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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.44: Kontemplation über subtile Aspekte und Objekte

 

एतयैव सविचारा निर्विचारा च सूक्ष्मविषया व्याख्याता॥४४॥

Etayaiva savicārā nirvicārā ca sūkṣmaviṣayā vyākhyātā. ||44||

 

Etaya = Auf die gleiche Weise

iva = tatsächlich

savicārā = reflektierend, mit Erwägungen bzw. Überlegungen

nirvicārā = ohne Reflexion, ohne Erwägungen bzw. Überlegungen

ca = und

sūkṣma = subtil

viṣayā = Objekt, Aspekt

vyākhyātā = wird erklärt

 

„Die Kontemplation hinsichtlich subtiler Aspekte von Objekten wird in gleicher Weise erklärt (wie bei weniger subtilen Objekten). Es gibt eine Kontemplation mit Erwägungen (savicārā samādhi) und ohne Erwägungen (nirvicārā samādhi).“

 

Die Wissenschaft ist darauf angewiesen, dass sich die Dinge auf materieller Ebene beweisen lassen. Wenn dieser Beweis nicht erfolgt oder nicht möglich ist, bleibt man den Theorien gegenüber skeptisch. Wir unternehmen unglaubliche Anstrengungen, um die Beweisbarkeit von Theorien zu erreichen. Wir bauen Teleskope, Mikroskope, Computer, Roboter und künstliche Intelligenz, um die Defizite unserer Sinnesorgane und intellektuellen wie analytischen Fähigkeiten unseres Verstandes auszugleichen. All diese Erfindungen sind wie Prothesen, die uns helfen, qualitativ besser wahrnehmen und quantitativ mehr Information verarbeiten zu können. Wir machen auf diese Art und Weise gewaltige Fortschritte und entwickeln Erfindungen, die eine technische Wunderwelt rund um uns herum geschaffen haben, die unseren Wohlstand ansteigen und unser Wissen sich alle 10 Jahre verdoppeln lassen.


Diese Fokussierung auf die materielle Welt hilft uns aber nicht, zu begreifen, warum wir aggressiv, gewalttätig, zornig, zügellos, genusssüchtig, geizig, träge, antriebslos, freudlos, masochistisch, sadistisch, zerstörerisch, ängstlich, schmerzvermeidend, ungerecht, rastlos, überheblich, neidisch und generell misanthropisch und achtlos uns selbst, anderen Wesen und der Welt gegenüber sein können. Sie sagen uns auch nicht, warum Menschen Philantropen sein können, für andere Wesen wahres Mitgefühl empfinden, eine friedliche Ausstrahlung haben, der Unwegsamkeit des Lebens mit Gleichmut aber nicht mit Gleichgültigkeit begegnen, Freude und Heiterkeit ausstrahlen, Zuversicht aussenden, ein großes Verantwortungsbewusstsein mitbringen, Vertrauen in das Leben haben, über ein großes Maß an Resilienz verfügen und das Leben weit stärker ausschöpfen und kreativer sein können als andere Menschen. All diese Gemütszustände, die mit unserer inneren seelischen und geistigen Verfasstheit zu tun haben, sind nicht leicht mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen. Man kann nicht zum Psychologen, Psychiater, Mediziner, Heiler oder Schamanen gehen, sich kurz untersuchen lassen und dann eine einfache Diagnose für unseren inneren Zustand bekommen. Hier haben wir es mit subtilen Objekten unserer Innenwelt zu tun, die sich zwar in der grobstofflichen Außenwelt manifestieren und zeigen können, aber einer inneren feinstofflichen Welt angehören, die wir zuerst einmal reflektieren müssen, um über sie irgendeine Schlussfolgerung machen zu können. Viele Menschen wenden sich dieser feinstofflichen inneren Welt erst zu, wenn Krankheiten auf körperlicher, seelischer oder geistiger Ebene sie dazu zwingen und Versuche in der Außenwelt, diese subtilen Aspekte des Lebens unter Kontrolle zu bringen, scheitern. Es ist nicht so, dass wissenschaftliche Methoden hier gänzlich ungeeignet wären, Lösungsansätze zu finden. Das Problem für die Wissenschaft liegt darin, dass sie es mit einer Black Box zu tun hat, die nicht direkt beobachtet und untersucht werden kann. Es ist unmöglich, mentale Abläufe im Gehirn konkret zu verfolgen. Wir können ein konkretes Gefühl genauso wenig lokalisieren wie einen konkreten Gedanken. Wir können Hirnaktivitäten messen und die Aktivierung von Hirnregionen studieren und so indirekte Schlüsse ziehen. Wir können andere körperliche Parameter heranziehen, um auf Problemsituationen aufmerksam zu werden. Wir können Tests und Therapieformen nutzen, um Licht in die Black Box zu bringen. Doch das konkrete Gefühl oder den konkreten Gedanken oder eine besondere Empfindung kann nur der Mensch selbst durch Reflexion und innere Beobachtung untersuchen. Man kann den Menschen dabei unterstützen, doch man kann es für ihn selbst nicht tun. Dabei kennt die Subtilität kaum Grenzen. Gefühle können sehr stark und vehement sein und lassen sich dann einfach benennen. Gleiches gilt für bestimmte Gedanken und Empfindungen. Doch nicht selten sind Gefühle diffus, Gedanken unscharf und Empfindungen schwer zu fassen. Man versucht sie in Worte und Begriffe zu kleiden, doch sie entschwinden uns, sobald wir glauben, sie fassen zu können. Noch viel subtiler sind intuitive Regungen, die anfänglich überhaupt nicht konkretisiert werden können. Sie sind nur ein Erahnen. Man ist sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt da sind. Es wird oft schon schwer, festzustellen, ob es sich einfach nur um eine Fantasie, eine Imagination oder tatsächlich um ein intuitives Erfassen einer inneren Wirklichkeit handelt.


