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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.47: Kontemplation ohne Erwägungen bzw. Überlegungen

 

निर्विचारवैशारद्येऽध्यात्मप्रसादः॥४७॥

Nirvicāra vaiśāradye ‘dhyātma prasādaḥ. ||47||

 

Nirvicāra = ohne Reflexion, ohne Erwägungen bzw. Überlegungen

vaiśāradye = pur, erleuchtet, mit voller Klarheit

adhyātma = das höchste Selbst

prasādaḥ = scheinen, entzünden

 

„In der vollen Klarheit der Kontemplation ohne Reflexion (nirvicāra samādhi) entzündet sich das spirituelle Licht des Selbst.“

 

Die geistige Dimension unterscheidet sich von der Welt, die wir sinnlich erfassen, intellektuell verarbeiten, schlussfolgernd beurteilen und reflektierend verstehen können. Wir empfinden die Welt, indem wir sie berühren. Diese Empfindung schafft in uns ein Gefühl, das ein Bedürfnis wecken kann. Aus dem Bedürfnis heraus können wir die Welt ergreifen, ihr begegnen, sie erfahren und so eine Vorstellung von ihr entwickeln. Erfahrungen können angenehm und unangenehm sein. Sie können Lust und Schmerz hervorbringen. Diesen Erfahrungen entsprechend, beginnen wir die Welt zu beurteilen und rational zu erfassen. Viele Erfahrungen schaffen eine ganze Vorstellungswelt. Unsere kognitiven Möglichkeiten erlauben uns, diese Vorstellungswelten zu reflektieren und Handlungsabläufe zu verstehen. Manche Handlungsabläufe erweisen sich für uns als vorteilhaft, andere als unvorteilhaft. Dementsprechend beurteilen wir sie und versehen sie mit Kategorien wie z.B. „richtig“ oder „falsch“. Erfahrungen können sich bestätigen. Sie können aber auch gegensätzlich, widersprüchlich, ambivalent oder paradox sein. Dann müssen wir unsere Weltsicht anpassen und unsere Beurteilungen überdenken. Dafür braucht es einen Prozess, der die Dinge reflektiert und hinterfragt. So lassen sich Weltanschauungen adaptieren und anpassen. Manchmal erfolgen solche Anpassungen kontinuierlich und manchmal abrupt und unerwartet. Wir haben die Qual der Wahl und müssen uns für eine Richtung entscheiden und einen bestimmten Weg einschlagen oder bleiben untätig. Jedenfalls müssen wir die Folgen unserer Handlung oder Untätigkeit erdulden. Am Ende all dieser Prozesse steht ein Bewusstsein der Welt, ein Bewusstsein von etwas, das immer bruchstückhaft und unvollständig ist. Unvorstellbar viele Dinge bleiben uns unbewusst. Manche betreffen den Raum unseres persönlichen Erlebens, manche jenen des uns umgebenden Kollektivs und manche den universalen Kosmos, in dem wir leben. Doch es ist immer die Welt, in die wir geboren wurden, von der wir ausgehen.


Wenn wir uns aus der sinnlichen Wahrnehmung zurückziehen, den Intellekt zur Ruhe bringen, die Schlussfolgerungen in uns enden und zuletzt auch die Reflexionen im „nirvicāra samādhi“ erlöschen, dann treten wir in einen gänzlich anderen Prozess ein, dessen Ausgangspunkt nicht die erfahrbare Welt, sondern die spirituelle Dimension der Wirkebene des Seins ist. Es entzündet sich das spirituelle Licht. Hier gehen wir nicht von einer für uns nur bruchstückhaft erfahrbaren Welt aus, sondern von einer Dimension, in der immer das Große und Ganze präsent ist und wirkt. Es ist eine Wirklichkeit, in der alles mit allem untrennbar verbunden ist und ein integrales Ganzes bildet. Wenn wir diese Welt zerbrechen, zeigt sich im Bruchstück wiederrum das Ganze. Ganz gleich, wie oft wir die Dinge zerteilen, sie spiegeln immer wieder die Gesamtheit der Dinge. Die Konturen mögen an Schärfe und Klarheit verlieren, aber das gesamte Bild lässt sich nicht zerlegen. Diese Welt ist inhärent zusammenhängend. Sie ist eine Synthese und ist der Analyse unzugänglich. Daher scheitern unser diskriminierendes Empfinden, diskursives Denken, bewertendes Fühlen, schlussfolgerndes Rationalisieren und reflektierendes Überlegen dabei, diese Dimension richtig zu begreifen. Diese Dimension der Einheit, diese Wirklichkeit des Yoga ist in Begriffen nicht zu fassen. Man kann ihr nur intuitiv gewahr werden. Das BEWUSSTSEIN von dieser Wirklichkeit ist niemals fragmentiert. Es ist immer ein einheitliches Bewusstsein. Selbst das Wort „ein“ ist nicht richtig, weil es schon die Möglichkeit von „zwei“, „drei“ usw. impliziert. Bei diesem Prozess sind nicht die materiellen Dinge in ihrer Bewegung in Zeit und Raum ausschlaggebend. Es ist auch nicht die Energie der Ausgangspunkt, von der alle Dinge angetrieben und bewegt werden. Ausgangspunkt ist hier das BEWUSSTSEIN selbst, das eine unvorstellbare Potentialität ausdrückt, eine Möglichkeitsform für jedwede Erscheinung und gleichzeitig für uns Menschen ein Nichts, eine Leere ist, die wir nicht begreifen können. Unendlichkeit hat keine Kategorie und damit entzieht sie sich uns unaufhaltsam und geht an einen Ort, den wir nicht betreten können, da er nicht zur Dimension von Raum und Zeit gehört. Es fehlen uns die Anschauungsformen, um dorthin gelangen zu können.


