichen und bewussten Geistestätigkeiten abspielen. Die beiden großen Pionieren des Westens bei der Erforschung des persönlichen und kollektiven Unbewussten, Sigmund Freud und C.G. Jung, haben hier erst einen kleinen Türspalt geöffnet und gerade einmal in Grundzügen erfasst, welche unvorstellbaren Dimensionen sich hier hinter einem Schleier verbergen. Doch dieses Wissen ist keine Voraussetzung dafür, zu verstehen, wie sich der Geist durch Yoga-Praktiken beruhigen lässt.

 

Hier komme ich nun zum zweiten Begriff, der in dieser Sūtra wichtig ist, nämlich dem Ausdruck vrtti. „Vrt“ bedeutet in Sanskrit „rollen“, „drehen“, „sich wirbelnd bewegen“. Bei den „Vrttis“ handelt es sich also um etwas, das eine rollende, wirbelnde und drehende Bewegung macht. In diesem Sinn ist dieses Etwas hoch aktiv im Gegensatz zu etwas, das völlig zur Ruhe gekommen ist. Auch dieser Ausdruck lässt sich weit besser mit einem Feld als mit elektro-chemischen Austauschprozessen entlang von Neuronen über die Schnittstellen von Synapsen im Gehirn erfassen. Es ist heute möglich, die Schwingungsfrequenz unserer Gehirne zu messen. Sie ändern sich je nach Aktivität der Gehirne. Ein intellektuell hoch aktiver Verstand schwingt in einer anderen Frequenz wie das meditierende Gehirn eines buddhistischen Mönchs oder Yogis. Analog sind die „Vrttis zu verstehen. Sie sind unterschiedliche Modi, in denen sich das mentale Feld in uns befindet. Ein voller Arbeitstag, an dem sich eine herausfordernde Situation an eine andere reiht und wir ständig mit neuen Fragestellungen und Problemen befasst sind, bewirkt, dass die Gedanken und Regungen in uns sich drehen und wie wild wirbeln. Wir wechseln von einem Gespräch zum anderen, holen verschiedene Erinnerungen hervor, machen uns imaginativ Gedanken wie etwas sein könnte oder sollte, ärgern uns über das Verhalten anderer Personen und fühlen uns vielleicht innerlich seelisch belastet, weil es am Morgen einen Streit mit einem uns wichtigen und lieben Menschen gegeben hat. Wenn wir dann am Abend müde vor dem Fernseher uns niederlassen, drehen sich Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Imaginationen und Fantasien im Kreis und es kann dauern, bis wir zur Ruhe kommen und abschalten können. Nicht selten pflanzen sich diese mentalen Unruhezustände als Träume fort und bescheren uns einen unruhigen oft wenig erholsamen Schlaf. Das Schwingungsmuster dringt also auch in andere Bewusstseinszustände vor. In einer solchen Situation schwingt das mentale Feld auf unterschiedlichen Frequenzen mit hoher Intensität. Die „Vrttis“ sind voll aktiv und machen uns innerlich ruhe- und rastlos. Hält ein solcher Zustand über lange Zeit ohne ausreichende Erholungsphasen an, kann er uns stark belasten und einen intensiven Stress in uns auslösen, der zu einem Ungleichgewicht und zu Krankheit führen kann. Wir sind derartig voll von der uns umgebenden Welt mit Ihren Reizen und Sinneseindrücken, dass tiefere Schichten unseres Seins unzugänglich werden und überlagert sind. Es ist so wie bei einem See mit klarem Gebirgswasser, in dem mit einem Stock der sandige Boden aufgewirbelt und das Wasser in Bewegung versetzt wird und sich an der Oberfläche unzählige Wellen bilden, die sich überlagern und Interferenzmuster bilden. Wenn wir in den See blicken, können wir nur die graue Masse an Sandpartikeln erkennen, die im Gewirr von Wellen und Strömungen im Wasser hin- und hergetragen werden. Erst wenn sich diese Partikel langsam durch die Schwerkraft auf den Boden des Sees senken und die Strömungen und Wellen des Wassers selbst zur Ruhe kommen, können wir den Boden des Sees klar erkennen. Daher ist es notwendig, die „Vrittis“ anfänglich zu beschränken, dann zu kontrollieren und schließlich vollends zu hemmen und zum Erlöschen zu bringen. Genau das ist mit dem Wort „nirodhaḥ“ gemeint. Wenn diese Beruhigung gelungen ist, wird es möglich, den Grund des Seins aus sich selbst heraus zu erfahren. Das ist Selbsterkenntnis.

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