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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 1.51: Kontemplative Versenkung ohne jedes Keimen


 तस्यापि निरोधे सर्वनिरोधान्निर्वीजः समाधिः॥५१॥

Tasyāpi nirodhe sarva nirodhān nirbījaḥ samādhiḥ. ||51||

 

Tasya = von diesem

api = eben (auch), selbst, sogar

nirodhe = ausgelöscht werden

sarva =alle

nirodhān = ausgelöscht werden

nirbījaḥ = ohne Samen, ohne Keimen

samādhiḥ = Kontemplation

 

„Wenn selbst diese (gerade erwähnten Eindrücke) ausgelöscht werden, sind alle (Eindrücke) erloschen und es entsteht eine Kontemplation, in der kein Samen keimt (nirbīja samādhi).“

 

Ein Samen hat zwei grundlegende Eigenschaften. Der Samen beginnt zu keimen, wenn die Umgebung jene Grundvoraussetzungen bietet, die ein Keimen ermöglichen. Eine Eichel, die auf einen steinigen Boden fällt, kann nicht keimen. Es fehlt die notwendige Feuchtigkeit und die Erde mit ihren Nährstoffen, die es der Eichel ermöglichen würden, kleine Wurzeln auszubilden, die einen Halt im Boden geben und den ersten kleinen noch biegsamen Stamm aufzusetzen, aus dem heraus ein ganzer Baum erwachsen kann. Eine Frau ist erst empfänglich, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht hat, ihre Fortpflanzungsorgane entsprechend entwickelt und der hormonelle Zyklus sich so umgestellt hat, dass eine befruchtete Eizelle sich in der Gebärmutter einnisten und wachsen kann. Sobald aber die Voraussetzungen und notwendigen Umstände gegeben sind, wird der Samen keimen und die Eizelle zu wachsen beginne. Dies ist die erste grundlegende Eigenschaft des Samens. Der Samen ist eine Potentialität, die sich entfaltet, sobald die notwendigen Voraussetzungen gegeben sind. Die zweite Eigenschaft liegt darin, dass der Samen in sich angelegt schon alle Entwicklungsstufen mitbringt, die notwendig sind, damit aus dem Samen ein voll entwickelter Organismus werden kann. Eine unvorstellbar lange evolutionäre Geschichte ist eingeschrieben in den Informationsträger, den wir Samen nennen. Codiert in der DNA befinden sich jene abertausenden Informationen, die das Wachsen und Reifen des Organismus bestimmen. Darüber hinaus gibt es unzählige formbildende Systemstrukturen, die eine Art Matrix bilden, die gewährleistet, dass auch jene Form entsteht, die beabsichtigt ist und nicht irgendeine andere Form. Im Prozess des Keimens und Wachsens bildet sich Schicht für Schicht der Organismus heraus. Dabei differenziert er sich bei laufendem Wachstum immer weiter aus.


Die bisher beschriebenen Formen des „samādhi“ beziehen sich alle auf ein Objekt im Geist oder im Raum der Erscheinungsformen. Die Kontemplation ist also auf etwas gerichtet, das den „gunas“, den geistigen Inhalten und Erscheinungsformen des Seins angehört. Damit bewegt man sich im Bereich des „prakriti“, der Urnatur aller Dinge, im Gegensatz zum „purusa“, dem wahren Selbst, das vollkommen unberührt von allen Dingen ist. Jede Struktur im Geist und jede Erscheinungsform entspringt einem Samen und keimt auf, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Aus dem Keimen aller Dinge entsteht die Wirkebene des Geistes und die Welt, in der wir leben. Solange wir die geistige Dimension und die Welt mit ihren Erscheinungsformen in den Fokus unserer Kontemplation nehmen, können wir immer tiefer in ihre Geheimnisse und ihren verborgenen Aufbau vordringen. Doch wenn wir so weit gegangen sind, dass wir ihre am tiefsten liegende Geheimnisse ergründet haben, geht es darum, über ihr Keimen, ihre Prägungen, Wiederholungen und kreativen Neuentwicklungen, ihr Entstehen und Vergehen und über das sich drehende Rad der Erscheinungen (samskara) hinauszugehen. Was immer einen Samen hat, trägt in sich nicht nur das Wachstum und Werden, sondern auch das Vergehen und Sterben. Was immer „prakriti“ angehört, ist dem Wandel unterworfen.


Im „nirbīja samādhi“ gibt es nur eine Präsenz ohne jegliches Keimen, Entstehen und Vergehen. In diesem Zustand erlöschen alle Eindrücke. Es ist ein Zustand des reinen Seins, für den es keine Worte, keine Beschreibung und keine Analogien gibt. Diejenigen, die sich ihres wahren Selbst gewahr geworden sind, können darüber nichts sagen, da sich dieses Gewahrsein nicht beschreiben lässt, und diejenigen, denen diese Erfahrung fehlt, können sich darunter nichts vorstellen, weil ein solches Gewahrsein einer Vorstellung unzugänglich ist. Vorstellungen gehören dem Raum des „prakriti“ an. Es ist das Geheimnis aller Geheimnisse, das Mysterium der Mysterien, die Realisation des wahren Selbst, das nicht mehr geboren wird. Nicht nur das Bewusstsein von etwas, sondern auch das Spiegeln selbst werden überschritten. Was bleibt, ist Stille, Friede, Schweigen, Befreiung und Freiheit (nirvana, moksha, mukti) … .

© Christoph Paul Stock | Wien | 2026 | All rights reserved!
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