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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.46: Kontemplation mit keimenden Samen


ता एव सवीजः समाधिः॥४६॥

Tā eva sabījaḥ samādhiḥ. ||46||

 

Tāḥ = Diese

eva = auch

sabījaḥ = mit Keim

samādhiḥ = Kontemplation

 

„Diese (vier) Formen der Kontemplation (sabījaḥ samādhiḥ) enthalten alle einen Samen, (der wieder aufkeimen wird).“

 

Die vier Formen der Kontemplation in den Bewusstseinszuständen des „vitarka“, „vicāra“, „ānanda“ und „asmita“ tragen alle ein Keimen in sich. Das Ich-Bewusstsein im Bewusstseinszustand des „asmita“ initiiert immer wieder das Aufkeimen der Natur, um sich selbst in ihr zu erfahren. Es richtet sich von sich selbst ausgehend nach außen und erschafft die vielen Objekte, die sich in der Urnatur (prakriti) und all ihren Erscheinungsformen (gunas) zeigen.


In Goethes Faust mokiert sich Mephistopheles über dieses ständige Keimen und Werden der Dinge in der Natur, indem er sagt:

 

„Was sich dem Nichts entgegenstellt, das Etwas, diese plumpe Welt, so viel als ich schon unternommen ich wußte nicht ihr beyzukommen, mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand, geruhig bleibt am Ende Meer und Land! Und dem verdammten Zeug, der Thier- und Menschenbrut, dem ist nun gar nichts anzuhaben, wie viel hab‘ ich schon begraben! Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut. So geht es fort, man möchte rasend werden! Der Luft, dem Wasser, wie der Erden entwinden tausend Keime sich, im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten! Hätt‘ ich mir nicht die Flamme vorbehalten; ich hätte nichts apart’s für mich.“[i]

 

Da Mephisto für die dunklen geistigen Mächte steht, ist es durchaus interessant, dass er dem Keimen beikommen möchte, um es zu beenden. Denn er meint:

 

„Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles was entsteht, ist werth, daß es zu Grunde geht; drum besser wär’s, daß nichts entstünde.“ [ii]

 

Oft wollen die finstern Mächte anders wie Mephisto im obigen Beispiel den Menschen an die Welt binden und nicht die Welt direkt zerstören. So berichtet z.B. eine Legende über das Leben des Buddha, dass Māra, die Verkörperung der Versuchung, Buddha kurz vor dessen Erleuchtung durch die Erscheinung von Armeen zum Zorn reizen und in ihm durch verführerische Jungfrauen sowie Reichtümer ein weltliches Begehren wecken wollte. Als Buddha diesen Versuchungen widerstand, trachtete Māra danach, Buddhas Standhaftigkeit zu brechen, indem er ihm den sofortigen Eintritt ins Nirvana versprach. Doch Buddha wollte seine spirituelle Erfahrung mit anderen Menschen in der Welt teilen. Dies erkannte er als seine Aufgabe. Māra musste unverrichteter Dinge von dannen ziehen. Offensichtlich ist es den dunklen Mächten egal, ob sie jemanden mit Begehrlichkeiten der Welt oder der Freiheit des Geistes verführen können. Entscheidend bleibt, dass die Verführung gelingt, indem sie sich gegen das Leben selbst richtet und das Ich-Bewusstsein veranlasst, etwas aus sich heraus ergreifen zu wollen, das in der Welt Unheil schafft. Es geht hier nicht nur um die Setzung oder Auswahl von konkreten Zielen, um diese dann durch ein bestimmtes Handeln im Rahmen des eigenen Wollens zu erreichen. Es geht um eine viel tiefere Frage, die auch in den Versuchungen Jesu in der Wüste zum Ausdruck kommt. Jesus wanderte 40 Tage durch die Wüste und wurde dabei vom Teufel in Versuchung geführt. Jesus hatte kaum etwas gegessen und hatte großen Hunger. Der Teufel meinte, Jesus solle als Sohn Gottes einem Stein befehlen, zu Brot zu werden. Jesus antwortete dem Teufel, dass der Mensch nicht von Brot allein lebt. Doch so schnell gab der Teufel nicht auf. Er führte Jesus auf einen Berg und zeigte ihm das umliegende Land. Er versprach alle Macht und Herrlichkeit dieser Reiche Jesus zu geben, wenn dieser sich vor ihm niederwerfen und ihn anbeten würde. Jesus widerstand abermals und sagte, dass man sich vor dem Herrn niederwerfen und ihm allein dienen soll. Schließlich führte der Teufel Jesus nach Jerusalem und stellte ihn oben auf den Tempel. Der Teufel meinte, Jesus solle sich in die Tiefe stürzen. Da er Gottes Sohn sei und die Engel des Herrn ihn zu behüten hätten, würden sie ihn auf Händen tragen und beschützen. Jesus antwortete, dass man den Herrn, seinen Gott nicht auf die Probe stellen soll. Nun ließ der Teufel von ihm ab.


