K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 1.18: Kontemplation ohne Unterscheidungen
विरामप्रत्ययाभ्यासपूर्वः संस्कारशेषोऽन्यः॥१८॥
Virāma pratyayābhyāsa pūrvaḥ saṁskāraśeṣo’nyaḥ. ||18||
Virāma = vollständiges Erlöschen
pratyaya = Geistesregung, mentale Vorstellungen, Eindrücke
abhyāsa = durch die Übung, unablässiges Bemühen
pūrvaḥ = der vorhergehenden, nicht manifestierte
saṁskāra = Eindrücke, Prägungen
śeṣaḥ = verbleiben
anyaḥ = die andere (Kontemplation)
„Eine andere Kontemplation (asaṁprajñāta samādhi) wird durch das unablässige Bemühung erreicht, alle Geistesregungen zum vollständigen Erlöschen zu bringen. Im Geist verbleiben lediglich nicht manifestierte Eindrücke (pūrvaḥ saṁskāra).“
Unabhängig davon, auf welcher Ebene des Bewusstseins wir uns bewegen, die jeweilige Ebene bestimmt den Fokus, den wir hinsichtlich der Welt haben. Ein Mensch, dessen Intellekt im Laufe seines Lebens intensiv geschult und ausgebildet wurde, der sich mit Fragen der Logik und Schlussfolgerung beschäftigt und es liebt, gegen Argumente anderer Personen seine eigenen Argumente zu stellen, ist geprägt von der Bewusstseinsdimension des „vitarka“. Ein anderer Mensch, den nicht so sehr der eigene Standpunkt, sondern auch die Standpunkte anderer Personen interessieren, der in der Lage ist, sich in die Lebenssituationen anderer Personen hineinzuversetzen, ihre Gedanken nachzuvollziehen und ihre Empfindungen nachzufühlen sowie ein größeres und tiefergehendes Bild der ihn umgebenden Welt zu erfassen, ist eingetaucht in den Bewusstseinszustand des „vicāra“. Wieder ein anderer Mensch, der sein Interesse von der äußeren Welt vermehrt auf die innere Welt lenkt, sich weniger um praktische und pragmatische Fragen des Alltagslebens kümmert, sondern mehr Interesse daran hat, jenseits der sinnlich wahrnehmbaren und intellektuell verarbeitbaren Welt Zugang zu einer Dimension zu finden, die spiritueller Natur ist und nicht die eigene Erfahrungswelt, sondern die Erfahrbarkeit des Seins in das Zentrum seines Strebens und Wirkens stellt, hat den Bewusstseinszustand des „ānanda“ betreten. Jede dieser Ebenen unterscheidet sich grundlegend von den anderen. Sie folgen eigenen Dynamiken, Gesetzmäßigkeiten und Bedingungen. Was auf der einen Ebene förderlich und erstrebenswert erscheint, kann auf der anderen Ebene ein Hindernis sein und Fortschritte erschweren. Auf jeder dieser Ebenen betrachtet man die Welt mit anderen Augen, mit einem anderen Verständnis und nimmt zu ihr eine andere Haltung ein. Es ist nicht so, dass ein Bewusstseinszustand besser oder wichtiger wäre als der andere. Vielmehr ist es so, dass sie aufeinander aufbauen, sich in den Grenzbereichen gegenseitig durchdringen und je nach Lebenssituation einmal mehr und einmal weniger Relevanz haben. Das Bewusstsein entwickelt sich. Ganz augenscheinlich unterscheidet sich das Bewusstsein von Tieren von jenem, das Menschen haben. Doch auch hier sind die Unterschiede gradueller Natur. Mit einem Hund kann der Mensch auf Jagd gehen, ihn zur Sicherung seiner Besitztümer einsetzen oder mit ihm Schmusen und Liebkosungen austauschen. Ohne ein ausreichendes Bewusstsein für Kooperation, Koordination, kommunikative Abstimmung und das Bedürfnis von sozialer Nähe und emotionalem Austausch, könnte eine solche Beziehung niemals funktionieren. Mit einem hoch entwickelten Säugetier aus der wilden Natur ist es schon viel schwieriger, eine solche Interaktion zu erreichen. Das Bewusstsein hinsichtlich der Verfasstheit der Welt unterscheidet sich in diesem Fall schon sehr gravierend. Bei anderen Tieren wie z.B. Insekten wird es praktisch unmöglich. Wir haben nur wenig Begreifen für die Dimension ihres Lebens und umgekehrt ist es genauso. Bewusstsein ist also in allen Dingen und Wesen enthalten. Es ist der graduelle Unterschied und die Tiefe des Bewusstseins, das hier entscheidend ist. Die von den Yogis in Sūtra 1.17 angesprochenen Bewusstseinsebenen sind solche, die für die Entwicklung des Menschen von besonderer Relevanz sind. Über diese hinaus, könnte man viele weitere Bewusstseinszustände anführen, die sich in der Welt der Tiere, in der Welt der Pflanzen und sogar in der Welt der anorganischen Materie finden. Richten wir den Blick in den Himmel wird auch klar, dass Wesen, die ein Verständnis für die großen Bewegungen im Kosmos haben, ein ganz anderes Bewusstsein entwickeln, als es uns Menschen möglich ist.
