top of page
Lebensurbild%20Muster5_edited_edited.png

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.43: Die Wirklichkeit scheint durch einen völlig gereinigten Geist

 

स्मृतिपरिशुद्धौ स्वरूपशून्येवार्थमात्रनिर्भासा निर्वितर्का॥४३॥

Smṛti pariśuddhau svarūpa śūnyevārtha mātra nirbhāsā nirvitarkā. ||43||

 

Smṛti = Erinnerung

pariśuddhau = mit größter Reinheit

svarūpa = in seiner eigenen Natur, Identität, Identifikation

sūnya = ohne, abwesend

iva = als ob

ārtha = Objekt, Sache

mātra = nur

nirbhāsā = scheinen

nirvitarkā = ohne Überlegungen, ohne Bedachtnahme

 

„Wenn der Geist von seinen Erinnerungseindrücken völlig gereinigt und von seiner Identität befreit ist, scheint durch ihn eine Wirklichkeit ohne jegliche Überlegungen (nirvitarkā samādhi).“

 

Wie in Sutra 1.5 beschrieben, gibt es fünf geistige Vorgänge. Zu diesen gehören das richtige und falsche Erkennen, die Einbildung, der Schlaf und die Erinnerung. Ein früher erfahrener und nicht vergessener Gegenstand stellt eine Erinnerung dar (smrti). Erinnerungen können ein großes Hindernis sein, die Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie ist.


Ich habe es als Kind immer besonders lustig und eigenartig empfunden, wenn ich Erwachsene getroffen habe, mit denen ich über längere Zeit keinen Kontakt hatte und die dann bei unserer Begegnung meinten, dass ich aber groß geworden sei. Ich konnte diese Veränderung für mich selbst nicht wahrnehmen. Da ich jeden Tag mit meinem Körper zusammen bin, ist mir sein Wachstum nicht aufgefallen. Es waren Bemerkungen, wie die gerade erwähnte oder das Abmessen von Körper- und Fußgrößen, die mir bewusst gemacht haben, dass sich mein Körper offensichtlich verändert hat und gewachsen ist. Erinnerungen können problematisch sein, wenn wir sie für die gegenwärtige Realität halten und unser Verhalten in Situationen so gestalten, als wäre die Erinnerung ein adäquater Ausgangspunkt für den Umgang mit der Gegenwart. Das vergangene Verhalten zu wiederholen ist verlockend, denn die früher gemachten Erfahrungen stehen uns zur Verfügung und die Wahrscheinlichkeit, dass wir bei der Wiederholung des Verhaltens erfolgreich sein werden, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass uns ein adaptiertes und neues Verhalten auf Anhieb gelingen wird. Übung macht bekanntlich den Meister und in vielen Fällen bevorzugen wir es, ein Meister und nicht ein Lehrling zu sein. Auch wenn sich Situationen ähneln, ist eine mechanische Verfolgung alter erlernter Muster aber fragwürdig. Wenn wir vorschnell die alten Muster einsetzen, uns mit ihnen identifizieren und ihnen damit eine eigene unveränderliche Identität zusprechen, kann es leicht passieren, dass wir in die Irre gehen. Die Erinnerungseindrücke zu reinigen, bedeutet daher nicht, dass wir unsere Erinnerungen zum Erlöschen bringen und auf sie verzichten. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns von ihnen nicht in die Vergangenheit entführen lassen und uns nicht mit der Vergangenheit identifizieren, sondern mit ihrer Hilfe uns bewusst machen, was sich verändert hat und in welcher Form wir daher unser Verhalten und Vorgehen in der Gegenwart ändern müssen. Gerade der Kontrast der Gegenwart zur erinnerten Vergangenheit erlaubt es uns, die Gegenwart unmittelbarer und tiefgreifender zu verstehen. Damit werden Erinnerungen von etwas Vergangenem selbst zur lebendigen Gegenwart. Das Gewahrwerden meines Wachstums ermöglichte den flüchtigen Bekannten im obigen Beispiel, die ich nur selten traf, ihr Verhalten und ihren Umgang mit mir an mein Alter anzupassen. Ihre Erinnerung machte ihnen bewusst, dass ich älter und damit auch reifer geworden bin. Ein Bewusstsein, das ich von mir selbst in dieser Art und Weise nicht hatte. Bei Erinnerungen geht es also weniger darum, eine Kollektion von freudvollen und leidvollen Erfahrungen zu haben, in denen man sich emotional oder gedanklich verlieren kann, sondern es geht darum, einen Pool an Erfahrungen nutzen zu können, der hilft, die aktuelle Situation besser zu verstehen und bewältigen zu können. Aus der Kombination aus vergangener erinnerter Erfahrung und dem unmittelbaren Wahrnehmen der aktuellen Situation, in der man sich befindet, kann eine enorme Intelligenz geboren werden, die kreative Antworten auf Problemsituationen, Herausforderungen und Fragestellungen liefert, die ohne diese kreative Verbindung dieser zwei Welten nicht entstehen würde. Doch wer vorschnell auf die Welt mit einer mechanischen Antwort aus dem Verstand heraus antwortet und an alten Mustern, Vorstellungen und Konzepten festhält, wird weder die Wunder dieser Welt unmittelbar erfahren können noch mit einer spontanen Intelligenz gesegnet sein, die hoch kreative Lösungsansätze liefert. Intelligenz ist dabei nicht etwas, was gedacht wird, sondern etwas, das wahrgenommen wird. Es ist eine aus der Überlagerung von Erinnerung und Gegenwart auftauchende Perzeption. Daher ist Intelligenz niemals etwas Konditioniertes, mechanisch Gedachtes oder schon Gewusstes. Sie ist etwas, das ohne Denkprozess spontan entsteht.[3] Sie ist eine Wirklichkeit ohne Überlegung (nirvitarkā samādhi).