In dieser Welt des Subtilen, ist auf sehr tiefer Ebene nur eine subliminale Regung, ein kaum merkliches Schwingen wahrzunehmen. Je tiefer man geht, umso feiner werden die Nuancen und umso schwerer ist es, noch einen Unterschied wahrnehmen zu können. Ab einem bestimmten Punkt hört alle Definierbarkeit auf.


Im Bereich dieser subtilen Welt nimmt aber nicht nur die Unterscheidbarkeit, sondern auch die Trennung der Dinge immer weiter ab. Gedanken, Gefühle und Empfindungen können manipuliert werden. Diese Manipulation kann durch den Menschen selbst erfolgen, kann aber auch durch andere Menschen, Gruppen und Massenphänomene bedingt sein. Stimmungen können sich von Mensch zu Mensch übertragen, Gruppendynamiken können das Empfinden, Fühlen und Denken bis hin zum Handeln des einzelnen Menschen stark beeinflussen und kollektive Entwicklungen können auf das Individuum Einfluss nehmen und zu Massenphänomenen wie z.B. Massenhysterie führen.


All diese subtilen Phänomene sind uns oft nur unzureichend bewusst. Große Bereiche unserer Innenwelt laufen automatisch ab, ohne dass wir in irgendeiner Weise ein Bewusstsein dafür haben, was in uns tatsächlich passiert. Vielfach bleibt uns auch verborgen, wie die uns umgebende Welt auf uns einwirkt und uns beeinflusst. Wir sind tatsächlich schlafende Wesen.

Im Bereich der subtilen Phänomene funktioniert die Versenkung in gleicher Weise wie im grobstofflichen und materiellen Bereich. Die Erinnerung an einen früheren inneren Zustand hilft uns zu erfassen, welche Besonderheit der aktuelle innere Zustand aufweist und wie er sich verändert hat. Hier ist es genauso problematisch, wenn wir uns an frühere innere Zustände anhaften und damit die Gegenwart aus den Augen verlieren wie im grobstofflichen Bereich. Wenn wir z.B. früher gemachte Lusterfahrungen verfolgen und wieder ins Leben bringen wollen, versäumen wir, die Welt so wahrzunehmen und zu erfahren, wie sie gerade ist. Wir übersehen das, was sie uns gerade jetzt an Freude bietet. Wenn wir auf Grundlage vergangener Erfahrungen immer das vermeiden, was uns ein Unwohlsein oder Leiden bereitet hat und immer das verfolgen, was uns ein Wohlbefinden und Lust beschert hat, sperren wir uns in eine immer kleiner werdende Welt ein. Nur wenn wir den Schmerz des Wachstums auf uns nehmen, können wir uns weiterentwickeln und noch unerforschte und unerfahrene Dimensionen des Daseins in unser Leben bringen. Wenn wir auf die Welt nur mechanisch reagieren, wird sie langweilig und repetitiv. Wenn wir aber in der Lage sind, bevor wir einfach nur mechanisch reagieren, einen Moment innezuhalten und die Situation beobachtend zu reflektieren, kann sich der aktuelle innere Zustand mit den früher erfahrenen Zuständen überlagern und eine kreative Aktion entstehen, in der sich die Vergangenheit und Gegenwart zu einer unmittelbaren Lebendigkeit verbinden. Aus dieser Unmittelbarkeit entspringt eine Intelligenz, die nicht nur mit Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zu tun hat, sondern auch von Feinfühligkeit und einer inneren Sensibilität getragen ist.

© Christoph Paul Stock | Wien | 2026 | All rights reserved!
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