Der Schritt, den man in der Ausbildung des eigenen Bewusstseins machen muss, um von einem Tier zu einem Menschen zu werden, ist groß. Doch auch die Schritte, die gemacht werden müssen, um vom Bewusstseinszustand des „vitarka“ zu jenem des „vicāra“ und dann weiter zu den Zuständen des „ānanda“ und des „asmita“ zu gelangen, sind mit großen Herausforderungen verbunden. Manchmal benötigen wir nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte und nicht selten mehrere Leben, wie uns die Yogis sagen, um den nächsthöheren Bewusstseinszustand zu erreichen.
Da sich die Bewusstseinszustände voneinander stark unterscheiden, tritt immer dann eine besondere Phase ein, wenn ein Wesen von einem Bewusstseinszustand in einen anderen Bewusstseinszustand wechselt. Im Bewusstseinszustand des „vitarka“ ist die detaillierte Unterscheidung der Dinge von zentraler Bedeutung. Der Fokus liegt also auf der Diskriminierung der Dinge. Der Bewusstseinszustand des „vicāra“ hat hingegen einen integrierenden und jener des „ānanda“ einen inkludierenden und einigenden Fokus. Schließlich herrscht auf der Bewusstseinsebene des „asmita“ ein die Subjektivität auflösender und universale Bewusstseinsaspekt in den Vordergrund stellender Aspekt vor, der für die meisten Menschen ein reines Mysterium darstellt. Darüber hinaus liegt das Bewusstsein selbst, in dem keinerlei Unterscheidung mehr zu finden ist.
In Sūtra 1.17 wurde jene Kontemplation erläutert, die sich in einem bestimmten Bewusstseinszustand versenkt. Da sich dieser von anderen Zuständen unterscheiden lässt, sprechen die Yogis hier von einer unterscheidenden Versenkung (saṁprajñāta samādhi). Wenn man sich aber nun in der Übergangsphase zwischen zwei Bewusstseinszuständen befindet, dann muss sich der alte Zustand ein Stück weit auflösen, um Platz und Raum für die Entwicklung des neuen zu schaffen. Wenn sich ein Mensch mit ausgeprägten rassistischen Vorstellungen zu einem Menschen entwickeln will, der jene Aspekte des Mensch-Seins ins Auge fasst, die weniger unterscheidend und trennend, sondern vielmehr vereinend und integrierend sind, dann muss er alte Haltungen, Annahmen, Vorstellungen und Vorlieben aufgeben und ihre Wirkkraft auflösen, um eine ganz neue Sichtweise zulassen und entwickeln zu können. Ein solcher Schritt ist nicht leicht und erfordert daher, wie in Sūtra 1.18 erläutert, dass wir die alten eingeschliffenen Geisteshaltungen durch unablässiges Bemühen mehr und mehr zum Erlöschen bringen. Erst wenn wir so weit gekommen sind, dass sich die alten Geistesinhalte nicht ständig wieder manifestieren, wird es möglich, dass an ihre Stelle neue Inhalte treten, die nun aus einer neuen Sichtweise, aus einem neuen Blick auf die Welt mit einem geänderten Fokus entstehen. Diese Form der Kontemplation, die Raum schafft, damit neue Geistesinhalte sich entwickeln können, wird als nicht-unterscheidende Kontemplation (asaṁprajñāta samādhi) bezeichnet. Sie trägt in sich eine Art zerstörende Kreativität, da sie alte Inhalte zum Erlöschen bringt, damit neue Inhalte in den Raum des Geistes eintreten können.
