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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.49: Vom universalen Bewusstsein getragene Erkenntnisse

 

श्रुतानुमानप्रज्ञाभ्यामन्यविषया विशेषार्थत्वात्॥४९॥

Śrutānumāna prajñābhyām anya viṣayā viśeṣārthatvāt. ||49||

 

Śruta = Studium der Schriften (die Schriften werden gehört)

anumāna = Rückschluss, Schlussfolgerung

prajñābhyām = von der Erkenntnis aus beiden

anya = (völlig) unterschiedlich, anders

viṣayā = Bereich

viśeṣa = Verschiedenheit, Besonderheit, etwas Außergewöhnliches

arthatvāt = von der Bedeutung bzw. Zielrichtung ausgehend

 

„Dieser außergewöhnliche Bereich (das von absoluter Wahrheit und Richtigkeit getragene Bewusstsein) unterscheidet sich hinsichtlich seiner Signifikanz völlig von Erkenntnissen, die durch das Studium der Schriften oder durch Schlussfolgerungen erlangt werden können.“

 

Angenommen man müsste in einer riesigen, viele Stockwerke hohen und mehrere Fußballfelder fassenden völlig finsteren Lagerhalle untersuchen und beschreiben, welche Bauten und Bauwerke, Stiegen- und Leiteranlagen, stehende und hängende Gegenstände an welchen Ort und in welcher Lage sich darin befinden und hätte lediglich seinen Tastsinn zur Verfügung, um das zu bewerkstelligen. Man wäre heillos überfordert. Zu jedem Gegenstand müsste man direkt gelangen, jedes Objekt müsste man berühren und abtasten, die Entfernungen müssten mühevoll abgemessen werden und es bestünde eine große Gefahr, dass man sich mit den Längen-, Breiten- und Höhenangaben sowie den einzelnen Winkeln, in denen die Objekte zueinanderstehen, verschätzt. Es wäre fraglich, wie man hängende Gegenstände erreichen sollte und es ist gut möglich, dass viele hängende Gegenstände gar nicht entdeckt würden. Was macht man bei besonders großen Gegenständen, die mit den Händen nicht mehr erreicht werden können. Hier müsste man klettern und das Vermessen der Gegebenheiten würde in einer Position, in der man sich sehr gut festhalten muss, noch schwieriger werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wären die Ergebnisse schlecht und man würde ein sehr unvollständiges, falsch bemessenes und vages Bild von dieser Lagerhalle bekommen. Nun stelle man sich vor, man öffnet einfach eines der großen Rolltore am Eingang zur Halle und lässt Sonnenlicht in den Raum fallen. Schlagartig könnte man einen großen Teil der Einrichtung und Gegenstände sehen und bekäme einen guten Überblick, wie die Halle aufgebaut ist, welche Strukturen sich in ihr befinden und wo welche Gegenstände sind. Selbst wenn man nur ein Zündholz hätte, um die Halle zu erhellen, könnte man viel schneller und weit besser erkennen, was sich in der Halle befindet als mit Hilfe des Tastsinnes.


Viele Menschen halten die intuitiven Kräfte des Menschen für unbedeutend und problematisch, weil die Visionen, die aus ihnen kommen, oft nur schematisch, unscharf und schwer fassbar sind. Das Bild, das sie liefern, hat in keiner Weise die Schärfe, Genauigkeit und Detailliertheit, die wir von der realen Welt gewohnt sind. Manche Menschen halten Visionen für eine Art Krankheit und die Intuition für einen Erfassungs- und Verarbeitungsmodus, der unseren Sinnen, unserem Intellekt, unserer Fähigkeit, Schlussfolgerungen zu ziehen und die Dinge reflektierend zu ergründen weit unterlegen ist. Doch die Intuition hat eine Eigenschaft, die allen anderen Erfassungs- und Verarbeitungsmodi fehlt. Sie kann Strukturen des Geistes schlagartig erfassen, so wie wenn sie im obigen Beispiel ein Zündholz anzünden, um die Struktur der Lagerhalle zu überblicken. Der Verstand ist im Raum geistiger Strukturen und Abläufe eher wie der oben erwähnte Tastsinn. Er lässt sich nicht darauf schulen, wie er die Ganzheit des geistigen Raumes wahrnehmen könnte. Die Intuition lässt sich im Gegensatz dazu sehr gut schulen und weiterentwickeln. Am Anfang steht einem vielleicht nur die Flamme eines Zündholzes zur Verfügung und der untersuchte Raum wird sehr unzureichend ausgeleuchtet. Doch mit der Zeit wird die Flamme stärker und größer und immer mehr wird von der Struktur des Großen und Ganzen sichtbar. Man versteht, wie es aufgebaut ist, welche Teile mit welchen verbunden sind, welche Elemente mit welchen interagieren, zusammenarbeiten oder komplementär zueinander sind. Man erkennt operierende, koordinierende, dann optimierende und schließlich kreierende Elemente und sieht, wie alles ineinandergreift, miteinander verbunden ist und einer bestimmten Ausrichtung und Orientierung folgt.

