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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 3.1: Die Fixierung des Verstandes in der Konzentration

 

देशबन्धश्चित्तस्य धारणा॥१॥

Deśabandhaścittasya dhāraṇā. ||1||

 

Deśa = Platz, Ort

bandhḥ = Bindung, Fixierung

cittasya = verstandesmäßig, vom Verstand, die seelisch-geistige Tätigkeit betreffend

dhāraṇā = Konzentration

 

„Konzentration (dhāraṇā) ist die Fixierung des Verstandes auf einen Ort (ein Objekt, eine Idee, ein Thema).“

 

Abbildung 4
Grafik-Design: © bei Christoph Paul Stock

Was ist Konzentration? Wenn wir eine große und schwierige Aufgabe meistern wollen oder müssen, geht das meist nicht ohne hohe Konzentration. Wer eine schwierige Rechenaufgabe bewältigen will, muss sich genauso konzentrieren, wie jemand, der ein schwieriges Musikstück spielen, eine herausfordernde Stelle beim Klettern durchsteigen oder in komplexen Verkehrssituationen bei dichtem Verkehr und unübersichtlichen und schwer überschaubaren Regelsituationen ohne Friktionen an sein Ziel kommen will. Dabei ist Anstrengung gefragt, die Sinne müssen geschärft, die kognitiven Leistungen ausgereizt und die körperlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Sind solche Aufgaben geschafft, spürt man oft die Müdigkeit und in so manchem Fall die Erschöpfung, die sich einstellen, weil sehr viel Energie verbraucht und in die hoch konzentrierte Tätigkeit geflossen ist. Bildlich gesprochen hat man die eigenen Energien auf ein bestimmtes Ziel wie durch ein Brennglas auf einen konkreten Punkt hin konzentriert. An diesem Punkt entfaltet sich dann die volle Kraft der Konzentration. Spitzenleistungen können nur so erreicht werden. Der Geist ist in diesen Fällen wie ein Hochleistungssportler, der etwas erreichen und Erfolg haben will.



Abbildung 5
Grafik-Design: © bei Christoph Paul Stock

Eine solche Konzentration ist nur für eine bestimmte Zeit möglich. Dann fällt das Konzentrationsniveau ab. Oft fällt es uns schwer, ausreichend Konzentration aufzubringen. Wir sind zerstreut, mit den Gedanken nicht bei der Sache, geben uns Tagträumen hin und lassen den Geist einfach durch die Gegend wandern. Das tut er gerne. Unser Geist ist ständig mit irgendeinem Gegenstand beschäftigt. Er springt von einem Ort zum anderen, von einer Sache zur nächsten und erkundet und beleuchtet die gesamte Umgebung. Dies tut er nicht nur außen in der Welt, sondern auch innen in seinen Fantasien und Vorstellungen, aber auch im Schlaf in den Träumen. Nur im Tiefschlaf scheint er zur Ruhe zu kommen. In all diesen Fällen ist der Geist nicht wie durch ein Brennglas auf einen bestimmten Punkt hin konzentriert, sondern wie das Licht einer Taschenlampe in die äußere Umwelt oder auf die innere Umgebung gerichtet, um alles auszuleuchten. Er kann niemals alle Details erfassen, aber er ist wie ein kleines Kind, das die Welt erforscht und untersucht und hört nicht auf, herumzustreifen.


Beide hier beschriebenen uns sehr geläufigen Zustände des Geistes sind in Sūtra 3.1 nicht gemeint. Bei „dhāraṇā handelt es sich um eine andere, ganz besondere Form des Geisteszustandes. Hier geht es um eine Konzentration, die weder auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist, noch die Umgebung ausleuchtet, indem sie von Objekt zu Objekt springt. Bei dieser Form der Konzentration wird ein Objekt in den Fokus genommen und geistig fixiert. Dabei ist es leichter, reale Objekte zu fokussieren als immaterielle, abstrakte oder rein geistige Dinge, Fantasien und Imaginationen. Es geht nicht darum, dass ein möglichst detailliertes oder ein abstraktes Objekt gewählt wird. Man kann einen Baum, seine Äste, seine Zweige, seine Blätter, Blüten oder Früchte in den Fokus nehmen, man kann aber auch statt eines einzelnen Baumes den ganzen Wald, eine ganze Stadt, ein Land oder sogar die Erde oder den gesamten Kosmos zum Gegenstand der Konzentration machen. Entscheidend bleibt, dass man bei dem Objekt bleibt, das man gewählt hat und nicht z.B. vom Baum zu den Ästen, dann zu den Blättern, schließlich zu den Wurzeln und dann wiederum zum ganzen Wald springt. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wenn sich der Geist zu einem anderen Objekt bewegt, um ihn einzufangen und an jenen Ort zurückzubringen, von dem er sich fortbewegt hat. Durch diese Fixierung auf einen Ort, bleibt der Geist räumlich und zeitlich kohärent. Bildlich gesprochen, behält er eine Qualität, ein Muster und damit eine bestimmte Schwingung bei, die durch die Fixierung auf einen Ort zusätzlich ständig wiederholt wird.