Um die unterscheidende Kontemplation (saṁprajñāta samādhi) von der nicht-unterscheidenden Kontemplation (asaṁprajñāta samādhi) auseinander halten zu können, möchte ich ein Beispiel aus der Natur bringen. In vielen chemischen Prozessen werden Atome von anderen Atomen getrennt und mit neuen Atomen chemisch verbunden. Dadurch entstehen aus alten Verbindungen neue Verbindungen mit neuen Eigenschaften und Möglichkeiten. Kohlenstoff ist z.B. ein großartiger Stoff, um auf chemischer Ebene viele verschiedene Verbindungen zu bilden, weil Kohlenstoff sehr reaktionsfreudig ist und sich deshalb mit vielen anderen Elementen verbinden kann. Es ergibt sich eine besonders ausgeprägte Formbarkeit und damit die Möglichkeit, auch viele verschiedene Moleküle zu bilden. Doch welche Verbindungen auch immer eingegangen werden, der Kohlenstoff und die anderen Elemente bleiben erhalten. Was sich ändert, sind die Verbindungen zwischen ihnen. Wenn wir uns in der unterscheidenden Kontemplation (saṁprajñāta samādhi) befinden, dann bleiben bestimmte Aspekte des Seins unverändert, treten aber mit anderen Aspekten in Verbindung oder Wechselwirkung. In diesem Sinn kommt es zu einer Transformation aber zu keiner Transmutation. Der zentrale Aspekt der Unterscheidung bleibt im Bewusstseinszustand des „vitarka“ genauso erhalten wie jener der Integration im Zustand des „vicāra“, jener der Inklusion im Zustand des „ānanda“ oder jener der Intentionalität im Zustand des „asmita“. Anders sieht die Situation aus, wenn es zu einer Transmutation kommt. Der Begriff „Transmutation“ stammt aus der Alchemie. Man verstand darunter die Veränderung von Substanz und Qualität eines Elements. Konkret versuchte man, unedle Metalle wie z.B. Blei oder Quecksilber in Edelmetalle wie z.B. Gold oder Silber umzuwandeln. Eine solche Umwandlung ist nie gelungen, doch die moderne Physik hat Prozesse entdeckt, die einer solchen Umwandlung entsprechen. Es gibt Elemente wie z.B. das Uran, die einen instabilen Atomkern haben. Die Instabilität ergibt sich daraus, dass der Atomkern beim Uran sehr viele Protonen und Neutronen besitzt und aus diesem Grund sehr schwer ist. Tritt nun in den Atomkern ein zusätzliches Neutron ein, was z.B. durch natürliche Strahlung verursacht werden kann, wird der Atomkern instabil und zerfällt. Bei diesem Zerfall wird nicht nur Strahlung frei, sondern es entsteht ein völlig neues Element. Im Fall von Uran kann durch eine solche spontane Spaltung Technetium oder Promethium entstehen. Neben diesem Spaltungsprozess in sehr schweren Atomkernen gibt es aber auch Fusionsprozesse, bei denen aus einem Element ein anderes Element entsteht. Das klassische Beispiel dafür ist die Kernreaktion, die man in der Sonne beobachten kann. Hier verschmelzen in einem laufenden Prozess unter gewaltigem Druck Wasserstoffatome, die in ihrem Atomkern nur ein einziges Proton haben, zu Heliumatomen mit zwei Protonen im Atomkern. Winzige Teile der Protonen werden in diesem Fusionsprozess als Energie freigesetzt und sind als Strahlung auf der Erde wahrnehmbar. Es wird also nicht wie in einem Ofen durch Verbrennung Energie generiert, sondern es findet ein Veränderungsprozess auf atomarer Ebene statt, bei dem Elemente transmutieren. Ein Element, nämlich Wasserstoff, wird zerstört und ein anderes Element, nämlich Helium, entsteht. Es kommt zu einer Veränderung auf elementarer Ebene. Genauso ist es bei der nicht-unterscheidenden Kontemplation (asaṁprajñāta samādhi). Grundlegende Aspekte des Seins werden nicht nur transformiert, sondern auf elementarer Ebene transmutiert. Der zentrale Aspekt der Unterscheidung im Bewusstseinszustand des „vitarka“ wird in den Aspekt der Integration im Zustand des „vicāra“ transmutiert. Der Aspekt der Integration im Zustand des „vicāra“ transmutiert in jenen der Inklusion im Zustand des „ānanda“. Schließlich kommt es zu einer Transmutation von der Ebene der Inklusion in die Ebene des Ich-Bewusstseins (asmita) und dann in jenen Raum des reinen Bewusstseins, den man „purusa“ nennt. Die Veränderungen sind also nicht nur formender, sondern mutierender Natur. Es sind nicht nur die Materie formende Kräfte beteiligt, sondern die Materie selbst wird teilweise zu Energie und teilweise zu einer elementar neu gestalteten Art der Materie. Der energetische Aspekt der Transmutation kann in der Strahlung erkannt werden, die freigesetzt wird. Es ändert