Wie soll man mit einer solchen Leere, einem solchen Nichts umgehen? Ehrfurcht, Staunen und Demut sind angebracht, wenn wir mit dieser Unendlichkeit zu tun haben. Sie hat keine Attribute, sie ist kein menschliches Bewusstsein von etwas, sondern einfach nur BEWUSSTSEIN. Wenn wir ein Bewusstsein von etwas erlangen, dann ist immer schon etwas da. Dieses Etwas können Sinneseindrücke, Empfindungen, Gefühle, Begierden, Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen, Konzepte, Fantasien, Träume oder Ideen sein. All diese Dinge haben schon eine Anschauungsform. Die Bedingungen in einem Traum mögen anders sein als jene in der Realität. Dinge in der Realität können mit den Sinnen wahrgenommen werden, haben eine bestimmte Stabilität, können auch von anderen erkannt werden und verhalten sich entsprechend den Gesetzen, die wir kennen. Die Objekte im Traum werden nicht durch unsere Sinne wahrgenommen, sie tauchen in unserem mentalen Raum auf. Daher werden sie wie Gedanken und Erinnerungen nur von uns selbst gesehen. Sie können, müssen aber nicht stabil sein. Sie können erscheinen und wieder verschwinden. Manchmal halten sie sich an die Gesetze, die wir aus der Realität kennen. Manchmal gehen Objekte im Traum aber auch durch Wände, verletzten die Gesetze der Schwerkraft oder können ohne Flügel oder Fluggerät fliegen. Manches Objekt im Traum ist auch in der Lage, seine Form oder seinen Inhalt spontan zu ändern. Doch ob es sich nun um einen Traum oder um die Realität handelt, sie alle haben eine Anschauungsform. Das, was aus dem BEWUSSTSEIN kommt, hat keine Form, die wir anschauen können. Es hat sich noch nichts konstituiert, dessen wir uns gewahr sind. Es ist etwas, das sich gerade konstituiert und in die Erscheinungsform in dem Sinn tritt, dass es zu einem Etwas eines menschlichen Bewusstseins werden kann. Es wird etwas aus dem Nichts, aus diesem Meer der Möglichkeiten, aus einer reinen Potentialität geboren. Wie das BEWUSSTSEIN ohne jegliches Attribut mit dem, was ein menschliches Bewusstsein mit Attributen und damit ein Bewusstsein von etwas ist, interagiert, ist ein reines Mysterium. Man kann es nicht erkennen und man kann es sich nicht vorstellen, weil die Erkenntnis und die Vorstellung schon wieder ein Bewusstsein von etwas und daher schon in den Raum der Erscheinungen mit bestimmten Attributen eingetreten wären. Was immer sich konstituiert, erscheint daher spontan und ohne für uns erfassbare Kausalität oder Synchronizität, die wir sonst in den Prozessen des Lebens erkennen können. Für uns ist kein Wenn-Dann-Zusammenhang und auch kein Sinnzusammenhang zu erkennen. Der Geist konstituiert sich auf einer Metaebene des Seins aus sich selbst. Yogis, die tief in den Geist eingedrungen sind, berichten, dass der Geist hoch strukturiert ist. Was wir als reine Potenzialität und Leere bezeichnen, weil wir dafür keine Anschauungsform haben, hat eine schöpferische Kraft, die sich in unsere Dimension hinein spontan entfaltet. Was für uns spontan und unmittelbar auftaucht, hat im Geist ein Entstehen, das uns in keiner Weise bewusst ist. Es entwickelt sich jenseits der uns zugänglichen Anschauungsformen. Es ist wie mit einem Ton mit einer Frequenz, die unter oder über unserem Hörvermögen liegt. Wir können den Ton nicht hören. Wenn sich ein Embryo im Mutterleib bildet, läuft in diesem Entwicklungsprozess eine ganze Evolutionsgeschichte