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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.50: Eindrücke erlöschen im Licht des universalen Bewusstseins

 

तज्जः संस्कारोऽन्यसंस्कारप्रतिबन्धी॥५०॥

Tajjaḥ saṁskāro’nya saṁskāra pratibandhī. ||50||

 

Tad = dasjenige, diejenige

jaḥ = geboren, produziert von

saṁskāraḥ = unterschwelliger Eindruck

anya = unterschiedlich, anders

pratibandhī = löscht aus, ersetzt

 

„Die (aus dem von absoluter Wahrheit und Richtigkeit getragenen Bewusstsein) geborenen Eindrücke, löschen alle anderen Eindrücke aus.“

 

Ein hoch egozentrischer Mensch kann nicht einfach so ein sozial orientierter und psychisch gefestigter Mensch sein. Ein hoch egoistischer Mensch kann nicht einfach so ein kollektiv orientierter und im Sinn der Gemeinschaft denkender Mensch sein. Ein die Realität stark reflektierender Mensch kann nicht einfach so die spirituelle Dimension betreten und ein Visionär, Seher und Heiler sein. Ein heiliger Mensch kann nicht einfach so die Befreiung aus allen Erscheinungsformen des „prkriti“ und damit Erleuchtung erlangen. Niemand kann in die Volksschule gehen, ohne die Aufgaben, Herausforderungen und Mühen des Kindergartens absolviert zu haben. Gleiches gilt für den Schritt in die höheren Schulen, an die Ausbildungsstätten und Universitäten. Doch es gilt auch, dass ein Mensch ein besserer und ein erleuchteter Mensch werden kann. Der Samen für diese Entwicklung steckt in uns. Doch es ist ein Samen und jeder Samen muss aufkeimen und reifen, um eine voll entwickelte Pflanze hervorbringen zu können. Jede große Entwicklungsstufe löscht die Eindrücke der vorherigen Stufe aus. In der Volksschule erinnern wir uns an den Kindergarten, doch die uns nun umgebende Welt ist anders und unterscheidet sich. Die in der Schule gemachten Eindrücke überlagern jene des Kindergartens und die Erfahrungen aus den frühen Jahren unseres Lebens nehmen an Bedeutung ab. Es macht keinen Sinn, direkt nach der letztendlichen Befreiung zu streben, wenn viele Stufen auf dem Weg dorthin noch nicht genommen sind. Doch es macht Sinn, diese Befreiung im Auge zu behalten, weil wir sonst niemals dorthin gelangen werden. Es ist eine Kunst, an jenem Ort zu sein und von dort aus unsere Aufgaben anzugehen, an dem wir uns tatsächlich befinden. Der große österreichische Arzt und Psychotherapeut Alfred Adler hat in besonderer Art und Weise aufgezeigt, wie Menschen oft fragwürdig mit ihrem Wachstumspotenzial umgehen. Wenn wir an Herausforderungen scheitern, dann entsteht in uns ein Gefühl des Minderwertes. Manche reflektieren dieses Gefühl und verstehen, dass sie wachsen müssen. Sie wissen, dass sie sich selbst in ihrer Entwicklung noch etwas schuldig geblieben sind. Manchmal stellen solche Menschen ihr Licht unter den Scheffel. Ihr Schuldgefühl ist überzogen und sie erniedrigen sich in einer Art und Weise, die unverhältnismäßig und problematisch ist. Daraus kann sich ein Minderwertigkeitskomplex bilden. Andere sind nicht bereit, sich ihre Defizite bewusst zu machen. Je öfter jemand an einem Entwicklungsschritt gescheitert ist, umso schwieriger wird es, sich das Scheitern einzugestehen und mit ihm umzugehen. In solchen Fällen kann es leicht passieren, dass eine Person, um mit dem Minderwertigkeitsgefühl fertig zu werden, einen Überwertigkeitskomplex entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Gegenbewegung, die oft von gespielter Überheblichkeit und unaufrichtiger Einschätzung der eigenen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Fertigkeiten geprägt ist sowie dazu führt, dass Menschen sich als etwas ausgeben oder sich als etwas darstellen, was sie gar nicht oder noch nicht geworden sind. Ein Überwertigkeitskomplex entsteht. Minderwertigkeits- und Überwertigkeitskomplexe behindern unsere natürliche Entwicklung. Sie erzeugen in unserem Inneren eine Spannung und sobald wir die Kontrolle aufgeben und loslassen, tauchen sie unverschämt aus den Tiefen unserer Seele auf und bedrängen uns.