Bei den Versuchungen durch die dämonischen Kräfte in der buddhistischen Legende und der Erzählung aus den Evangelien über die Zeit, die Jesus in der Wüste zugebracht hat, werden menschliche Neigungen angesprochen, die zu Unheil und Unglück führen können. Doch zornige Reaktionen, Begehren nach Sexualität und Besitz, der Wunsch erleuchtet und sich von den Nöten eines irdischen Lebens befreien zu können, mächtig und wohlhabend zu sein oder besonderes Ansehen zu genießen und Bedeutung zu haben sind menschliche Bedürfnisse, die nicht grundsätzlich falsch sind. Ohne Zorn kann man die Gerechtigkeit nicht verteidigen, ohne Sexualität können sich die Menschen keine Beziehungen und Familien aufbauen und ein soziales Leben gestalten, ohne Besitz hat man kein Dach über dem Kopf und nichts zum Essen und Trinken, ohne Suche nach spiritueller Befreiung wird sich Erleuchtung niemals ereignen, ohne die Befriedigung von Bedürfnissen bleibt das Leben leer und öde, ohne Macht und einen gewissen Wohlstand kann man in der Welt nichts bewirken und gestalten, ohne Ansehen findet man keinen Platz in der Gesellschaft und ohne Bedeutung wird man übersehen und nicht in jene Dinge mit eingebunden, die einem etwas angehen. Māra und dem Teufel geht es um etwas sehr Subtiles. Sie wollen erreichen, dass der Mensch aus seiner relativen Position im Universum heraus handelt und sich selbst ins Zentrum stellt. Hier geht es nicht nur um Motive, die jemand verfolgt. Hier geht es um das Wollen selbst. Wenn es einen Bedarf in der Welt gibt und der Mensch aufgerufen ist, diesem Bedarf zu folgen, ist es geradezu seine Pflicht dies verantwortungsbewusst zu tun. Doch wenn sich alle Motive nur aus Ich-zentrierten Begierden speisen, behält das Wollen nur sich selbst im Blick und vergisst die Welt, deren Bedarf unberücksichtigt bleibt. Es ist wichtig, unsere eigenen Bedürfnisse zu beachten. In vielen Fällen sind sie nicht nur unsere Bedürfnisse, sondern auch die Bedürfnisse der Welt. Doch wenn wir Bedürfnisse verfolgen, die nur unsere Bedürfnisse sind, aber nichts mit der Welt zu tun haben, dann übersehen wir die Verbundenheit aller Dinge und leben auf Kosten anderer Menschen, Wesen und der Natur. Dazu wollen uns die dämonischen Kräfte verleiten und in diesem Sinn sind sie der Geist, der stets verneint und sich gegen das Leben stellt. Dann ist es egal, ob das Aufkeimen des Lebens selbst abgewürgt und zerstört wird oder ein bestimmtes Keimen, das nicht im Einklang mit dem Großen und Ganzen steht, befördert wird. Beides bringt Unheil und Unglück und verwirklicht das dämonische Ziel. Die dämonischen Kräfte wollen uns gegen das Leben ausspielen, indem sie uns in einen Widerspruch zum Leben führen. Nicht unser Begehren stellt das Problem dar. Problematisch ist, wenn wir uns an dieses Begehren anklammern und anhaften. Wenn wir es aber im jeweils gegenwärtigen Augenblick nutzen, um zu erfassen, wie sich die aktuelle Situation von der früheren Situation unserer Motivationslage unterscheidet, wenn wir nicht vorschnell und mechanisch auf unsere Bedürfnisse reagieren, sondern innehalten und nicht nur unsere Bedürfnisse, sondern den gegebenen Bedarf in seiner Gesamtheit erfassen, können wir die Welt in einer Form ergreifen, die Harmonie und Balance schafft und der Vielfalt und Mannigfaltigkeit des Lebens dient. Dann sind wir ein integraler Bestandteil einer größeren Realität, die immer mehr zu unserer eigenen Realität werden kann, je mehr wir verstehen, unser Bewusstsein nicht nur auf unsere Erscheinungsform als Mensch, sondern auf das zur richten, in das wir unabdingbar eingebettet und mit dem wir unauflöslich verwoben sind. Was immer sich gegen dieses Eingebettet- und Verwoben-Sein richtet, generiert eine dämonische Kraft. Die Schlange verleitet Eva, von der verbotenen Frucht zu kosten und Māra verschleiert die Wirklichkeit und führt uns in Illusionen, Täuschungen und Trugbilder. Solange unser inneres Licht nicht ausreicht, um diese Illusionen zu zerschneiden und wir nicht erkennen, dass wir gar nicht nackt sind, sondern ein unteilbares Wesen haben und uns selbst in die Welt hineinprojizieren, wird uns die Frage beschäftigen, wer wir sind. Aus dieser Frage wird sich immer wieder ein Keimen erheben. Das Ich macht sich auf die Suche nach einem Du, um sich begreifen zu können, und das Du wird in der Vielfalt der Welt zu allen anderen Dingen. Die Welt hilft uns, uns selbst zu reflektieren. Doch sie ist nur eine Reflexion, ein sich ständig änderndes Spiegelbild einer viel tiefer liegenden Wirklichkeit.


[i] BOHNENKAMP A., HENKE S., JANNIDIS F. (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe, Faust, Eine Tragödie, Konstituierter Text, Wallstein Verlag, 2014, S. 60 f
[ii] BOHNENKAMP A., HENKE S., JANNIDIS F. (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe, Faust, Eine Tragödie, Konstituierter Text, Wallstein Verlag, 2014, S. 60
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