K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 1.42: Kontemplation im Kontext von Überlegungen
तत्र शब्दार्थ ज्ञान विकल्पैः संकीर्णा सवितर्का. ॥४२॥
Tatra śabdārtha jñāna vikalpaiḥ saṁkīrṇā savitarkā. ||42||
Tatra = dort
Śabda = Klang, Wort, Name, Begriff
ārtha = Objekt, Form, Bedeutung
jñāna = Wissen, Erkenntnis, Idee, Einsicht
vikalpaiḥ = Annahme, Konzeption
saṁkīrṇā = vermischen mit
savitarkā = wohl überlegt, mit Bedacht gewählt
„Dort, wo sich Begriffe (als schlichte Worte), Bedeutung (erlangt durch Sinneseindrücke, gedankliche Verarbeitung und Schlussfolgerungen) und wahre Einsicht (auf Grundlage tiefgreifender Reflexion und Auseinandersetzung) miteinander vermischen, entsteht eine Kontemplation im Kontext von Überlegungen (savitarkā samādhi).“
Wer sich mit Sprachen beschäftigt und eine neue Sprache erlernt, stellt schnell fest, dass sich viele Begriffe nicht einfach eins zu eins übersetzen lassen. Selbst wenn Begriffe sehr ähnlich zu sein scheinen, können sie dennoch unterschiedliche Konnotationen haben. Man verwendet sie in bestimmten Zusammenhängen. Doch es gibt auch Zusammenhänge, in denen man sie in der einen Sprache nutzt und in der anderen Sprache nicht. Jeder Begriff ist also eingewoben in ein Netzwerk an Begriffen und dieses Netzwerk von Begriffen unterscheidet sich in den unterschiedlichen Sprachen. Doch das ist nicht das Ende der Geschichte. Es gibt Begriffe, die von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen in bestimmten Kontexten eingesetzt werden und von anderen nicht. Aber nicht nur Gruppen nutzen Begriffe unterschiedlich. Auch Einzelpersonen verwenden Begriffe in abweichender Weise. Es gibt also kollektiv und persönlich geprägte Begriffsnetzwerke. In der Psychologie hat man untersucht, welche Worte bei verschiedenen Menschen welche unmittelbaren Assoziationen hervorrufen. Man beobachtet, welcher Begriff bei der Äußerung eines bestimmten Wortes als erster im Gedächtnis der Versuchsperson auftaucht. Man kann auch nach weiteren assoziierten Begriffen fragen und stellt so schnell fest, dass es zwar eine Häufung bestimmter Begriffe in der Reihenfolge ihres Auftretens in dieser Assoziationskette gibt, aber immer wieder Abweichungen und Ausreißer auftreten. Schließlich können assoziierte Begriffe auch zueinander in Beziehung gesetzt werden. So kann untersucht werden, mit welcher emotionalen Ausrichtung Begriffe belegt sind. Verwendet man den Begriff „Sonnenschein“, kommt die Assoziation zum Begriff „Wohlbefinden“ sehr schnell. Verwendet man den Begriff „Krankheit“, verlängert sich die Reaktionszeit, wenn dieser Begriff in Relation zum Begriff „Wohlbefinden“ gesetzt wird. Ist hingegen der Begriff „Unbehagen“ oder „Angst“ zum Begriff „Krankheit“ in Relation gesetzt, kommt die assoziative Reaktion sehr schnell. Was für Begriffe gilt, kann auch bei ganzen Sätzen beobachtet werden, die Aussagen über Zusammenhänge machen. Hier kommt zur emotionalen Prägung noch eine weitere Bewertungsebene hinzu, die angibt, ob etwas als richtig oder falsch eingeschätzt wird. Begriffe und Sätze sind also mit Bewertungen und Urteilen verknüpft. Sprachliche Netzwerke in unserer Vorstellungswelt sind nicht nur semantisch unterschiedlich aufgebaut, sondern hinsichtlich ihrer emotionalen und rationalen Bewertung geprägt und definiert. Diese Bewertungen sind durch unsere persönlichen Erfahrungen aber auch durch die menschliche Evolutions- und Kulturgeschichte entstanden. Unsere Sprache und Begriffswelt spiegelt daher auch unsere Entwicklung und Erfahrungswelt wider. Wenn wir uns nun mit komplexen Lebensfragen beschäftigen, nutzen wir für die Auseinandersetzung das uns zur Verfügung stehende Vorstellungsnetzwerk an Begriffen und