K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 1.48: Das universale Bewusstsein
ऋतम्भरा तत्र प्रज्ञा ॥४८॥
Ṛtambharā tatra prajñā. ||48||
Ṛtam = absolute Wahrheit, richtige Haltung
bharā = tragend
tatra = dort
prajñā = Bewusstsein
„Dort ist das von absoluter Wahrheit und Richtigkeit getragene Bewusstsein.“
In unserer Familie lebt eine kleine Hündin. Manchmal steht sie vor einer der großen Glasscheiben im Wohnzimmer und bellt sie an. Es ist kein Geräusch draußen auf der Straße, es ist auch kein Hund, der anschlägt, oder ein anderer Lärm, der sie anregen würde, Laut zu geben. Es ist ihr eigenes Spiegelbild, das sie in der Glasscheibe, zwar unscharf und schemenhaft, aber doch als das Bild eines Hundes entdeckt und anbellt. Sie erkennt nicht, dass es ihr Ebenbild ist, das sich in der Spiegelung des Glases zeigt. Wenn ich sie vor den Spiegel halte und sie sich direkt anblicken kann, bellt sie nicht. Sie erkennt sich nicht. Sie hat kein Bewusstsein dafür, dass sich im Spiegel ihr eigenes Antlitz zeigt. Untersuchungen mit Primaten ergeben, dass sie sich durchaus im Spiegel erkennen. Auch Elefanten scheinen ein rudimentäres Bewusstsein zu haben, dass sie es sind, wenn sie sich in einem Spiegel ansehen. Man sieht, dass das Bewusstsein nicht absolut ist, sondern sich graduell entwickelt.
Auch Menschenkinder benötigen einige Zeit, bis sie sich im Spiegel erkennen können. Doch wenn einmal der Groschen gefallen ist, wissen Menschen ganz genau, dass sie sich selbst im Spiegel sehen. Menschenkinder sprechen auch immer wieder von sich selbst in der dritten Person. Doch irgendwann hört diese Sichtweise auf und sie erkennen sich als Zentrum der Welt, als Subjekt, das von vielen Objekten umgeben ist. Dabei sind anfänglich auch andere Menschen lediglich Objekte. Erst mit der Zeit wird klar, dass man selbst nur ein Subjekt unter vielen Subjekten ist.
Für den aus der griechischen Mythologie stammenden Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, ist es schwer, sich auf ein Du tiefgreifend einzulassen. Er ist so sehr in sich selbst verliebt, dass es ihm unmöglich ist, die Liebe anderer zu erwidern. Das Echo ihrer Liebe verhallt unerhört. Sie bleiben Objekt. Eine ausgesprochen egozentrische Haltung.
In dieser mythologischen Geschichte klingt ein grundsätzliches Problem an. Es ist das Problem des Solipsismus. Der Solipsismus ist eine Position des Subjektivismus, der davon ausgeht, dass nur das „Ich“ mit seinem Erleben tatsächlich wirklich ist und die wahrgenommene Außenwelt lediglich aus Vorstellungen des eigenen Verstandes besteht. Das Denken wird ins Zentrum gerückt und dieses denkende und schlussfolgernde „Ich“ ist Ausgangspunkt allen Wissens und damit die einzige Gewissheit, dass wir sind. Der Verstand bringt dann alle Erscheinungen im Universum selbst hervor.