sich in diesem Prozess nicht nur das Verständnis für die Welt durch Einsicht und Erkennen, sondern es verändert sich etwas auf der Ebene des Bewusstseins, was viel grundlegender und elementarer ist. Man wechselt nicht nur von einer Form in eine andere, sondern man verändert die gesamte Haltung gegenüber der Welt und dem Sein. Etwas kreativ Neues wird geboren. Dabei stirbt aber auch etwas Altes, das diesem kreativen Prozess zum Opfer fällt. Darin steckt die besondere Herausforderung der nicht-unterscheidenden Kontemplation (asaṁprajñāta samādhi). Sie führt den Aspiranten im Yoga in einen Bereich des Chaos und der Zerstörung. Eine alte Sichtweise und Haltung zum Leben muss aufgegeben werden, damit eine gänzlich neue daraus entstehen kann. Ein solcher Prozess ist nicht nur schmerzhaft und anstrengend, er verhüllt auch die Sicht, weil eine neue Sichtweise entstehen muss, und nimmt auch die Stabilität, weil eine neue Lebenshaltung sich bildet. Man ist im Blindflug unterwegs und weiß nicht so recht, wo links, rechts, oben oder unten ist. Eine Zeit lang geht jede Unterscheidbarkeit verloren und es kann dauern, bis sich ein neuer Boden unter den Füßen bildet und sich der Nebel vor den Augen zu lichten beginnt. Weil viele Menschen sich vor einem solchen Zustand fürchten, wird dieser Schritt sehr oft verweigert.
Wenn man die Sūtras zum Thema des „samādhi“ liest, kann man leicht auf den Gedanken kommen, dass es sich nur um einen inneren Prozess handelt, der einem in der tiefen Versenkung der Meditation widerfährt und wenig mit dem äußeren und konkreten Leben zu tun hat. Man könnte glauben, dass sich das Alltagsleben von dieser spirituellen Dimension trennen ließe. Doch dies ist nicht der Fall. Wenn die spirituellen Praktiken eine rein mentale Übung bleiben und über eine Ansammlung von Wissen, intellektuelle Diskurse und logische Schlussfolgerungen nicht hinausgehen, bleibt Spiritualität eine blutleere Angelegenheit ohne Bedeutung und Wirkung. Doch wenn man in der Praxis des Yoga beginnt, tatsächlich die geistige Dimension des Seins zu berühren, ändern sich nicht nur mentale Zusammenhänge des Denkens, sondern es ändern sich ganze Erfahrungswelten des Seins. Erst wenn die spirituelle Praxis sich in den Phänomenen der täglichen Existenz niederschlagen, wird aus einer intellektuellen Übung eine existenzielle Erfahrung. Dann ist Spiritualität nicht einfach etwas, mit dem man sich beschäftigt, über das man nachdenkt und spricht, sondern etwas, was das eigene Leben beginnt zu formen und umzugestalten. Es ist möglich, ein religiöses Leben zu leben, bei dem man sich an Rituale, Regeln und dogmatische Vorgaben hält. Hier ist die Gefahr groß, dass man sich in einer schlichten Bigotterie verliert. Nichts geschieht, weil man sich im religiösen Trott eingerichtet hat. Doch wer den Geist wirklich berührt, kann in diesem Trott nicht verweilen. Am Anfang steht immer die Akkumulierung von Wissen, eine intellektuelle Auseinandersetzung und ein schlussfolgerndes und reflektierendes Einordnen der Erfahrungen. Doch irgendwann geht es darum, mit der Lebendigkeit selbst in Berührung zu kommen, ihrer Bewegungen gewahr zu werden und das eigene Leben auf diesen Lebensfluss hin auszurichten. Es ist eine Sache, einen Fluss zu beobachten, ihn zu beschreiben, den Zeh vielleicht ins Wasser zu halten oder in einem Boot auf ihm zu fahren. Doch eine andere und existentielle Sache ist es, in den Fluss hineinzuspringen und mit ihm mitzuschwimmen. Da kann es schon einmal turbulent und unübersichtlich werden. Es kann dauern, bis man sich an die Temperatur des Wassers, die Strömungen, die Strudel und Untiefen gewöhnt und eine Balance gefunden hat, die einen nicht nur im Auf und Ab sowie Hin und Her nach Luft schnappen lässt, sondern den Auftrieb nutzend im Rhythmus der Wellen und Bewegungen schwimmen lässt. Wenn wir von einem Bewusstseinszustand in einen anderen wechseln wollen, dann müssen wir uns einer solchen Situation stellen. Wir müssen den Mut aufbringen, durch diese Zeit der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit durchzugehen. Wir können nicht auf einem Brett im Fluss sitzend warten, bis ein anderes Brett kommt und wir sicher und gemütlich hinübersteigen können. Nein, wir müssen in die Fluten hinein und ihr Tosen, Rauschen und Wallen zulassen, bis ein neues Brett auftaucht, das uns mehr Stabilität und Sicherheit gibt.
