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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 3.2: Der gerichtete Fluss der Kognition in der Meditation

 

तत्र प्रत्ययैकतानता ध्यानम्॥२॥

Tatra pratyayaikatānatā dhyānam. ||2||

 

Tatra = dort, dorthin, in Richtung

pratyaya = Kognition

eka = in einem

tānatā = ununterbrochener Fluss

dhyānam = Meditation

 

„Meditation (dhyāna) ist der ununterbrochene Fluss der Kognition in diese Richtung (des Ortes, des Objektes, der Idee, des Themas).“

 

Wenn wir durch ausreichende Praxis der Konzentration ein höheres Energieniveau erreicht haben und es uns mehr und mehr gelingt, dieses Niveau aufrecht zu erhalten, weil der Geist immer seltener an andere Orte abschweift und unsere Konzentration immer weniger Schwankungen ausgesetzt ist, beginnt der Geist auf dieser höheren Energieebene zu fließen. Die Praxis der Meditation (dhyāna) erwächst langsam aus der Praxis der Konzentration (dhāraṇā).


In einem Laser wird dieser Effekt dadurch erreicht, dass die vorerst noch wenigen gleichgerichteten Photonen dazu genutzt werden, viele andere Photonen ebenfalls gleich auszurichten und damit in einen kohärenten Zustand zu bringen. Die wenigen gleichgerichteten Photonen werden zwischen zwei Spiegeln ständig hin- und hergeschickt. Auf ihrem Weg zwischen den Spiegeln treffen die gleichgerichteten Photonen auf andere Photonen, die in abweichender Richtung unterwegs sind. Auf diese Art und Weise richten sich lawinenartig immer mehr Photonen in der gleichen Richtung aus. Da die Photonen nun nicht nur in der gleichen Richtung unterwegs sind, sondern zusätzlich auch die gleiche Schwingungsfrequenz haben und alle das gleiche Licht emittieren, überlagern sich die Wellentäler und die Wellenberge des Lichts und verstärken sich gegenseitig. Es entsteht ein hoch intensiver gleichgerichteter und damit zeitlich und räumlich kohärenter Lichtstrahl.


Dies geschieht auch in der Meditation. Alle Regungen des Geistes beginnen immer stärker in einem ununterbrochenen Fluss jener geistigen Ausrichtung zu folgen, die durch die Konzentration mit Hilfe der Fixierung auf einen Ort initiiert wurde. Es kommt zu immer weniger Ablenkungen und einer intensiven, klaren und kaum mehr unterbrochenen Ausrichtung auf den fixierten Ort der Kontemplation. Die Kommunikation zwischen der meditierenden Person und dem Objekt, über das meditiert wird, ist stetig und stabil. Die räumliche und zeitliche Wahrnehmung wird durchlässig und löst sich mehr und mehr auf. Die Grenzen zwischen beobachtendem Subjekt und beobachteten Objekt werden fließend. Die Unterscheidung zwischen Beobachter, Beobachtetem und Beobachtung fangen an sich aufzulösen. In Indien wird für diesen Zustand das Bild eines fließenden Öls, das aus einem Gefäß in einem stetigen Lauf in ein anderes Gefäß fließt, verwendet. Wenn man sich selbst in diesem Fluss befindet und man das Gespür für den eigenen Körper, den einen umgebenden Raum und die verstreichende Zeit verliert, ist man eingetreten in den Zustand des „dhyāna“. Es ist ein Zustand außerhalb von Zeit und Raum. Man berührt die Ewigkeit, jene Dimension, aus der Zeit und Raum erst hervorgehen. „Dhāraṇā“ und „dhyāna“ können wir willentlich steuern, darüber hinaus, können wir nichts tun.


Auch bei der Konzentration auf ein zu erreichendes Ziel erfahren wird oft, wie das Zeitgefühl sich ändert und wir überrascht sind, wie die Zeit verfliegt. Auch in diesem Fall verlieren wir nicht selten den Bezug zu unserer Körperlichkeit und zum Raum, der uns umgibt, und sind so vertieft in unsere Tätigkeit, dass wir unsere Umgebung in uns und um uns herum kaum mehr wahrnehmen. Es stellt sich etwas ein, das man als „Flow“ bezeichnet, der uns mit Leichtigkeit an unser Ziel trägt. Doch der grundlegende Unterschied zwischen diesem „Flow“ und dem Fließen, das sich im „dhyāna“ einstellt, liegt darin, dass im ersten Fall die eigene Identität im Unterschied zum persönlichen Ziel aufrecht bleibt. Die Person verfolgt das von ihr gesteckte und ins Auge gefasste Ziel. Person und Ziel bleiben getrennt. Im Fall von „dhyāna“ löst sich die eigene Identität und damit die eigene Person auf und das Objekt der Meditation strahlt aus sich selbst. Die Grenzen zwischen der Person und dem Objekt sind verschwunden. Man befindet sich in einer Dimension, die sich jenseits dieser Grenzen eröffnet. Dieser Zustand, der sich spontan ohne unser Zutun durch die Praxis des „dhāraṇā“ und „dhyāna“ einstellt, wird „samādhiḥ“ genannt.

© Christoph Paul Stock | Wien | 2026 | All rights reserved!
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