Wenn wir uns auf ein bestimmtes Objekt konzentrieren und meditieren, blendet die Konzentration auf das gewählte Objekt die anderen Eindrücke aus. So gelingt es uns mit andauernder und geduldiger Übung, in die Dimension des Geistes vorzudringen und Erkenntnisse einer höheren Dimension zu erlangen. Auf diese Art und Weise können wir viele verschiedene Aspekte des Lebens untersuchen und in ihre Geheimnisse eindringen. Da wir uns immer auf ein Objekt konzentrieren, kommt es immer zu einem Keimen und Aufblühen der Inhalte dieses Objektes. Daher spricht man hier von einer Versenkung mit Keimen (sabījaḥ samādhiḥ). Wenn wir uns aber nun in einer Form versenken wollen, in der es zu keinem Keimen mehr kommt (nirbījaḥ samādhiḥ), müssen wir die Konzentration auf ein bestimmtes Objekt aufgeben. Wir lassen los und beziehen uns auf eine innere Leere. Doch nun passiert etwas, das wir auch aus unserem Alltagsleben kennen. Sobald wir uns nicht mehr auf eine bestimmte Sache konzentrieren, tauchen unendlich viele andere Impulse auf. Es können Gedanken, Gefühle, Fantasien, Imaginationen, Erinnerungen, Tagträume etc. sein, die sich plötzlich in unserem Bewusstsein zeigen. Was immer in uns unreif und unvollständig geblieben ist, wühlt uns auf und macht sich bemerkbar. Wie oben bei den Minderwertigkeits- und Überwertigkeitskomplexen beschrieben, bedrängt uns das, was noch nicht ausreichend entwickelt und in unser Leben integriert ist. Es zeigt sich, dass wir noch nicht genommene Entwicklungsstufen nicht überspringen können. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit diesen offenen Wachstumsaspekten in unserem Leben zuwenden. Nur so wird es möglich, dass wir unser Inneres so tiefgreifend beruhigen, dass bei der Konzentration auf die Leere in uns nicht unterdrückte Inhalte an die Oberfläche drängen und unsere Bemühungen zunichtemachen. Wir können Entwicklungsstufen nicht einfach überspringen. Wir können vielleicht andere Menschen und die Gesellschaft täuschen, doch das Leben lässt sich nicht hintergehen. Wir müssen durch die vielen Ebenen des Bewusstseins hindurchgehen und die mit ihnen im Zusammenhang stehenden Lebensdimensionen und Schichten des Daseins durchdringen und zu einem Teil unserer Existenz machen. Erst wenn wir die Welt bis hinab in ihre tiefsten Schichten durchdrungen, verstanden und integriert haben, löst sich der Wachstumsbedarf auf. Die Eindrücke einer egozentrischen Weltsicht werden durch jene einer egoistischen, jene einer egoistischen durch jene einer kollektiven, jene einer kollektiven durch jene einer universalen ausgelöscht. Das Potenzial ist ausgeschöpft und macht den Weg frei für eine Erfahrung dessen, was jenseits der „Urnatur“ und all ihrer Erscheinungsformen liegt. Die Eindrücke erlöschen und es wird der Weg geebnet für eine Kontemplation, die kein Keimen kennt. Dies kann niemals durch unseren Willen erzwungen werden, sondern entsteht spontan aus dem Erlöschen der Eindrücke im Zuge unseres Loslassen.

© Christoph Paul Stock | Wien | 2026 | All rights reserved!
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