Dieser Sprung ins Wasser ist die große Herausforderung. Solange wir liebgewonnene und gewohnte Denkmuster, Sichtweisen und Geisteshaltungen aufrechterhalten, wird dieser Sprung nicht erfolgen. Ich möchte dies am Beispiel des Übergangs vom Bewusstseinszustand des „vicāra“ zu jenem des „ānanda“ aufzeigen.
Im Bewusstseinszustand des „vicāra“ ist es uns möglich, aus unseren Erfahrungen heraus nicht nur die vielen Unterschiede in der Welt zu erkennen, sondern auch die Gemeinsamkeiten, die sich archetypisch in der Welt zeigen, zu verstehen. Ein solcher Bewusstseinszustand ermöglicht es uns, über eine egozentrische Sichtweise hinaus Kompromisse einzugehen, unterschiedliche Interessenslagen zu verbinden und auszugleichen sowie Leidenssituationen anderer Menschen wahrzunehmen und unterstützend dabei zu helfen, diese zu ertragen, zu verbessern oder ganz zu beseitigen. Wir sind in der Lage, sozial verträglich und psychisch gefestigt zu handeln. In diesem Bewusstseinszustand wird unser Handeln primär von unserer eigenen Erfahrungswelt geformt. Dabei laufen wir Gefahr, alles auszublenden, was sich nicht in unsere Erfahrungswelt einordnen und integrieren lässt. Wir stützen uns auf jene Bewusstseinsinhalte, die sich aus unserem eigenen Leben geformt und ergeben haben. Gleichzeitig neigen wir dazu, in dieser egoistischen Sicht alles auszublenden, was sich mit unserer Erfahrungswelt nicht vereinbaren lässt. Wir sind durch unsere eigenen Vorstellungen, Konzepte, Wünsche und Hoffnungen konditioniert. Wir haben zwar einen ausgereiften persönlichen Blick auf die Welt. Es fehlt uns aber ein Gespür für jene Zusammenhänge, die uns nicht widerfahren sind und zur Erfahrungswelt anderer Menschen und Wesen gehören. Wir sind in unseren persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen gefangen. So sehr wir uns auch bemühen, weitere persönliche Erfahrungswerte in unser Leben zu integrieren, es wird uns auf diese Art und Weise niemals gelingen, das ganze Bild zu sehen und zu verstehen. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen.
Wenn wir nun vom Bewusstseinszustand des „vicāra“ in jenen des „ānanda“ wechseln wollen, müssen wir in einem ersten Schritt persönliche Geistesregungen (pratyaya) zur Ruhe bzw. zum Erlöschen bringen, die uns bisher die Richtung gewiesen haben. Kognitiv bilden wir uns bestimmte Urteile in bestimmten Situationen. Dabei entsprechen unsere Urteile jenen Vorstellungsinhalten, die wir für richtig und akzeptabel halten. Sie können aus persönlicher Erfahrung kommen oder aus kollektiven Erfahrungen übernommen sein, die wir für uns als relevant akzeptiert haben. Emotional nehmen wir bestimmte negative Haltungen ein, wenn Situationen unseren Wünschen und Hoffnungen nicht entsprechen. In beiden Fällen beurteilen wir die Welt anhand unserer persönlichen Maßstäbe, die Inhalte unseres persönlichen Verstandes sind und bilden einen inneren Widerstand gegen das aus, was diesen Maßstäben nicht entspricht. Dieser Widerstand erzeugt Unbehagen und Leiden. Wenn wir unseren Verstand nutzen, um über die Welt zu urteilen und festzulegen, was für uns wünschenswert ist und was nicht, gehen wir in die Vergangenheit und nutzen dort gemachte Erfahrungen für unsere Entscheidungen bzw. projizieren die aktuelle Situation in eine von uns erhoffte und gewünschte Zukunft, die unseren Vorstellungen entspricht. In beiden Fällen verlassen wir das Hier und Jetzt, um uns zu orientieren. Wenn es um praktische Aspekte unseres Lebens geht, macht es Sinn, vergangene Erfahrungen zum Maßstab unseres Handelns zu machen. Man muss z.B. viele Erfahrungen machen, um im Verkehr einer Großstatt sich unfallfrei und mit möglichst wenig Ärger bewegen zu können. Nur