Diese Sichtweise führt zu einem Paradoxon, das der österreichische Physiker, Kybernetiker und Philosoph Heinz von Foerster aufgezeigt hat. Sollte jemand annehmen, dass er die einzige Realität im Universum ist, ergibt sich das Problem, dass er selbst die Vorstellung einer anderen Person ist, die in seiner eigenen Imagination auftaucht und behauptet, sie sei die einzige Realität. Dieses Paradoxon kann nur durch die Etablierung einer Umgebung mit der Tatsache anderer Beobachter gelöst werden. Realität ist dann das, was beobachtet werden kann und ist auch bedingt durch ein Wissen, das miteilbar ist.[i]
Alles Leben wird dann zur Begegnung mit einem „Du“. Man kann, wie es Martin Buber, der österreich-israelische Religionsphilosoph sagt, nicht einfach nicht begegnen. Selbst wenn ich das Gegenüber ignoriere, ist es eine Begegnung. Das „Du“ ist eine Realität, die man zwar ausblenden aber nicht aus der Existenz entfernen kann. Das „Du“ ist, ob ich das nun haben will oder nicht. Wenn wir diese Tatsache akzeptieren, können wir den egozentrischen Standpunkt nicht mehr aufrechterhalten. Dennoch bleibt die Möglichkeit, alles aus unserer Perspektive und auf Grundlage unserer Lebenserfahrung zu sehen, zu bewerten und zu beurteilen. Auch wenn wir ein „Du“ als Realität anerkennen, können wir egoistisch sein.
In der Kybernetik geht man davon aus, dass wir uns unsere Welt auf Grundlage unserer natürlichen Anlagen und Dispositionen sowie mit Hilfe unserer Lebenserfahrungen, die uns prägen, konditionieren und bestimmen, konstruieren. Wir sind bestimmt durch die Art und Weise, wie unsere Sinnesorgane aufgebaut sind, welche Wahrnehmungsmöglichkeiten sie haben, wie unser Verstand die gewonnen Sinneseindrücke verarbeiten, aus ihnen Vorstellungen bilden und daraus Schlussfolgerungen auf Grundlage von Bewertungen und Urteilen ziehen kann. Diese Möglichkeiten, die Welt zu erfahren, sind dann von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgestaltet. Wir nehmen die Welt unseren individuellen Selektionsmechanismen entsprechend wahr und ordnen das Wahrgenommene so ein, dass es unseren Vorstellungen und Glaubenssätzen von der Welt entspricht. Daraus ergibt sich, dass wir zwar alle in der gleichen Welt leben, jeder von uns aber in einer individuellen Realität zu Hause ist. Wenn davon gesprochen wird, dass wir unsere Realität konstruieren, dann meint dies nicht, dass es da draußen keine Welt außerhalb unseres Verstandes gibt, sondern dass jeder Mensch sich eine eigene Realität schafft. Es gibt also so viele Realitäten wie es Menschen gibt. Jede Realität ist ein egoistischer Standpunkt, der das „Ich“ ins Zentrum stellt.
Nun sind Menschen von anderen Menschen, der Natur und der Erde abhängig. Aus diesem Grund sind sie gezwungen, mit anderen Menschen, Wesen und der Natur zu interagieren. Durch diese Interaktion entstehen viele unterschiedliche Systeme. Es gibt Freundschaften, Beziehungen, Partnerschaften, Familien, Gemeinschaften, Staaten und Nationen, ökonomische Systeme und ökologische Systeme usw. Diese Systeme werden von den Teilen des Systems gebildet. In einer Partnerschaft existieren nicht einfach zwei von den beiden beteiligten Personen konstruierte Realitäten nebeneinander. Wenn Partnerschaft funktionieren soll, konstruieren die beiden Partner im sozialen Austausch miteinander ein Zusammenleben, das mehr ist als die beiden Einzelleben der Personen. Sie konstruieren und erschaffen gemeinsam die Partnerschaft, die etwas Emergentes ist und über die Einzelpersonen hinausgeht. Da die beteiligten Teile eines Systems, das System gestalten, sind die Systeme nicht unabhängig von ihnen. Das bedeutet, dass kein Teil des Systems außerhalb des Systems als unbeteiligter Teil existieren kann, ohne das System zu beeinträchtigen. Es bedeutet aber auch umgekehrt, dass jeder Teil in Bezug zu anderen Teilen im System steht. Der Beobachter ist niemals unabhängig von den anderen Teilen im System. Seine Beobachtung bestimmt das Beobachtete und nimmt damit immer Einfluss darauf, welche Ergebnisse eine Beobachtung mit sich bringt. Es kommt zu einer zirkulären Wechselwirkung zwischen allen Beobachtern im System. Es entwickelt sich ein Interaktionsmuster, das zu Selbstorganisationsprozessen auf kollektiver Ebene führt. Aus einer egoistischen wird eine kollektivistische Weltsicht.