In Indien wird in diesem Zusammenhang das Verhalten eines Elefanten beim Durchschreiten eines Marktes gerne als anschauliches Beispiel genannt. Der Elefant ist betört durch unzählige Reize, die er wahrnimmt, wenn er durch den Markt schlendert. Einmal sind es die gelben Bananen hier, dann die großen Orangen dort, ein Büschel Gras an einer anderen Stelle und schließlich ein Fass mit Wasser, das ihn anspricht. Sein Rüssel ist überall, bewegt sich wie ein Staubsauger durch die Stände des Marktes, berührt, betastet und ergreift alles, was ihm interessant und ansprechend vorkommt. Für den Mahut ist dieses Verhalten keine sehr angenehme Situation. Der Elefant ist den Menschen lästig. Daher muss der Mahut etwas tun. Er gibt dem Elefanten einen Stock oder eine Kette in den Rüssel, damit dieser nicht mit all den Dingen am Markt, sondern mit dem Stock oder der Kette beschäftigt ist. Diese Konzentration auf einen Gegenstand ist es, was in „dhāraṇā“ passieren soll.



Abbildung 6
Grafik-Design: © bei Christoph Paul Stock

Durch die Praxis des „dhāraṇā“ nimmt der Geist eine Form an, die man mit einem Laserlicht vergleichen könnte. In einem normalen Lichtkegel, der z.B. von einer Lampe ausgeht, sind viele verschiedene Farbspektren enthalten, weil es aus Lichtwellen zusammengesetzt ist, die unterschiedliche Wellenlängen haben. Laserlicht hat in den meisten Fällen nur eine Wellenlänge und damit auch nur eine Farbe. Die Teilchen des Lichtes, die Photonen, bewegen sich in einem Lichtkegel in ganz unterschiedliche Richtungen. Daher ist das Licht in einem Lichtkegel auch gestreut und verteilt sich auf die Umgebung. Bei einem Laser sind die Photonen alle in die gleiche Richtung ausgerichtet. Dadurch ergibt sich ein Lichtstrahl, der räumlich klar begrenzt ist. Wenn wir mit einem Laser ein Objekt in großer Entfernung anstrahlen, bildet sich auf dem Objekt ein kleiner Laserpunkt ab. Das Licht ist also räumlich hoch konzentriert. In einem Laser hat das Licht auch die gleiche Wellenlänge. Durch die Überlagerung der Wellen verstärkt sich die Amplitude der Wellen und das Licht wird ausgesprochen stark und intensiv.


Durch den Vergleich mit dem Laser wird spürbar, dass es sich hier um eine hoch energetische Sache handelt. Wenn man schläfrig wird und vom fixierten Ort langsam wegdriftet, geht die notwendige Konzentration und damit die Kohärenz des Geistes verloren. Es wäre so, als würde das Laserlicht nicht an einem Punkt auftreffen, sondern sich in der Umgebung zerstreuen und kaum mehr wahrnehmbar sein. Dann muss man sich neuerlich sammeln und den Geist wieder auf den gewählten Ort fixieren. Die Konzentration dient dazu, ein höheres Energieniveau zu generieren und nicht dazu, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Nur wenn wir die Konzentration aufrechterhalten, indem wir auf den Ort fixiert bleiben und jedes Abdriften an einen anderen Ort oder das Schwinden der Konzentration durch Achtsamkeit und Aufmerksamkeit korrigieren, kann dieses erhöhte Energieniveau gehalten werden. Es geht nicht um eine Spitzenleistung, ein Streben nach einem Zenit, sondern um ein möglichst gleichbleibendes Energieniveau, das gegenüber dem Zustand, den der Geist normalerweise annimmt, wenn er sich so wie der Elefant oben im angeführten Beispiel ohne Stock und Kette durch den Markt bewegt, erhöht ist. So wird der Geist wie ein Laserstrahl auf einen Punkt konzentriert. Er wird gleichförmig und entwickelt eine hohe Intensität. Das ist die Technik des „dhāraṇā“.