Sätzen. Wenn wir diese geistige Auseinandersetzung mit anderen Menschen teilen, wird oft rasch ersichtlich, dass uns das Gegenüber nicht oder nur teilweise versteht. Das Problem liegt darin, dass jeder unter einem Begriff etwas Abweichendes verstehen kann, sich Prioritäten im Denken und unterschiedliche Denkmuster zeigen, emotionale und rationale Bewertungen nie übereinstimmen und jeder der Diskussionspartner meist darauf fokussiert ist, seine eigene Vorstellungswelt als die richtige zu verteidigen und weniger damit, die Vorstellungswelt des anderen zu verstehen. Man erkennt, wie sich Begriffe (śabda), Bedeutungen (ārtha) und Einsichten (jñāna) im Konglomerat der verschiedenen Vorstellungswelten vermengen und uns in der Auseinandersetzung mit unserer eigenen aber auch in der Auseinandersetzung mit den Vorstellungswelten anderer häufig verwirrt und konfus zurücklassen. Wir sind in unseren Vorstellungswelten gefangen.
Die Fixierung auf in unserer Vorstellungswelt vorhandene Begriffe (śabda), Bedeutungen (ārtha) und Einsichten (jñāna) bringt aber noch ein weiteres Problem mit sich. Sobald wir einen Gegenstand, ein Lebewesen oder einen Menschen mit einem Wort, bestimmten emotionalen und rationalen Beurteilungen oder vorgefassten Meinungen, Einsichten und Erkenntnissen etikettieren, haben wir den Gegenstand, das Lebewesen bzw. den Menschen in einer Schublade unserer Vorstellungswelt abgelegt. Bei einer neuerlichen Begegnung ist die Gefahr groß, dass wir nicht den Gegenstand, das Lebewesen oder den Menschen unmittelbar wahrnehmen, sondern lediglich den Inhalt aus unserer Vorstellungswelt hervorkramen und das Gegenüber in Entsprechung unserer Begriffe, Bedeutungen und Einsichten beurteilen. Wir haben uns ein Vorurteil gebildet. Dabei sind Vorurteile kein Problem, solange sie vertretbaren praktischen Anliegen dienen und es uns erleichtern, die Komplexität in der Welt zu reduzieren, um handlungs- und überlebensfähig zu bleiben. Doch Vorurteile werden dann zum Problem, wenn alles einem Nützlichkeitsparadigma untergeordnet wird und man die Bedeutung der Einzigartigkeit jedes Augenblicks und die Dynamik jeder auftretenden Erscheinung in der Welt aus den Augen verliert. Wenn wir nur mehr in unserer Gedankenwelt leben und die Fähigkeit verlieren, das Leben unmittelbar ohne die Filter unserer Begriffe, Bedeutungen und Einsichten zu beobachten, verschwindet das Wunder dieser Welt aus unserem Blickfeld. Wir leben mehr und mehr in einer Welt der Zergliederung und musterhaften Schemata, in der sich Langeweile, Repetition und Statik ausbreiten. Wir verlieren den Kontakt zur Wirklichkeit und finden uns in einer öden kleinen und verengten Welt wieder, aus der alle Mysterien verschwunden sind. In einer solchen Welt ist es nicht mehr möglich, der Wirkkraft des Lebens gewahr zu werden. Wir sind in einer bruchstückhaften Realität eingesperrt und können das dynamische, in sich verwobene und sich ständig evolvierende Ganze nicht mehr erkennen. Unser Empfinden, Denken und Fühlen haben unsere Fähigkeit überlagert, das Leben intuitiv als Ganzheit wahrzunehmen. Begriffe, Bedeutungen und Einsichten können so zu Götzen werden, die wir anbeten und als Besitzstände vor uns hertragen oder als Schreckgespenster von uns weisen und ignorieren. Dann ist das Göttliche nicht etwas, das wir als die Lebendigkeit und das Sein selbst begreifen, sondern ein Begriff, mit dem unzählige Assoziationen, Vorstellungen, Gefühle und Beurteilungen verbunden sind. Ein solcher Begriff mit all seinem Ballast kann zum Hindernis werden, um das Göttliche tatsächlich zu finden. Ähnlich ergeht es uns mit Begriffen wie „Himmel“ und „Hölle“, „Schuld“ und „Vergebung“, „Sünde“ und „Tugendhaftigkeit“ usw.
