K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 1.4: Modifikation seelisch-geistiger Vorgänge
वृत्तिसारूप्यमितरत्र॥४॥
Vṛtti sārūpyam itaratra. ||4||
Vṛtti = Modifikation, Funktionsweisen, unterschiedliche Formen
sārūpyam = Identifikation mit, Form bzw. Modifikation annehmen, erscheinen
itaratra = zu anderen Zeiten, ansonsten
„Zu allen anderen Zeiten (itaratra) – wenn das Selbst nicht im eigenen Sein ruht – erfährt es sich (sārūpyam) als Modifikation seelisch-geistiger Vorgänge (vrtti).“
Solange das sehende Selbst nicht im eigenen Sein ruht, identifiziert es sich mit unendlich vielen Erscheinungsformen des Seins. Man wird gefragt, wer man ist und erklärt, dass man ein Mensch mit einem bestimmten Alter, Geschlecht, Aussehen und einer bestimmten Körperkonstitution ist, man verweist auf die eigene Ausbildung, den eigenen Beruf und die Leistungen und Errungenschaften, die man erreicht hat. Man ist Single, verheiratet oder in einer anderen Partnerschaft, Mutter oder Vater von Kindern, ein Mitglied einer bestimmten Familie und einer gesellschaftlichen Schicht und Religion als Staatsbürgerin bzw. Staatsbürger eines bestimmten Landes und Mitglied bestimmter Vereine und Organisationen. Schließlich werden auch Besitzstände, Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten, Rechte und Pflichten erwähnt, um noch mehr Klarheit zu schaffen und anschaulich zu machen, wer man ist.
Doch man kann auch eine andere Vorstellung von sich selbst haben. Henri Nouwen, ein niederländischer katholischer Priester und Professor, der an hoch renommierten Universitäten unterrichtete und ein sehr erfolgreiches akademisches Leben vorzuweisen hatte, beschloss nach einer ansehnlichen Karriere in einer Gemeinschaft mit Menschen mit geistiger Behinderung und Entwicklungsstörung zu leben. Wann immer er etwas zu unterschreiben hatte, setzte er den Zusatz „nur ich“ neben seine Signatur. Er machte einen bewussten Schritt davon weg, sich mit all den verschiedenen Erscheinungsformen zu identifizieren und sich als schlichtes „Ich“ zu begreifen. Wenn wir einen solchen Schritt tun, begreifen wir, dass mein „Ich“ substanziell kein anderes „Ich“ ist als dein „Ich“. Was hier mit Bezug zum „Ich“ gilt, hat genauso einen Wahrheitsgehalt mit Bezug zur Materie. Wir kennen heute 118 chemische Elemente. Sie alle unterscheiden sich durch ihre Eigenschaften, ihr Aussehen und ihre Reaktionsfähigkeit mit anderen Elementen. Dennoch sind sie alle gleich aufgebaut mit einer unterschiedlichen Anzahl von Protonen und Neutronen in ihrem Atomkern und Elektronen in den Umlaufbahnen um den Atomkern herum. Blickt man etwas tiefer, zeigen sich neben den Elektronen noch andere Elementarteilchen, von denen die innere Struktur des Seins aufgebaut wird. Gehen wir noch tiefer, verschwindet das, was wir Materie nennen, und wird zu einem Schwingungsphänomen. Jetzt wird Energie zum entscheidenden Faktor und jene tieferliegende Wahrheit zur Realität, die Albert Einstein in seiner berühmten Formel E=m.c2 zum Ausdruck brachte. Materie ist mit Relation zur Lichtgeschwindigkeit nichts anderes als Energie. Energie ist also die tieferliegende Realität aller Erscheinungsformen. Die Yogis sind noch weiter gegangen und haben sich gefragt, ob es etwas hinter der Energie im Raum des Nicht-Manifesten gibt. Sie erkannten, dass hinter all den Erscheinungsformen und der Energie, aus der die Erscheinungsformen aufgebaut sind, sich eine geistige Welt eröffnet, die einen eigenen Aufbau und eine eigene Struktur hat. Hinter dieser geistigen Struktur gibt es schließlich ein reines Bewusstsein, das ohne Unterscheidung und ohne Wandlung ist. Hinter den sich ständig ändernden Phänomen gibt es ein Selbst, das sich niemals ändert und beständig ist.
Aus dieser Einsicht ergibt sich, dass wir die Dinge im außen zwar manipulieren aber niemals grundlegend ändern können. Grundlegende Änderungen sind nur auf geistiger Ebene möglich. Eine Veränderung im Geist wird früher oder später auch eine Veränderung in den Erscheinungsformen mit sich bringen. Doch wie ändert man den Geist? Auf geistiger Ebene erreicht man Veränderung durch eine Aussteuerung der Aufmerksamkeit. Auf was immer wir unsere Aufmerksamkeit im Geist richten, unabhängig davon, ob uns die Ausrichtung bewusst ist oder unbewusst bleibt, der Energiefluss folgt dieser Ausric#_edn1htung und der Geist wird sich entsprechend in den Erscheinungsformen manifestieren.
Buddha sagt im Dhammapada:
„Unser Leben wird von unseren Gedanken geprägt; wir werden, was wir denken. Das Leid folgt einem bösen Gedanken, wie die Räder eines Wagens den Ochsen folgen, die sie ziehen.
Unser Leben wird von unserem Verstand geformt; wir werden, was wir denken. Freude folgt einem reinen Gedanken wie ein Schatten, der niemals verschwindet.“[i]