persönliche Erfahrung, Training und Know-How ermöglichen uns, effektiv am Verkehr teilzunehmen. Doch alle Erfahrungen helfen uns wenig, wenn wir nicht bei der Sache im Hier und Jetzt sind, mit dem Handy spielen, unsere Frisur im Spiegel richten oder die glühende Zigarette vom Boden aufheben, die uns gerade hinuntergefallen ist. Erfahrungen lassen sich nur richtig einsetzen und für ein in die Zukunft gerichtetes Handeln nutzen, wenn wir das Hier und Jetzt möglichst unmittelbar und akkurat wahrnehmen. Auf dem eigenen Recht stur zu beharren, kann schnell einen Unfall verursachen und so zu fahren, wie es einem gerade gefällt, kann rasch Chaos und Unsicherheit verursachen. Man ist nicht allein auf der Straße und daher ist man gezwungen, im Hier und Jetzt zu sein. Was wir im Verkehr beachten, um ohne Probleme unsere Ziele zu erreichen, beherzigen wir in unserem Leben oft nicht. Statt dem Lebensfluss zu folgen, wollen wir um jeden Preis Recht haben, unseren Willen durchsetzen und unser Leben so leben, wie es uns gefällt. So wie der Verkehrsfluss unter diesen Bedingungen ins Stocken gerät, gerät auch unser persönlicher Lebensfluss in Schwierigkeiten, wenn wir das Hier und Jetzt und seine Rahmenbedingungen und Regeln nicht berücksichtigen. Wenn wir vom Bewusstseinszustand des „vicāra“ in jenen des „ānanda“ wechseln wollen, müssen wir das Hier und Jetzt zum primären Fokus unseres Lebens machen. Vergangenheit und Zukunft mögen eine praktische Rolle spielen, doch ohne unmittelbare Berührung mit dem Hier und Jetzt wissen wir nicht, was wirklich geschieht und was wir wirklich tun sollen. Der Verkehr lehrt uns auch noch eine andere Lektion. Wir erfahren, dass es meist keinen Sinn macht, sich gegen Verkehrssituationen aufzulehnen und sie gewaltsam ändern zu wollen. Wenn es einen Unfall gegeben hat oder das Verkehrsaufkommen sehr hoch ist, kommt es zu einem Stau. Dies lässt sich nicht ändern. Man muss es akzeptieren und annehmen. Doch in unserem Leben tun wir uns oft sehr schwer damit, zu akzeptieren, was ist, obwohl wir es genauso wie im Beispiel des Staus nicht ändern können. Es macht keinen Sinn, sich aufzuregen, wütend zu werden und die Nerven wegzuwerfen, wenn man in einen Stau gerät. All diese Aktionen schaden nur uns selbst und eventuell anderen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern, doch sie ändern nichts an der Situation. Wenn es uns gelingt, die unveränderliche Situation so anzunehmen wie sie gerade ist und alle Aufregung, alle Wut und allen Ärger loszulassen, leisten wir einen aktiven Beitrag dazu, dass sich die schwierige Verkehrs- bzw. Lebenssituation verändern und entspannen kann. Für unseren Verstand ist es schwierig, das Leben so anzunehmen, wie es ist. Sofort beginnt der Verstand zu urteilen, negative Emotionen zu produzieren und will, dass die Welt anders ist als sie sich gerade zeigt.
Ein weiterer fundamentaler Schritt vom Bewusstseinszustand des vicāra“, der sehr stark an unsere mentalen Aktivitäten gekoppelt ist, in jenen des „ānanda“ liegt darin, dass wir beginnen, unseren eigenen Verstand zu beobachten. Wir sehen, wie er in Rage gerät, erkennen, wie die Wut in ihm aufsteigt, verstehen, wie er über die Situation und andere Menschen urteilt und von einem verurteilenden Argument zum nächsten sowie von einer negativen Emotion zur nächsten springt. Nur wenn es uns gelingt, mehr Abstand zu unserem Verstand zu erlangen, können wir einen inneren Frieden erreichen und bewahren. Wir müssen es fertigbringen, die unmittelbare Situation im Hier und Jetzt so zu akzeptieren, als hätten wir ihr Entstehen selbst gewählt. Wenn wir die Situation so annehmen können, wie sie ist, kann das unser Leben vollkommen verändern.