Als Albert Einstein sich Gedanken über das Licht und seine Geschwindigkeit machte, konnte er mit Sicherheit nicht ahnen, wohin ihn diese Überlegungen führen würden. Er konnte nicht wissen, dass er eine der wichtigsten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts machen und zum bekanntesten und vielleicht größten Wissenschaftler seiner Zeit werden würde.


Am Anfang stand eine Vision, bei der er sich vorstellte, so schnell wie das Licht unterwegs zu sein und wie er dann die Welle des Lichtes in einem stehenden Feld erkennen könnte. Es wurde ihm bald klar, dass diese Sichtweise unmöglich ist, weil es bedeuten würde, dass sich die geltenden Gesetze im Universum verändern würden, je nachdem, von welchem Punkt aus man eine Bewegung beobachtet. Seit Galileo Galilei und Isaac Newton wurde akzeptiert, dass die Gesetze der Physik nicht davon abhängen können, wie schnell man sich im Raum bewegt. Die Geschwindigkeit eines Objektes kann nur in Relation zu einem anderen Objekt gemessen werden. Es gibt also keinen absoluten Standpunkt, sondern nur relative Positionen. Einstein ließ das Problem lange auf sich wirken und kam dann zum Schluss, dass diese Situation bedeuten musste, dass sich das Licht immer mit der gleichen Geschwindigkeit ausbreitet, ganz unabhängig davon, ob sich die Quelle eines Lichts von einem Beobachter wegbewegt, auf ihn zubewegt oder parallel zum ihm vorbeirast. Es wäre auch unbedeutend, wie schnell sich die Quelle des Lichtstrahls bewegen würde. In jedem der beschriebenen Fälle müsste man immer die gleiche Geschwindigkeit des Lichtes messen, die bei knapp 300.000 Kilometer pro Sekunde liegt. Wenn das Licht in dem Sinn eine Konstante ist und immer mit der gleichen Geschwindigkeit unterwegs ist, dann bedeutet dies auch, dass man das Licht niemals einholen und man das oben erwähnte stehende Feld niemals sehen könnte.


Nun hatte Einstein eine weitere Vision. Er stellte sich vor, wie sich das Licht von einem Punkt an einem Eisenbahngleis ausbreitet und von zwei Beobachtern, die in unterschiedlicher Position und Bewegung zur Quelle des Lichtes stehen, wahrgenommen würde. Der eine würde am Bahnsteig stehen und das Licht direkt neben sich sehen. Der andere würde in einem Zug, der mit 3000 Kilometern pro Sekunde unterwegs ist, an der Lichtquelle vorbeirauschen. Wenn beide Beobachter nun das Licht messen würden, wäre es für denjenigen am Bahnsteig 300.000 Kilometer pro Sekunde schnell. Der Beobachter im Zug würde aber eine Geschwindigkeit von lediglich 297.000 Kilometern pro Sekunde messen, da er ja vom Licht davonfährt. Unter der oben getroffenen Annahme, dass Licht immer gleich schnell sein muss, konnte dieses Ergebnis nicht stimmen. Einstein kam die revolutionäre Erkenntnis, dass sich nicht die Geschwindigkeit, sondern die Zeit ändert. Wenn zwei Beobachter sich zueinander mit hoher Geschwindigkeit bewegen, dann ist es möglich, dass ein Beobachter zwei Ereignisse gleichzeitig und ein anderer Beobachter zwei Ereignisse hintereinander sieht. Auch dazu hatte Einstein wieder ein visionäres Bild. Er stellte sich vor, dass ein Zug mit hoher Geschwindigkeit an einem Beobachter am Bahnsteig vorbeifährt. In der Mitte des Zuges sitzt ein weiterer Beobachter. Genau in dem Moment, in dem der Beobachter im Zug den Beobachter am Bahnsteig passiert, schlagen gleichzeitig zwei Blitze am Anfang und am Ende des Zuges ein. Da im Zeitpunkt des Einschlages die Blitze vom Beobachter am Bahnsteig gleich weit entfernt sind und damit das Licht auch gleich lange benötigt, um den Beobachter zu erreichen, sieht der Beobachter am Bahnsteig die beiden Blitze im selben Augenblick. Für den Beobachter im Zug ist die Situation anders. Er ist zwar von der Zugspitze genauso weit entfernt wie vom Zugende, der Zug selbst bewegt sich aber vom Blitz am Zugende weg und auf den Blitz an der Zugspitze zu. Daher benötigt das Licht von der Zugspitze zum Beobachter weniger lang als das Licht vom Zugende. Der Beobachter im Zug nimmt die Blitzeinschläge nicht gleichzeitig, sondern zeitlich leicht versetzt und damit nacheinander wahr. Gleichzeitigkeit ist relativ. Der Rest ist Mathematik.


