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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.45: Grenzen der Kontemplation im absolut Undefinierbaren

 

सूक्ष्मविषयत्वं चालिङ्गपर्यवसानम्॥४५॥

Sūkṣma viṣayatvam cāliṅga paryavasānam. ||45||

 

Sūkṣma = das Subtile, Subtilität

viṣayatvam = Objekthaftigkeit

 = und

aliṅga = undefiniert, ohne Kennzeichen, vollkommen abstrakt

paryavasānam = endet nur

 

„(Die Kontemplation über) die Subtilität von Objekten endet erst im absolut Undefinierbaren.

 

Diese Sutra macht klar, dass die Durchdringung der Dinge nicht im Bereich der Schlussfolgerungen (vitarka) und Reflexionen (vicāra) endet. Es eröffnen sich weitere und noch tiefer verborgene Bereiche, die mit dem Bewusstseinszustand der Glückseligkeit (ānanda) und dem Ich-Bewusstsein (asmita) in Verbindung stehen. Je tiefer wir gehen, umso mehr werden unsere mentalen Möglichkeiten der Verarbeitung überschritten. Die Kapazität unseres Geistes, Dinge kognitiv zu wissen und zu verstehen ist begrenzt. Doch die Möglichkeit, ihr Schwingungsmuster wahrzunehmen, ist es nicht. Wenn wir ein komplexes Musikstück hören, ist es unmöglich, jeden Ton wahrzunehmen, der von jedem Instrument im Orchester gespielt wird. Es ist auch nicht möglich, in jedem Moment jedes einzelne Instrument herauszuhören und die von den einzelnen Instrumenten gespielten Melodien parallel zu hören. Wenn wir ein sehr gutes und geschultes Gehör haben, können wir vielleicht die Melodie eines einzelnen Instruments verfolgen. Dies gelingt uns aber nur, wenn wir die anderen Instrumente aus unserer Wahrnehmung weitgehend ausblenden. Doch der Genuss eines von einem Orchester gespielten Musikstückes und der Reiz seiner Darbietung liegt in seiner opulenten Gesamtheit. Es ist die Gesamterfahrung, die uns in ihren Bann zieht. Wenn wir lernen, das mentale Lärmen in unserem Inneren zu beruhigen und den Fokus unserer Wahrnehmung von Details, konkreten Unterscheidungen und bevorzugten oder abgelehnten Aspekten des Lebens zu lösen, können wir einer orchestralen Gesamterfahrung gewahr werden, die nur mit dem Wort Glückseligkeit (ānanda) beschrieben werden kann. Diese Erfahrung ist hoch komplex, aber nicht kompliziert. Die Fähigkeit zu unterscheiden und zu diskriminieren, nimmt ab, doch die Tiefe der Erfahrung nimmt zu. Die Möglichkeit, die Dinge reflektierend zu erfassen, schwindet, doch es entsteht eine unaussprechliche Erhabenheit. Jenseits der vielen Töne, Melodien und Spielweisen erhebt sich ein tieferliegendes Thema, das aus den vielen Details allein niemals herauszuhören ist. Es ist mehr als die Summe seiner Teile. Es ist eine Emergenz mit Eigenschaften, die sich erst auf dieser