Wie in den bisherigen Ausführungen beschrieben, erkennt sich das Bewusstsein auf seinem Entwicklungsweg zuerst im Spiegel, stellt sich ins Zentrum des Seins, indem es alles andere zum Objekt macht und entfaltet damit eine egozentrische Weltsicht. In der Anerkennung eines „Du“, das ebenfalls ein Subjekt ist, wandelt sich das egozentrische Weltbild in ein egoistisches Weltbild, das seine eigene Realität in den Vordergrund stellt und sie für die bestimmende Realität hält. In der Interaktion mit anderen Menschen, Wesen und der Welt wird der Mensch gezwungen, seinen Standpunkt neuerlich zu ändern, weil er einsehen muss, dass seine Vorstellungen von der Welt sich von den Vorstellungen anderer Menschen unterscheiden. Er muss erkennen, dass jeder Mensch seine eigene Realität hat. Um in sozialen, ökonomischen und ökologischen Systemen leben zu können, muss der Mensch die eigene Weltsicht relativieren und an die Weltsicht anderer anpassen und aussteuern, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Es ergeben sich Interaktionsmuster auf einer Metaebene, die Prozesse der Selbstorganisation auslösen. Das, was sich selbst organisiert, ist uns oft nicht bewusst. Es ist kein Ablauf, den wir unmittelbar beobachten und erkennen können. Selbstorganisation drückt sich mittelbar durch das aus, was sich in Vollzügen beobachten lässt. Es stellt sich damit die Problematik der Reflexion. In der systemischen Beratung wird z.B. anerkannt, dass der Berater nicht unabhängig von der beratenen Person bleiben kann. Man hat erkannt, dass es im Beratungsprozess spontan zu Übertragungen und Gegenübertragungen von Problemlagen kommt. Dies hängt schlicht damit zusammen, dass beratende und beratene Personen mit Fragen, Problemen und Herausforderungen konfrontiert werden, die nicht selten auf subliminaler Ebene Reaktion und Verhalten auslösen, das den Beteiligten gar nicht bewusst ist bzw. nicht ins Bewusstsein gebracht werden kann. Es organisiert sich etwas im Verborgenen selbst, das man nicht sieht. Es entsteht ein blinder Fleck. In der systemischen Beratung versucht man das Problem dadurch zu lösen, dass man den Beratungsprozess von dritten Personen beobachten lässt. Diese Beobachter stehen außerhalb der Interaktion, die sich im Beratungsgeschehen zwischen beratender und beratener Person entwickelt und können daher aus der Perspektive der Metaebene z.B. die Übertragungen und Gegenübertragungen, die im Verborgenen wirken, aufdecken und den unmittelbar in der Beratung befindlichen Personen bewusst machen. Damit entsteht ein objektiveres Bild der Beratungssituation. Doch auch dieses Vorgehen ist nicht in der Lage, aus einem relativistischen Standpunkt einen absoluten Standpunkt zu machen. Natürlich kann man ein weiteres Beobachtersystem einführen und dann vielleicht noch eines. Doch ein solches Vorgehen ist nicht praktikabel und verschlingt viel Zeit und viele Ressourcen. Wie sehr wir uns auch anstrengen, wir sind in einem Relativismus gefangen. Jede bewertende und beurteilende Beobachtung wird uns unweigerlich in ein Gegenüber, in die Situation eines „Du“ manövrieren. Die kollektivistische Weltsicht hat uns dazu geführt, die Welt zu reflektieren und zu hinterfragen. Doch in einer hoch komplexen und gleichzeitig ressourcenmäßig beschränkten Welt scheitern wir an der Möglichkeit, alles so lange zu reflektieren, bis wir die verborgenen und unsichtbaren Dinge, unsere blinden Flecke, samt den Regeln und Zusammenhänge, die sie steuern, aufgedeckt haben. Wir bleiben in einer polaren Welt von „Ich“ und „Du“ gefangen, in der wir nie ausreichend Informationen haben, um wahrhaftige und richtige Entscheidungen treffen zu können. Was also tun?