Es war eine neue Erkenntnis geboren, die sich in ihrer Signifikanz völlig davon unterschied, was bisher in der Physik beschrieben oder durch Schlussfolgerungen erkannt worden war. Zusätzlich ist es eine Erkenntnis, die im ganzen Universum und damit universal gilt. Nicht anders ist es mit den weiteren Erkenntnissen der allgemeinen und speziellen Relativitätstheorie, die Einstein gewonnen hat. Wir sind weit davon entfernt, das Universum in seiner Komplexität zu verstehen. Aber Albert Einstein hat ein Zündholz angezündet, das uns erlaubt, etwas von der Gesamtstruktur des Universums zu sehen. Wir haben einen Blick in diesen bisher völlig dunklen Raum erhascht. Wir können die Relativitätstheorie nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen, da wir nicht in der Lage sind, mit solchen Geschwindigkeiten unterwegs zu sein, dass die Effekte in unserer Alltagswelt sichtbar werden. Doch gezielte wissenschaftliche Experimente, die mit Hilfe hochentwickelter technischer Instrumente durchgeführt werden, beweisen, was Einstein als Vision aufgegriffen und dann intuitiv erfasst und schließlich mathematisch berechnet hat. Nicht anders geht es uns mit all den Erkenntnissen in der Quantenphysik aber auch mit Erkenntnissen der mystischen Seher in allen spirituellen Traditionen dieser Welt.


Das, was Einstein so faszinierend macht, ist sein intuitiver Zugang zu den Problemen. Einstein war nicht auf die Mathematik und ihre komplizierten Rechenschritte fokussiert. So ist die von ihm veröffentlichte Schrift zur allgemeinen Relativitätstheorie auch nicht besonders kompliziert. Der Text ist leicht verständlich und die verwendeten Gleichungen können mit guten mathematischen Kenntnissen ohne besonderes Spezialwissen verstanden werden. Einstein arbeitete mit Visionen, konstruierte aus diesen Visionen heraus unterschiedliche imaginierte visuelle Gedankenexperimente und drehte und jonglierte diese so lange, bis sich ein klares Bild vor seinen Augen zeigte, das er in Konzepte umwandeln und in physikalische Prinzipien umgießen konnte. Die Annahmen mussten aus seiner Sicht einfach und eingängig sein. In diesem Sinn ist es bei komplizierten Dingen sehr fraglich, ob sie die Wahrheit zu berühren vermögen. Einsteins forschendes Vorgehen ging weit über den diskursiven, schlussfolgernden und reflektierenden Verstand hinaus. Er war immer auf der Suche nach einer Symmetrie, einer Harmonie und einem Ebenmaß in den Dingen. Daraus entspringt eine Idee der Schönheit, die sich dadurch zum Ausdruck bringen lässt, dass Teile ineinandergreifend und ein ausbalanciertes Ganzes bilden, das eine erhabene Einheit zum Vorschein bringt. Dieses gesamte Vorgehen ist in erster Linie nicht einmal wissenschaftlich, sondern ästhetisch. Natürlich bestand Einsteins Genie auch darin, diese Ästhetik in den physikalischen Zusammenhängen zu erkennen und sie in unsere Realität umzusetzen und wissenschaftlich brauchbar zu machen. Doch Einsteins Vorgehen entspricht meines Erachtens eher dem Vorgehen der Rishis, der heiligen Männer in den Upanischaden als dem des klassischen Wissenschaftlers, auch wenn er natürlich ein wissenschaftliches Genie war.


Der klassische wissenschaftliche Empiriker, der aus diskursiven Überlegungen heraus, die auf dem bisherigen Wissen aufbauen, bestimmte Hypothesen aufstellt, diese dann mit Hilfe von Experimenten zu beweisen versucht und im Fall des Scheiterns, die Hypothesen verwirft oder anpasst, um sich neuerlich auf die Suche nach einem tragfähigen und richtigen Ergebnis zu machen, verkörpert meines Erachtens nach einen anderen Typus des Forschers. Hier steht ein rein diskursives, schlussfolgerndes und reflektierendes Vorgehen im Vordergrund, bei dem der Wissenschaftler wie von Karl Popper beschrieben, in einem dunklen Keller nach einem Hut tastend sucht, von dem er nicht weiß, ob er tatsächlich da ist.

Die Rishis und Yogis erfassen die Wirklichkeit der Dinge hinter dem Schleier, der unsere reale Welt umgibt, indem sie sich meditativ in den Raum der Wirkkraft des Seins versenken. Dieser Raum beinhaltet die Symmetrie, die Balance und den Rhythmus des Lebens. Die verschiedenen Ebenen des Seins korrespondieren und stehen in Wechselwirkung miteinander. Man nimmt die schwingende Dimension des Seins wahr, die sich in die Polarität der Dinge umsetzt. Kausalität und Synchronizität werden erkennbar und es herrscht ein Gleichgewicht und Ebenmaß zwischen bewegenden männlichen und rezeptiv weiblichen Kräften. Erhabenheit und Anmut zeigen sich und Staunen und Ehrfurcht rühren das Herz des Menschen.


Hier erhebt sich ein Erkennen, das unabhängig ist von bisherigen Erkenntnissen. Es ist nicht derivativ, sondern originär. Es ist nicht von konstruktiver, sondern von bildender Kraft. Es ist nicht mechanisch, sondern kreativ. Es ist nicht beständig, sondern sich wandelnd. Es ist nicht diskriminierend, sondern einend. Es ist die lebendige Wirklichkeit.

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