
Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 3.3: Das Erreichen der tiefsten Versenkung
तदेवार्थमात्रनि र्भासं स्वरूपशून्यमिव समाधिः॥३॥
Tad evārthamātra nirbhāsam svarūpa śūnyam iva samādhiḥ. ||3||
Tad = Dieses
eva = es selbst
artha = Objekt
mātra = einzig, allein, nur
nirbhāsam = durchscheinen, scheinen, illuminiert sein
svarūpa = seine eigene Form, innerste Identität
śūnyam = ohne, abwesend
iva = wenn, als ob, gleichsam
samādhiḥ = tiefste Versenkung, tiefste Kontemplation, Einheit, Vollendung
„(Der Zustand) tiefster Versenkung (samādhiḥ) ist (erreicht), wenn gleichsam in Abwesenheit der eigenen Identität das Objekt (der Meditation) einzig aus sich selbst (heraus) scheint.“
Etwas mit Worten über den Zustand des „samādhiḥ“ zu sagen, ist eigentlich absurd. Es handelt sich um eine Erfahrung, die man nicht in Worte fassen kann, für die es keine Umschreibung, Analogie oder bildliche Entsprechung gibt. Wer die Erfahrung gemacht hat, weiß wovon man spricht. Umgekehrt kann man so viel sprechen, wie man will, man kann die Qualität der Erfahrung niemanden verständlich machen. Es wäre so, als würde man jemanden erklären wollen, wie es sich anfühlt, wenn eine Fledermaus mit Hilfe der Schallortung ihren Weg in stockdunkler Nacht findet oder wenn man begreifen möchte, wie ein Hammerhai elektrische Impulse anderer Lebewesen unter dem Sand des Meeresbodens wahrnehmen kann, um sie zu jagen. Worte helfen hier nicht weiter. Man muss schon eine Fledermaus oder ein Hammerhai sein, um diese Lebensdimension bewusst erfahren zu können. Das Einzige, was man machen kann, ist die Funktionalität intellektuell zu beschreiben, die abstrakt verstanden werden kann aber keine existentielle Erfahrung des zugrundeliegenden Phänomens ist. Tiere können ein Stück weit erkennen und verstehen, wie sich Menschen verhalten und was sie tun. Wäre dem nicht so, könnten z.B. Hunde nicht mit Menschen ohne Hunderudel zusammenleben. Doch sie können nicht erfassen, wie es ist, ein Mensch zu sein. Dies gilt gleichermaßen in der Gegenrichtung.
Für die intellektuelle Beschreibung dessen, was „samādhiḥ“ ist, werde ich wiederum eine Analogie aus der Physik heranziehen und dabei einen Anwendungsbereich beschreiben, der durch die Nutzung des Laserlichts möglich wird. Es handelt sich dabei um die Nutzung des Lasers im Zusammenhang mit Hologrammen.
Im Zustand des „samādhiḥ“ taucht man in eine Welt ein, die jenseits unserer Alltagswelt liegt und für die es keine klassischen Sinne und keinen Intellekt gibt, durch die diese Welt wahrgenommen und verarbeitet werden kann. Es ist eine Welt, die unsere Sinne, unseren Intellekt, unsere Fähigkeit, Schlussfolgerungen zu ziehen und Urteile zu bilden, erst hervorbringt. Sie ist die Basis unserer real wahrnehmbaren Welt, gleichzeitig für uns aber transzendent. Es ist eine Dimension, aus der unsere Anschauungsformen kommen. Gemeinhin nennt man diese Dimension den Geist oder die Wirkebene des Seins. Es ist also jener Raum, der die Dinge bewirkt und sie in Erscheinung treten lässt. Alle Lebewesen tauchen aus dieser Dimension auf und kehren in diese Dimension zurück. Für uns ist diese Dimension nicht manifest und nicht be- oder ergreifbar. Doch für jemanden, der in der Lage ist, den Zustand des „samādhiḥ“ zu verwirklichen, wird diese uns verborgene Welt real existentiell erfahrbar. Im „samādhiḥ“ kommt man in Berührung mit dem Geist und die Inhalte des Geistes lassen sich übersetzen in eine Anschauungsform, die vom Menschen mit Hilfe von ihm zur Verfügung stehenden Erfassungs- und Verarbeitungsmodi geistig verarbeitet werden kann. Dabei ist die Intuition der primäre Erfassungs- und Verarbeitungsmodus.
Es gibt also zwei Ebenen der Existenz. Einmal jene Ebene, die wir Realität nennen und eine weitere Ebene, die wir Wirklichkeit nennen können. Die eine Ebene ist jene unseres Alltagslebens mit all ihren Erscheinungsformen, die andere ist jene Ebene, aus der heraus alles in unserem Leben bewirkt wird und erscheint.
Durch die besondere Form der Konzentration im „dhāraṇā“ und den sich daraus ergebenden Zustand der Meditation „dhyāna“ dringt der menschliche Geist ein in die Dimension des Geistigen selbst. Dieses Vordringen in diesen Bereich kann nicht willentlich erreicht werden. Wenn der Zustand der Meditation „dhyāna“ ausreichend tief ist, eröffnet sich die geistige Dimension spontan aus sich selbst heraus und der Mensch tritt in den Zustand des „samādhiḥ“ ein.