Wenn wir mit der Technik des „dhāraṇā“ beginnen, wird uns rasch klar, dass es fast unmöglich und aussichtslos erscheint, den Verstand zu beruhigen und an einem bestimmten Ort zu halten. Kaum haben wir ihn an den Ort der Kontemplation gebracht, bricht er schon aus und ist irgendwo an einer anderen Stelle. Er schweift ab in Erinnerungen der Vergangenheit, in Projektionen in die Zukunft, beschäftigt sich mit Fantasien oder lässt sich von sinnlichen Eindrücken gefangen nehmen. Wir werden verleitet, hier rasch aufzugeben und zu sagen, dass die Techniken des Yoga zu schwierig oder überhaupt nicht möglich sind. Doch wie viele Anläufe brauchen kleine Kinder, bis sie lernen, nicht nur die Umgebung zu untersuchen, sondern sich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren. Wie oft müssen wir sagen, dass sie bei der Sache bleiben, sich konzentrieren, nicht auf dem Sessel reiten, nicht mit verschiedenen Dingen spielen und unseren Anweisungen und Hinweisen folgen sollen. Es braucht eine Kindheit und ein Schulleben lang, bis Kinder und Jugendliche so weit sind, dass sie sich willentlich voll konzentrieren und so besondere Leistungen erbringen können. Nicht anders ist es beim „dhāraṇā“. Es vergehen oft viele Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte, bis wir diese Technik wirklich beherrschen und in unserem Alltag einsetzen können. Wir müssen herausfinden, welches Setting und welche Haltung bzw. Bewegung für uns dabei die richtige ist. Nicht für jeden ist die Yogahaltung im Schneidersitz (dhyānasana) der optimale Ausgangspunkt für die Übung des „dhāraṇā“. Dieses absolut ruhige Sitzen fällt vielen Menschen schwer. Dabei kann es hilfreich sein, die Übung z.B. im Gehen zu praktizieren. Eine der für mich besonders gut funktionierenden Praktiken ist das langsame Hinaufsteigen auf Wald- und Bergpfaden. Das bewusste Suchen nach dem nächsten sicheren Tritt im unwegsamen Gelände, die langsame und mit dem Steigen in Einklang gebrachte Atmung, die frische Luft und die Ruhe und Natürlichkeit der Umgebung erleichtern es mir, den Zustand des „dhāraṇā“ zu erreichen. Ein Nachteil dieser Praxis liegt sicher darin, dass die Körperbewegung auch die Bewegung des Geistes anregt. Äußere körperliche und innere geistige Bewegung korrelieren miteinander. So falle ich aus der Konzentration immer wieder heraus und die Gedanken beginnen zu verschiedenen Orten und Objekten zu wandern. Doch die Konzentration auf den nächsten Schritt, das Spüren der Wurzel unter meinem Schuh, das Knirschen der Kiesel beim Auftritt, das Knacken eines kleinen Astes, der unter meinem Körpergewicht bricht, bringen mich zurück an den Ort der Konzentration. Sie halten mich im gegenwärtigen Augenblick, in der Erfahrung des Hier und Jetzt. Auch die Beobachtung der Atmung, die in tiefen Zügen sich die Energie aus der Umgebung holt, um den Körper mit Brennstoff zu versorgen, hilft mir, wieder konzentriert zu sein. Wenn ich meinen Körper und meinen Geist in anderen Tätigkeiten ausreichend genutzt und eingesetzt habe, gelingt mir die Praxis des „dhāraṇā“ auch in der klassischen Haltung des „dhyānasana“, die von den Yogis als optimale Haltung gelehrt wird. Der Grund ist einfach. In dieser Haltung spüren wir den Körper kaum noch, die Sinne können sich aus der äußeren Welt leichter zurückziehen und die inneren Körperprozesse können ungehindert fließen, ohne uns abzulenken oder zu stören. Auch wenn „dhyānasana“, die optimale Haltung ist, zahlt es sich aus, mit unterschiedlichen Praktiken zu experimentieren. Osho (Bhagwan Shree Rajneesh), der große indische spirituelle Lehrer hat eine große Sammlung unterschiedlicher Meditationstechniken zusammengetragen.[i]

Viele andere spirituelle Meister und Lehrer lehren weitere sich davon unterscheidende Übungen und Praktiken. Wenn man sich hier auf die Suche macht, wird man die richtige Praktik für sich selbst finden. Die Variante der Meditation muss zu einem passen, wird individuell sein und das eigene Leben widerspiegeln.


All diesen Techniken sind zwei zentrale Punkte gemeinsam. Die Übungen sollen uns im gegenwärtigen Moment halten. Der unmittelbare Augenblick ist der einzige Ort und die einzige Zeit, an dem unser Leben wirklich stattfindet. Unser Verstand bewegt sich in der Zeit und driftet daher ab in die Vergangenheit und die Zukunft. Immer wieder ist es notwendig, ihn in die Gegenwart zu uns im Hier und Jetzt zurückzubringen. Neben diesem Punkt ist die zweite Herausforderung, Zeuge all der Erscheinungen zu sein, die sich uns zeigen. Es geht darum, sich nicht für die Gedanken, die Gefühle und die Sinneseindrücke selbst zu halten, sondern zu erfahren, dass wir all diese Eindrücke wahrnehmen, sie aber nicht sind. Zeuge zu sein, bedeutet, die Identifikation mit den Erscheinungen aufzugeben und als reiner Beobachter ihrer gewahr zu werden. Wir distanzieren uns von allem, was ist. Wir sind ein wenig wie ein Kinobesucher bzw. eine -besucherin, die oder der auf die Leinwand des Lebens blickt und sich dabei ständig bewusst macht, dass alles, was vor den Sinnen und dem geistigen Auge abläuft, lediglich eine Beobachtung ist und wir der Beobachter sind. Wir machen uns immer wieder bewusst, nicht ein Teil des Filmes, sondern ein Zeuge, ein Zuseher, ein Beobachter zu sein, der vor der Leinwand ist, in die hinein sich das Leben projiziert.


[i] OSHO, Meditation, Die erste und letzte Freiheit, 2. Auflage, Osho Verlag GmbH, 1998
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