Metaebene des Seins zeigen. Eine Ebene baut auf der nächsten Ebene auf. Jede Ebene wirkt auf die nächsthöhere ein und auf die darunter liegende zurück. Jede Ebene hat ihre Regeln und normativen Strukturen. Daher leben wir in unterschiedlichen Welten und Dimensionen. Es gibt z.B. jene Welt der persönlichen Beziehungen, die gekennzeichnet ist durch emotionale Erfahrungen und sentimentale Bezüge. Hier kennen wir die Zusammenhänge sehr gut, können einschätzen, wer sich voraussichtlich wie verhalten wird und welche Effekte Interaktionen und Handlungen haben werden. Wir sind mit dieser Welt sehr vertraut, weil wir ihr in der Familie, im Freundeskreis und generell in unserem näheren persönlichen Umfeld begegnen. Hier kennt man sich, schaut aufeinander und weiß, wie man mit unfairen und sozial unverträglichen Verhalten umgehen kann. Entscheidungen lassen sich individuell treffen und Konflikte persönlich austragen und bewältigen. Diese Welt ist tief in uns eingeprägt und wir sind es gewohnt, uns in ihr zu bewegen. Daher fällt es uns leicht, mit ihren Spielregeln umzugehen. Doch wir leben auch noch in einer anderen Welt, die ganz anders funktioniert wie die gerade beschriebene Welt. Es ist eine große unüberschaubare und komplexe Welt jenseits familiärer und von kleinen Gruppen bestimmter Norm- und Verhaltenskontexten. Hier begegnen wir fremden Menschen und fremden Strukturen, die uns nicht vertraut, und Regeln, die abstrakt und unpersönlich formuliert sind. An die Stelle von persönlichen Beziehungen und eingeübter Verhaltensmuster treten normative Rahmenbedingungen wie Marktgesetze und Ordnungsnormen, die allgemein formuliert, für alle gleichermaßen gültig und vielfach durch Verbote charakterisiert sind. Hier herrscht eine völlig andere Dynamik. In vielen Fällen lässt sich schwer abschätzen, welche Wirkungen bestimmte Handlungen haben werden, da die Zusammenhänge, die durch eine große Vielzahl an möglichen Variablen bestimmt werden, zu komplex sind. Diese erweiterte Ordnung ist unsere moderne Zivilisation, die besonders dadurch beschrieben werden kann, dass sie zwar durch menschliches Handeln aber nicht durch einen menschlichen Plan entstanden ist. Es ist keine von Emotionen und sentimentalen Bezügen bestimmte Welt, sondern eine Welt, die auf Grundlage abstrahierter archetypischer Strukturen und Prinzipen funktioniert. Diese Welt ist die Grundlage unserer zivilisatorischen Errungenschaften, in der Menschen und Unternehmen aus unzähligen Ländern miteinander interagieren, ohne sich persönlich besonders gut oder überhaupt zu kennen. Dennoch funktioniert dieses System jenseits der Norm- und Verhaltenskontexte kleiner Gruppen ausgesprochen gut.