Als Albert Einstein, der vielleicht genialste Physiker des 20. Jahrhunderts, gefragt wurde, wie er auf die Relativitätstheorie gekommen ist, meinte er, dass er sich die Frage gestellt hat, wie es wäre, mit Lichtgeschwindigkeit durch das Weltall zu reisen. Er hatte die Vorstellung, einem Lichtstrahl nachzustellen und dann wahrzunehmen, was um ihn herum passiert. Auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen und gesicherter Erkenntnisse wusste er, dass sich das Licht im leeren Raum mit einer bestimmten Geschwindigkeit ausbreitet, die immer gleichbleibt. Damit wurde die Lichtgeschwindigkeit zu einer Konstante, die einen gefestigten Bewusstseinsinhalt darstellt und daher ein idealer Ausgangspunkt ist, um die Dynamik innerhalb des Universums zu untersuchen. Einstein erkannte, dass sich die Zeit dehnt und zusammenzieht und der Raum sich abhängig von der in ihm befindlichen Materie krümmt und so seine Geometrie verändert, wenn man das Universum aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, die sich dadurch auszeichnen, dass sie mit abweichenden Geschwindigkeiten im Verhältnis zueinander unterwegs sind. Raum und Zeit wurden relativ, miteinander in Beziehung gesetzt und mit der Materie in Verbindung gebracht. Sie bedingen sich gegenseitig, weshalb Einstein von einer Raum-Zeit sprach. Zusätzlich erkannte er, dass Raum, Zeit, Materie und Energie in einem direkten Zusammenhang miteinander stehen, was in seiner Berühmten Formel E = m.c2 zum Ausdruck kommt. Der entscheidende Punkt ist aber der, dass Einstein zwar wissenschaftliche Erkenntnisse als Erinnerungen nutzte, um seine Theorien zu entwickeln. So entstand erst die Idee, auf einem Lichtstrahl zu reiten. Doch was dann passierte und uns als geniehafte Intelligenz erscheint, war eine Perzeption des Universums aus der Sicht eines Reiters auf dem Licht. Dabei handelt es sich um ein intuitives Gewahrwerden einer Wirklichkeit, die wir in ihrem Entstehen weder mit unseren Sinnen noch mit unserem Intellekt erfassen können. Ernst P. Fischer beschreibt die kreative Genese im Falle von Einsteins Genie wie folgt: „Zuerst ist da bei ihm so etwas wie eine Vision, eine innere Anschauung, eine Ansammlung von Zeichen und Bildern. All das passiert spontan, es ist ohne besonderes Zutun und unbewusst entstanden und kommt lange Zeit ohne jeden Rückgriff auf Wörter aus. Erst am Ende all dieser Tätigkeiten der Gedanken und Gefühle kommt die Aufgabe, das dabei Angeschaute und Erfasste in Worte und Begriffe zu überführen, und frühestens von dieser Stelle an geht es systematisch und logisch zu.“[4]


Die Relativitätstheorie widerspricht dem gesunden Menschenverstand, weshalb sie auch lange intensiv in Frage gestellt wurde. Einstein wurde einer Struktur gewahr, die jenseits des sinnlich Wahrnehmbaren und intellektuell Verarbeitbaren liegt, die aber gleichzeitig auf eine innere Symmetrie der Dinge verweist und der man eine grundlegende Ästhetik nicht absprechen kann. Man hat ihm den Nobelpreis nicht für die Relativitätstheorie verliehen. Das Komitee in Schweden war sich wohl unsicher, ob die Theorie wirklich stimmen würde. Heute ist die Relativitätstheorie bewiesen. Moderne Technik hat es möglich gemacht, diverse Vorhersagen der Theorie nachzuweisen. So ist der Nachweis gelungen, dass der Raum gekrümmt ist und das Licht diesen Krümmungen folgt, wenn es große Massen passiert, dass bei der Kollision Schwarzer Löcher gewaltige Gravitationswellen durch das Universum rasen, die vorübergehend die Abstände innerhalb eines Raumbereiches stauchen und strecken und dass die Zeit an unterschiedlichen Orten unterschiedlich schnell vergeht, wenn sich die Beobachter mit sehr großen Geschwindigkeiten im Verhältnis zueinander bewegen. Der Zusammenhang von Energie und Materie wurde erschreckend aber überzeugend mit der Explosion der ersten Atombomben augenscheinlich.


[3] Vgl. dazu die Ausführungen des Physikers David Bohm zum Thema der Intelligenz. Bohm hat die Rätsel der Quantenphysik sehr tiefgründig untersucht und ist über klassische Erklärungsansätze zu dieser Theorie weit hinausgegangen. BOHM, D.: Wholeness and the Implicate Order (Kindle Version in englischer Ausgabe), Roudledge Classics, London, New York, 2005, 63 ff

[4] FISCHER, E. P.: Einstein: Ein Genie und sein überfordertes Publikum, Springer Verlag, 1996, S. 184
© Christoph Paul Stock | Wien | 2026 | All rights reserved!
lebensurbild_begriffswolke_6.png
bottom of page