An diesem kleinen Beispiel wird schon ersichtlich, wie herausfordernd der Wechsel eines Bewusstseinszustandes ist. Im konkreten Beispiel geht es darum, unsere Konditionierungen zu lockern, die Relevanz unserer Urteile und negativen Gefühle zu hinterfragen, uns aus einer Beschäftigung mit der Vergangenheit und Zukunft in den jetzigen Augenblick und das Hier und Jetzt zu begebene und uns unserer Identifikation mit unserem Verstand bewusst zu werden, um seine Dominanz und übermächtige Präsenz zu brechen. Der Fokus unserer Aufmerksamkeit verändert sich. Unsere Erfahrungswelt rückt aus dem Zentrum der Beobachtung und das Hier und Jetzt in seiner Gesamtheit, so wie es sich unmittelbar in diesem Augenblick präsentiert, wird zum zentralen Fokus unseres Seins. Wir selbst schieben uns aus dem Zentrum der Beobachtung heraus und betrachten uns selbst und die Welt aus einer völlig anderen Perspektive. Das ist ein wenig so, als würde sich schlagartig die Sonne und alle Planeten und Gestirne nicht mehr um die Erde drehen, obwohl wir das aus unserer Perspektive so sehen, sondern die Erde sich mit den anderen Planeten um die Sonne bewegen. Wir sind aus dem Zentrum herausgerückt und erkennen eine völlig neue Realität, die uns bisher nicht bewusst gewesen ist. Trotz einer ernsthaften Verfolgung einer solchen neuen Perspektive, wird es uns immer wieder passieren, dass wir uns mit dem Verstand identifizieren, unsere Weltsicht in das Zentrum der Dinge stellen, uns in der Vergangenheit und Zukunft verlieren, obwohl wir im Hier und Jetzt sein sollten. Diese Phase kann lange dauern und wir werden immer wieder in die alten Gewohnheiten und Denkmuster zurückfallen. Doch irgendwann wird sich der Nebel lichten und wir können diese neue Perspektive dauerhaft und beständig in uns aufrechterhalten und zum Angelpunkt unseres Lebens machen. Dann haben wir die Übergangsphase durchschritten und eine neue Ebene betreten. An die Phase des „asaṁprajñāta samādhi“ schließt sich jene des „saṁprajñāta samādhi“ an und eine neue Deimension des Bewusstseins ist geboren.
Natürlich ist es so, dass wir die verschiedenen Ebenen des Bewusstseins nicht Schritt für Schritt nacheinander betreten. Es ist keine mathematische Rechenaufgabe, bei der ein Rechenschritt nach dem anderen folgt. Unser Bewusstsein kann jede Dimension betreten und sie aktivieren. Die grundlegende Frage ist nur, in welcher Dimension wir uns vorrangig befinden. Welcher Bewusstseinszustand ist die steuernde Ebene, von der aus wir unser Leben primär ausmanövrieren. Zusätzlich ist es nicht selten so, dass wir bestimmte Ebenen voll integriert und damit bewusst aktiviert haben und andere Ebenen zwar nutzen, in diesem Vorgehen aber unbewusst sind und oftmals naiv agieren. Wenn wir tiefere Schichten des Bewusstseins aktivieren, ohne die entsprechende Reife für diese Ebenen zu haben, kann unser Vorgehen und Handeln unbeschwert und leichtfüßig wirken. Andere beneiden uns vielleicht für diesen unbedarften Umgang mit dieser Ebene. Doch es besteht die große Gefahr, dass wir z.B. in einem Bereich, der die Überschreitung einer egozentrischen und egoistischen Haltung als Voraussetzung für eine lebensförderndes Vorgehen verlangt, gerade nicht in einem Bewusstsein für den Bedarf des Großen und Ganzen, sondern ichzentriert und ichbezogen handeln. Die Folgen, die unser Vorgehen dann zeitigt, dienen in diesem Fall nicht dem Weltganzen, sondern nur uns selbst. Früher oder später werden sich entsprechend negative Folgen einstellen. Unser Handeln wirkt auf uns zurück. Wir können uns nicht darauf hinausreden, dass uns die Dinge unzureichend bewusst gewesen sind. Wir haben eine Verantwortung dafür, was wir mit den Möglichkeiten anstellen, die uns das Leben bietet. Es gilt ein wenig der Grundsatz, den wir auch im Strafrecht finden. Dort heißt es, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Im hier angeführten Kontext könnte man sagen, dass die Nutzung von Lebensdimensionen, die wir uns noch nicht ausreichend bewusst gemacht haben und dennoch von uns genutzt werden, in unsere volle Verantwortung fallen. Wir können uns nicht darauf hinausreden, dass uns die Zusammenhänge ungenügend bewusst waren. Hier seien als Beispiel nur kurz die vielen Staatslenker erwähnt, die behaupten, für den Staat und das Volk das Beste zu wollen, um gleichzeitig nur ihren eigenen und den Vorteil jener zu verfolgen, die ihnen nahestehen und sie wählen. Es ist unser Schicksal, dass wir zuerst einmal naiv-kindisch auf das Leben in seiner Vielfalt zugehen müssen, um an den Folgen unseres Handelns und Unterlassens zu lernen und zu erleiden, wie es aufgebaut ist und funktioniert. Wir müssen aus dem Paradies der Unbewusstheit fallen und uns das Paradies in einem oft schweren und langwierigen Prozess der Bewusstmachung neu erarbeiten.