Die große Herausforderung besteht darin, in den verschiedenen Welten bzw. Dimensionen leben zu können und zu verstehen, dass sich die Normen, Regeln und Funktionsweisen einer Welt nicht einfach in eine andere Welt übertragen lassen. Die Welten funktionieren nach ihren eigenen Regeln und Rahmenbedingungen und eine Vermischung dieser Bedingungen kann rasch zu Problemen und Fehlfunktionen führen. Es macht keinen Sinn, die Verteilung von Ressourcen in einer Familie Markt- und Wettbewerbsstrukturen zu überlassen. Familienmitglieder können und sollen auch nicht in einem Wettbewerb zueinander stehen wie Unternehmen am freien Markt. Die Verteilung von Ressourcen folgt in Familien anderen Grundsätzen und Erfahrungen, die geeignet sind, das zwischenmenschliche Miteinander über Generationen hinweg zu fördern. Umgekehrt macht es keinen Sinn, wenn in Unternehmen und im Staat eine Freunderl- und Vetternwirtschaft betrieben wird, weil auf diese Art und Weise nicht jene Personen zum Zug kommen, die für eine bestimmte Aufgabe am besten geeignet sind.[i]


Wenn wir uns den Unterschied zwischen dem Mikro- und dem Makrokosmos immer wieder bewusst machen und verstehen und anerkennen, dass Systeme auf unterschiedlichen Ebenen ganz unterschiedlich funktionieren, können wir damit Fehlsteuerungen und Fehlfunktionen vermeiden. Wir müssen im angeführten Beispiel dann ein Stück weit darauf verzichten, unseren eigenen Emotionen, unseren eigenen sentimentalen Sehnsüchten und unseren Instinkten zu folgen und jene Prinzipien und Mechanismen anerkennen und schützen, die eine große Zivilisation mit demokratischen Strukturen und einer globalen Marktwirtschaft möglich machen. Umgekehrt müssen wir in einen mitfühlenden Modus wechseln und psycho-soziale Aspekte berücksichtigen, wenn wir uns in persönlichen Beziehungen in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis oder in einem Unternehmen bewegen. Gelingt uns der Wechsel von einer Dimension in die andere nicht, wird unser Verhalten dem lebendigen Ausdruck des Seins nicht gerecht. Wir ersticken die Lebendigkeit und würgen die kreative Entfaltung des Lebens ab.


Auch in der Welt der Physik jenseits menschlicher Interaktionen verhält es sich nicht anders. Wir können die Regeln der Mechanik in unserer Alltagswelt unmittelbar anwenden, müssen sie aber um die in der Relativitätstheorie erkannten Regeln und Gegebenheiten erweitern, wenn wir es mit dem Kosmos zu tun haben und in den Weltraum fliegen, Sonden zu anderen Planeten schicken oder Kommunikationssysteme nutzen, die mit Satellitennavigation operieren. Wenn wir in den Bereich der ganz kleinen Dinge in der Quantenphysik wechseln, finden wir ebenfalls mit der klassischen Physik kein Auslangen mehr. Wir müssen akzeptieren, dass Teilchen gleichzeitig Wellen sein können, Messwerte sich nicht konkret, sondern nur als Wahrscheinlichkeiten beschreiben lassen und Teilchen miteinander verschränkt sein können und ihre Eigenschaften gegenseitig bei jeder Änderung unmittelbaren aneinander anpassen, auch wenn sie voneinander so weit entfernt sind, dass sie sich physikalisch gesehen gar nicht mehr beeinflussen können. Physikalische Zusammenhänge lassen sich berechnen und unterliegen daher der mathematischen Präzision. Hier gelten die Gesetze der Logik und der Kausalität. Doch auch zu dieser Dimension gibt es eine komplementäre Seite. Der bekannte Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Carl Gustav Jung hat ein Phänomen entdeckt, das er als Synchronizität bezeichnet hat. Unter diesem Begriff versteht er ein Zusammentreffen von Ereignissen, die zwar nicht kausal verbunden sind, aber sinnvoll zusammenpassen. Nach Jung stellt die Synchronizität neben Zeit, Raum und Kausalität einen vierten Faktor dar, mit dessen Hilfe die Menschen die Realität erfahren. Dadurch wird das naturwissenschaftliche Paradigma erweitert, das versucht, ohne das Element des Sinnes auszukommen und damit das menschliche Bewusstsein als gestaltenden Faktor ausklammert. In der Quantenphysik wurde schon erkannt, dass der Beobachter das Beobachtete beeinflusst und damit die Beobachtung ändert. Offensichtlich haben unsere Anwesenheit und Interpretation der Welt entscheidenden Einfluss darauf, wie wir sie erfahren und verstehen. Wir sind immer Teil der Welt und niemals nur ein außenstehender und unbeteiligter Beobachter.


Über die hier angesprochenen Dimensionen hinaus gibt es viele weiter Dimensionen, die rekursiv aufeinander einwirken und sich dadurch auszeichnen, dass sich das Große und Ganze in jedem Teil spiegelt. Dieser komplexe Aufbau der Urstruktur der Natur endet erst im Bereich des Undefinierbaren. An diesem Punkt hört alle Beobachtung auf, da nichts mehr zu beobachten ist und wirft uns zurück auf den Beobachter, das Ich-Bewusstsein (asmita) selbst, dem das Du abhandengekommen ist.


[i] Vgl dazu bei: HAYEK F.A.: The Fatal Conceit. The Errors of Socialism, (The Collected Works of F. A. Hayek, Volume I), W.W. Bartley III. Routledge, London, 1989, S. 18
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