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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.8: Falsche Vorstellungen

 

विपर्ययो मिथ्याज्ञानमतद्रूपप्रतिष्ठम्॥८॥

Viparyayo mithyājñānam atadrūpa pratiṣṭham. ||8||

 

Viparyayaḥ = falsches Verständnis, irrige Vorstellung, Missverständnis, Verblendung

mithyā = falsch, irrig, fehlerhaft

jñānam = Erkennen, Kenntnis, Wissen, Einsicht, Konzept

atad = nicht darauf, nicht auf

rūpa = Form

pratiṣṭham = basiert, gründet

 

„Eine Vorstellung ist falsch, wenn das Erkennen irrigerweise nicht auf der (wahren) Form basiert.“

 

Unser Verstand kann durch eine irrige Anschauung eines Objekts intensiv erregt und in Aufruhr gebracht werden.


Ich weiß nicht, ob sie folgende Erfahrung kennen. Ich bin hinsichtlich wilder Tiere in meiner Umgebung grundsätzlich nicht ängstlich. Wenn ich z.B. Steinböcken oder Wildschweinen sehr nahekommen, bin ich vorsichtig und aufmerksam. Dies besonders dann, wenn ich meinen Hund dabeihabe. Aber in mir entsteht kein heftiger Alarm, der mich verunsichern und meinen Verstand und meine Gefühlswelt in Aufruhr versetzen würde. Anders ist es, wenn ich Schlangen begegne oder mir ein Ast oder ein anderer Gegenstand vorgaukelt, ich hätte eine gefährliche Schlange vor mir. Ich bin in meinem Leben sehr selten giftigen Schlangen begegnet. Es hat solche Begegnungen gegeben, aber sie sind ausgesprochen rar gewesen. Dennoch erschrecke ich beim Anblick eines Gegenstandes, der eine Schlange sein könnte, einer harmlosen Ringelnatter oder einer echten, aber ungiftigen Schlange wie der Äskulapnatter immer wieder heftig. Dann wird in mir ein mentaler Ausnahmezustand ausgelöst und ein Fluchtimpuls entsteht. Viele Menschen teilen diese kaum kontrollierbare Reaktion mit mir. Die Evolutionspsychologen sagen uns, dass es sich dabei um einen Überlebensmechanismus handelt, der sich in der Evolution gebildet hat und daher auch nicht so leicht ausgeschaltet werden kann. Die Reaktion ist tief in unserer mentalen Struktur verankert. Sie lässt sich nicht einfach abstellen und auch nur schwer durch Verhaltenstherapie beseitigen. Schlangenbisse waren in der Evolutionsgeschichte für die Menschen in vielen Fällen lebensbedrohlich. Aus diesem Grund nimmt unser Organismus viele hundert Fehl- und Falschmeldungen mit Stress- und Fluchtreaktionen auf sich, um in dem einen sehr seltenen Fall, bei dem der menschliche Organismus durch das giftige Tier tatsächlich gefährdet ist, eine ausreichend rasche und richtige Reaktion zu gewährleisten.


Dieses Beispiel macht uns darauf aufmerksam, dass die Vorstellungen, die wir uns von uns umgebenden Formen machen, nicht immer mit der tatsächlichen Form übereinstimmen. Wir haben eine falsche Vorstellung (viparyayaḥ).


Dieses Problem, dass unsere Vorstellung von der Welt mit der Welt nicht übereinstimmt, ist ein sehr fundamentales Problem. Wir unterliegen nicht nur Sinnes- und Wahrnehmungstäuschungen, sondern auch die Verarbeitung der Sinneseindrücke und der Wahrnehmungen in unserem Gehirn sind durch die Evolution und unsere sozialen und kulturellen Erfahrungen geprägt und vielfach konditioniert. Diese Prägungen erleichtern uns das Leben, weil wir so die wesentlichen Dinge aus unserer Wahrnehmung ausfiltern können, uns rascher ein Bild von der uns umgebenden Welt und den uns begegnenden Lebenssituationen machen und damit schneller Entscheidungen treffen können. Es geht schlicht darum, dass wir in einer sehr komplexen Welt handlungs- und überlebensfähig bleiben. Doch all diese Einschränkungen in unserer Wahrnehmung und Kognition machen uns auch anfällig für Fehlurteile und falsche Entscheidungen. Zusätzlich nutzen andere Menschen diese Einschränkungen vielfach aus. Wir werden durch Werbung sowie unrichtige Informationen und Nachrichten manipuliert. Wichtige Informationen werden uns vorenthalten oder so verstellt, dass sie nicht mehr eindeutig erkennbar sind. Viele Menschen richten sich auch in einmal gebildeten Vorstellungen ein. Wir etikettieren die Dinge, stecken sie in eine Schublade und holen das alte Bild hervor, sobald wir der Situation und den Menschen, die mit diesem Bild verknüpft sind, begegnen. Damit ist unser Blick auf die Dinge nicht nur getrübt, getäuscht bzw. geblendet, sondern zusätzlich auch in der Vergangenheit gefangen.


Besonders der Buddhismus legt ein sehr starkes Augenmerk darauf, dass wir Menschen in Illusionen und falschen Vorstellungen über die Welt verhaftet sind. Wir leben oft vielmehr in unserer Vorstellungswelt mit all ihren Täuschungen, Irrungen, Schein- und Trugbildern als in der Welt, wie sie sich uns tatsächlich zeigt und offenbart. Die Anweisungen der spirituellen Meister in diesem Zusammenhang sind klar. Sie fordern uns auf, aufmerksam und wachsam zu sein. Wir müssen lernen, im gegenwärtigen Augenblick zu sein, unsere liebgewonnenen Vorstellungen laufend zu hinterfragen und an der Realität zu überprüfen und anzupassen sowie immer damit zu rechnen, dass wir einer Illusion aufsitzen oder getäuscht werden. Dabei müssen wir nicht ängstlich oder gar neurotisch werden. Wir müssen wach sein und alles vermeiden, was unsere Wahrnehmung trübt und unsere kognitiven Verarbeitungsmöglichkeiten schwächt. Wenn wir uns vor falschen Vorstellungen schützen wollen, müssen wir auf Alkohol und Drogen verzichten, unseren Konsum an medialen Ablenkungen und Zerstreuungen auf ein vernünftiges Maß einschränken und uns ausreichend Zeit geben, das Erfahrene zu verarbeiten und zu reflektieren. Ein Rückzug in die Stille und Ruhe kann von Zeit zu Zeit nicht nur wichtig sein, um wieder entspannen und den Stress abbauen zu können, er ist auch wichtig, um klar sehen und eine unmittelbare Verbindung zur Realität herstellen zu können. Unsere Gesellschaft bewundert den wirk- und tatkräftigen Menschen, der seinen Willen durchsetzt und umsetzungsstark seine Ziele verfolgt und erreicht. Wir huldigen diesen aktiven und maskulinen Attributen. Dabei verkennen wir die Bedeutung der Rezeptivität, der Einfühlsamkeit und Aufmerksamkeit. Wir übersehen, dass uns eine passiv, eher weibliche Haltung der Welt gegenüber dazu befähigt, mit ihr in einen echten Austausch zu kommen und sie zu berühren und so wahrzunehmen, wie sie ist. Wir leben dann mehr in der Welt selbst und weniger in der Vorstellungswelt unseres Verstandes. Unsere Gesellschaft ist hier sehr stark aus der Balance geraten. Das müssen wir ändern, wenn wir in einer weiterhin intakten und lebenswerten Umwelt zu Hause sein wollen.

© Christoph Paul Stock | Wien | 2026 | All rights reserved!
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