Yoga beschreibt Techniken, die helfen, die Problematik von Beobachter, Beobachtetem und Beobachtung zu überwinden. Hier geht es darum, zu erfassen, dass auf geistiger Ebene der Beobachter, das Beobachtete und die Beobachtung ein und dieselbe Sache sind. Solange man so beobachtet, als würde sich der Beobachter vom Beobachtetem unterscheiden, gibt es eine Spaltung und alle Dinge ordnen sich in ihrer Polarität zueinander an. Dieses Problem kann keine gedankliche Unterscheidung, keine verstandesmäßige Schlussfolgerung, keine mentale Bewertung und Beurteilung und auch keine wie immer gestaltete Reflexion lösen. Solange man im mentalen Bereich bleibt und damit aus konkreten Bewusstseinsinhalten heraus versucht, eine Frage zu lösen, bleibt man einer relativen Wahrheit verhaftet. Es wird immer einen blinden Fleck geben, den wir nicht entdecken. Es wird immer Zusammenhänge und ordnende Prinzipien geben, derer wir und nicht ausreichend bewusst sind. Doch wenn wir der Tatsache gewahr werden, wie es der Philosoph, Schriftsteller und spirituelle Lehrer Jiddu Krishnamurti sagt, dass der Beobachter ein Teil desselben Bewusstseins ist wie das Beobachtete und die Beobachtung, dann löst sich die Spaltung und der gordische Knoten, der sich nicht aufdröseln ließ, auf.[ii]
Aus dieser Einheit entspringt ein von absoluter Wahrheit und Richtigkeit getragenes Bewusstsein. Ein solches Bewusstsein bedeutet nicht, dass man schlagartig alles weiß und versteht und in alle Dinge unmittelbar ohne Verzerrung Einsicht hat. So etwas würde unseren Verstand schlagartig vernichten. Wie soll das alles in einem begrenzten Verstand Platz haben und verarbeitet werden. Es bedeutet, dass wir uns auf ein bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Fragestellung konzentrieren und uns in sie meditativ versenken können, um auf der Metaebene des Geistes jener Wirklichkeit gewahr zu werden, die unmittelbar ist. Aus einer kollektivistischen Weltsicht wird ein universales Bewusstsein.
Jede Regung des Verstandes läuft in der Zeit ab. Wenn wir einen Gedanken bilden, dann benötigen wir dafür Zeit. Der Gedanke entwickelt sich von einem bestimmten Ort ausgehend hin zu einem anderen Ort. Der Gedanke braucht daher auch immer einen Raum. Schließlich muss sich der Gedanke auch auf irgendein Objekt in Raum und Zeit beziehen. Damit ist er an eine bestimmte Form gebunden. Es geht also immer um einen bestimmten Bewusstseinsinhalt, der schon da ist, auf den sich der Verstand beziehen kann. Der Verstand kann also niemals das Ganze erfassen. Er ist immer auf Teilaspekte hin fokussiert und springt von einem Aspekt zum anderen, ohne alle Aspekte berücksichtigen oder in ihrer Perspektive zueinander erfassen zu können.
Der Geist ist jenseits von Zeit, Raum und Form. Er hat keine konkrete Anschauungsform. Er ist ohne Form. Er ist ein schwingendes Phänomen, eine Art Interferenzmuster, das Zeit, Raum und Form erst hervorbringt. Er ist die Grundlage all dieser Anschauungsformen. In ihm ist die Anschauung eins. Er ist daher nicht nur zeit- und raumlos, sondern auch formlos. Aus dieser Formlosigkeit und universalen Einheit heraus, kann die absolute Wahrheit und Richtigkeit der Dinge entspringen.