Abbildung 3Grafik-Design: © bei Christoph Paul Stock |
Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass in manchen Kommentaren zu den hier besprochenen Sūtras 1.17 und 1.18 die Versenkung im „asaṁprajñāta samādhi“ als letzter Schritt hin zur absoluten Befreiung im Zustand der Erleuchtung dargestellt wird. Es ist sicher richtig, dass im Zustand der höchsten Erleuchtung „dharma megha samādhi“ keinerlei Unterscheidung mehr vorhanden ist. Doch die Abwesenheit der Unterscheidbarkeit ist etwas anderes als das Fehlen einer Unterscheidbarkeit. Im letzteren Fall befindet man sich im Nebel, der alle Konturen verschleiert. Man weiß aber, dass hinter dem Nebel etwas ist, das sich erst zeigen wird und sich dann unterscheiden lässt. Wenn sich der Nebel lichtet, wird etwas sichtbar, das im „asaṁprajñāta samādhi“ noch nicht sichtbar ist. Überschreitet man aber die Ebenen des „vitarka“, „vicāra“, „ānanda“ und „asmita“ befindet man sich neuerlich in einem Nebel der Ununterscheidbarkeit. Doch wenn sich dieser Nebel lichtet, taucht nicht etwas Unterscheidbares in Komplementarität zum Nicht-Unterscheidbaren auf, sondern Unterscheidbarkeit und Nicht-Unterscheidbarkeit lösen sich in etwas auf, das ohne jede Unterscheidbarkeit ist. Ich will hierfür ein Beispiel in Analogie geben. Licht ist grundsätzlich unsichtbar. Wir können es nur sehen, wenn es auf unsere Netzhaut trifft und dort einen Reiz verursacht oder mit einem Gegenstand kollidiert, der es reflektiert. Die Sonne strahlt ihr Licht unablässig in alle Richtungen des Weltalls aus. Wenn wir in der Nacht den Blick in den Himmel richten, dann sehen wir dieses Licht nicht, obwohl es die gesamte Erde umgibt. Wir sehen das Licht anderer Sterne, das auf unsere Sinnesrezeptoren in den Augen trifft und wir sehen das Licht des Mondes, der das Sonnenlicht reflektiert. Doch das Licht der Sonne, das sich durch den Raum bewegt und auf kein Objekt stößt, bleibt unsichtbar. Es fehlt die Möglichkeit der Unterscheidung. Wenn wir nun in einem inneren Raum der Unendlichkeit ohne jeden Gegenstand und damit ohne jegliche Möglichkeit der Reflexion eines Lichtes gewahr werden, das aus sich selbst heraus leuchtet, wird uns etwas bewusst, das jenseits aller Unterscheidbarkeit und Nicht-Unterscheidbarkeit liegt. Da hier keinerlei Objekt, welcher Art auch immer, aufkeimt, von dem das Licht reflektiert werden könnte, verschwindet auch jede Empfindung für Raum und Zeit. Solange es ein Aufkeimen gibt, aus dem sich Objekte bilden, die vom Licht angestrahlt werden können, ist Unterscheidbarkeit potenziell oder real gegeben. Wir befinden uns im Bereich des „asaṁprajñāta samādhi“ und des „saṁprajñāta samādhi“, die beide zu einer Versenkung gehören, in der das Aufkeimen der Erscheinungsformen von Bedeutung ist. Es handelt sich um eine Kontemplation, die sich auf etwas Aufkeimendes richtet (sabijasamādhi). Doch jenseits dieser Kontemplation gibt es eine Versenkung, in der es kein Aufkeimen mehr gibt und alle potenzielle und reale Unterscheidbarkeit verschwindet. Es entsteht eine Kontemplation ohne jedes Keimen (nirbijasamādhi).