ab. Es gibt z.B. Phasen, in denen der Embryo wie ein Fisch aussieht und Kiemen hat. Ein Mensch wird offensichtlich aus der gesamten Evolutionsgeschichte heraus geformt und geboren. Diese Geschichte ist für uns unsichtbar. Sie wirkt aus der geistigen Dimension, bleibt aber für uns weitgehend ein Rätsel. Erst wenn aus dieser geistigen Struktur durch die Befruchtung einer Eizelle ein Embryo sich zu bilden beginnt, tritt das sich schon lange vorher bildende Leben in den Bereich unserer Anschauungsformen und wird zumindest mit modernen technischen Hilfsmitteln sichtbar. Mit Hilfe der Intuition, ist es bei ausreichender Feinfühligkeit und intensiver Konzentration und Meditation möglich, geistiger Prozesse und Strukturen gewahr zu werden, für die es im Menschen eigentlich keine Anschauungsform gibt. Da dieses „innere Gewahrsein“ sich auf subtile Ebenen des Seins bezieht und sinnliche Eindrücke, Empfindungen, Gefühle und Gedanken im Vergleich dazu einen extremen Lärm darstellen, müssen all diese Wahrnehmungs-, Erfassungs- und Verarbeitungsmodi des Menschen beruhigt werden, damit die Subtilität durchdringen und damit das spirituelle Licht sich entzünden kann. Es ist ein wenig so, wie wenn man eine weit entfernte Galaxie beobachten möchte. Bei Tag ist es völlig aussichtlos irgendetwas zu sehen, weil das Licht der Sonne viel zu stark ist. Wenn man nun die Nacht nutzt, um weiter in den Kosmos hineinsehen zu können, stört oft das Licht sich in der Nähe befindender Siedlungen und die Luftbewegungen in der Atmosphäre. Die beobachtete Galaxie hebt sich nur schwach vom Hintergrund ab und flimmert auf Grund der Bewegungen der Luft. Daher muss man auf einen abgelegenen hohen Berg oder gleich ins Weltall gehen, um besser zu sehen. Das verwendete Teleskop muss zusätzlich möglichst ruhig gelagert sein und eine hohe Auflösung mit optimal geschliffenen Spiegeln haben. Jede Vibration würde das Bild des Sternes erschüttern lassen und eine Beobachtung massiv erschweren. Ist die Auflösung des verwendeten Spiegels zu gering und weist er Unregelmäßigkeiten in der Oberfläche auf, kann dies das Beobachtungsergebnis ebenfalls massiv beeinträchtigen. Die Galaxie, die beobachtet wird, kann unvorstellbar groß und gewaltig sein. Doch wenn die Signale, die bei uns ankommen sehr subtil sind, weil das Objekt sehr weit entfernt ist, bleibt es fraglich, wie viel wir vom Objekt wirklich erfassen können. Doch wenn wir etwas erfassen können, dann ist es von einer universalen Qualität. Es entspringt nicht einfach dem Erfahrungsraum unseres Alltagslebens, sondern liefert uns Erkenntnisse, die zuvor völlig unbekannt und unvorstellbar gewesen sind. Wer hätte sich im 18. Jahrhundert vorstellen können, dass es Schwarze Löcher gibt, in denen Raum und Zeit aufhören zu existieren. Wer hätte im voratomaren Zeitalter glauben können, dass man Materie auf der Ebene der Atome zerreißen und so unvorstellbare Energiemengen freisetzen kann. Wer hätte sich vorstellen können, dass die Wucht der Explosion von großen Sternen in einer Supernova die Geometrie des Raumes selbst verzerren kann. In all diesen Entdeckungen entzündet sich das spirituelle Licht. Wir haben viele Geheimnisse gelüftet. Doch der Großteil aller Geheimnisse ist weiterhin tief verborgen in den geistigen Strukturen, die uns in keiner Weise bewusst sind.

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