Begriffe (śabda), Bedeutungen (ārtha) und Einsichten (jñāna) machen Kommunikation und Austausch möglich. Ohne ihre Hilfe hätte der Mensch sich nicht so weit entwickeln können. Doch wir müssen die Grenzen ihrer Möglichkeiten erkennen und verstehen, dass die spirituelle Dimension über sie weit hinausgeht.
In der Kontemplation, die sich in die Welt der Vorstellungen und Überlegungen versenkt (savitarkā samādhi) kann uns die Verwirrung bewusstwerden, die sich aus der Vermengung von Begriffen, Bedeutungen und Einsichten ergibt. Wir hören auf, Begriffe für absolut zu halten und finden die Bereitschaft, immer wieder zu klären, wer in einem bestimmten Kontext was unter einem bestimmten Begriff versteht. So erlangen wir mehr Klarheit hinsichtlich der Bedeutung der Dinge. Auf der Ebene der Bedeutungen müssen wir klären, welche emotionalen und rationalen Beurteilungen die jeweilige Bedeutung bestimmen. So können wir nicht nur Begriffe von Begriffen klar auseinanderhalten, sondern auch ihren Bezug zu den einzelnen Bedeutungen, die ihnen zugeschrieben werden, besser verstehen. Begriffe vermengen sich dann nicht unreflektiert mit verschiedenen Bedeutungsinhalten und es können diffuse Vorstellungsinhalte vermieden werden. Im Bereich der Einsichten muss uns klar werden, dass wir uns auf begriffliche Netzwerke mit umfangreichen Bewertungs- und Bedeutungsinhalten im jeweiligen Erkenntnisprozess stützen. Nur wenn nachvollziehbar ist, wie die verwendeten Begriffe definiert sind und welche Bewertungs- und Beurteilungsmaßstäben Bedeutung im Erkenntnisprozess zukommt, herrscht ausreichende Klarheit über den Erkenntnisprozess selbst. Die moderne Wissenschaft ist bemüht, all diesen Kriterien gerecht zu werden und die Verwirrung dieser Ebenen möglichst aufzudröseln. Es gibt Gütekriterien, die einzuhalten sind, damit das gedankliche Vorgehen von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch nachvollzogen und überprüft werden kann. Dieses Vorgehen ist zu begrüßen, darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem analytischen Vorgehen der Wissenschaft Grenzen gesetzt sind. Gütekriterien lassen sich in der Naturwissenschaft weit einfacher finden, definieren und anwenden als z.B. in der Sozialwissenschaft. Je komplexer und unübersichtlicher der untersuchte Gegenstand wird, umso schwieriger wird es auch, Einsichten allein mit den Mitteln des Verstandes zu erlangen. Der ordnende Verstand ist notwendig, damit wir die vielen auf uns einwirkenden Reize selektieren und verarbeiten können. Doch seine Ordnungskraft ist begrenzt. Dort, wo es keine sinnliche Anschauung gibt, kann er nur spekulieren und Mutmaßungen anstellen. Fragen nach Gerechtigkeit, Moral, Gut und Böse oder danach, was Gott oder das Leben ist, lassen sich nicht mit Überlegungen allein beantworten. Sie müssen auf andere Art und Weise erfasst werden. Sie sind das Unerklärbare, für das wir zwar ein Bewusstsein erlangen können, das aber weder sinnlich noch gedanklich durchdrungen werden kann. Begriffe (śabda), Bedeutungen (ārtha) und Einsichten (jñāna) sind hier unzulänglich. Das Ganze kann nicht durch Teilaspekte des Ganzen begriffen werden.