Abbildung 7Grafik-Design: © bei Christoph Paul Stock |
In unserer Analogie zum Laserstrahl dringt dieser in eine holografische Platte ein und bewirkt dadurch ein holografisches Bild, das für den Menschen sinnlich erfahrbar und verstandesmäßig verarbeitbar wird. Was passiert im Beispiel des Hologramms? Ein Laserstrahl wird geteilt und läuft über zwei verschiedene aber gleich lange Wege auf eine Fotoplatte zu, die er so von zwei Seiten her belichtet. Der eine Strahl passiert den Weg ohne ein Hindernis. Der andere Strahl fällt auf einen dreidimensionalen Gegenstand, der das Licht streut. Auf der Fotoplatte bildet sich nun ein Interferenzmuster ab, das durch die Reflexion der Lichtwellen am Gegenstand verursacht wird. Es ist ein wenig so, als würde man in einen See z.B. drei Steine werfen. Von jedem Bereich, an dem ein Stein in das Wasser eindringt, geht eine Welle aus und überlagert sich mit den Wellen, die von den anderen Eintrittsstellen der Steine im Wasser ausgehen. Es bildet sich ein recht komplexes Muster durch die Überlagerungen der Wellen. Dieses Interferenzmuster der Wellen am See ist bei drei Steinen schon sehr komplex. Wenn nun Lichtwellen an einem Gegenstand tausendfach abgelenkt und reflektiert werden und sich unzählige Wellen vom Gegenstand aus überlagernd in Richtung einer Fotoplatte bewegen, ist das Muster nicht nur hoch komplex, sondern bildet auf der Fotoplatte ein chaotisch anmutendes Muster ab, in dessen Zweidimensionalität man nichts Konkretes erkennen kann. Das Bild des dreidimensionalen Gegenstandes ist auf der Ebene der Fotoplatte zweidimensional codiert. Faszinierend ist nun der Effekt, der sich einstellt, wenn man mit einem Laserstrahl, der die gleichen Eigenschaften hat, wie jener, durch den die Fotoplatte belichtet wurde, durch die Fotoplatte hindurchleuchtet. Es entsteht aus den chaotischen Mustern auf der Fotoplatte ein dreidimensionales Bild, das dem Gegenstand entspricht, der zuvor auf der Fotoplatte abgebildet wurde. Verändert man den Eintrittswinkel des Laserstrahls auf die Fotoplatte, kann man das dreidimensionale Bild quasi drehen und von verschiedenen Seiten und Perspektiven her betrachten. Zerbricht man die Fotoplatte, wird das dreidimensionale Bild nicht etwa halbiert, sondern erscheint nach wie vor als ganzes und ungeteiltes Bild. Dies bleibt auch der Fall, wenn man die Fotoplatte in viele kleine Bruchstücke zerlegt. Wird eines dieser kleinen Bruchstücke dann vom Laser durchleuchtet, taucht wiederum der gesamte dreidimensionale Gegenstand auf.

Abbildung 8Grafik-Design: © bei Christoph Paul Stock |
Bei kleinen Bruchstücken verliert das Bild zwar an Schärfe, aber die Totalität des Gegenstandes bleibt erhalten. Auf der Ebene der Fotoplatte verschmelzen der das Objekt quasi beobachtende Lichtstrahl und das fotografierte, quasi beobachtete Objekt sowie die so entstehende Beobachtung, die aus einem Überlagerungsmuster an Wellen besteht, zu einer Einheit jenseits jeglicher unterscheidbarer Gegenständlichkeit. Beobachter, Beobachtetes und Beobachtung sind ein und dasselbe. Sie sind eingeprägt in die Fotoplatte. Nun dringt ein Laserstrahl in die Fotoplatte ein und aktiviert die Codierung, indem sein Licht genau jene Eigenschaften aufweist, mit der zuvor die Belichtung der Fotoplatte erfolgt ist. Wie durch ein Wunder taucht der abgebildete Gegenstand in drei Dimensionen auf. Plötzlich kann man etwas erkennen, das eigentlich transzendent auf der Fotoplatte verborgen und für unsere Sinne nicht zu entziffern ist.
Wenn wir uns auf einen Gegenstand konzentrieren und meditieren gehen wir über die reine äußere Erscheinungsform, die er in unserer Erfahrungswelt hat, hinaus. Wir werden langsam seines Schwingungsmusters gewahr. Je länger unsere Wahrnehmung auf diesen Gegenstand fixiert ist, desto klarer und intensiver wird das Schwingungsmuster erkannt, das den Gegenstand ausmacht. Wenn die Intensität durch die Praxis des „dhāraṇā“ und des „dhyāna“ ausreichend stark ist, entsteht im Geist spontan eine intuitiv wahrnehmbare Form im Zustand des „samādhiḥ“, die in die Kategorien unserer Erfassungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten umgesetzt werden kann. Wir können etwas Erkennen, das normalerweise im Geist verborgen bleibt und unzugänglich ist. Wir decodieren einen bestimmten Aspekt des Geistes und übersetzen ihn in eine für uns verständliche Anschauungsform. Diese Anschauungsform entspricht in Analogie dem im beschriebenen Beispiel des Holgramms plötzlich auftauchenden dreidimensionalen Abbild des ursprünglich fotografierten Gegenstandes. Wir sehen das sonst Unsichtbare. Wenn wir mit einem normalen Licht auf die Fotoplatte blicken, ist dort nichts Konkretes zu entdecken. Genauso geht es uns mit dem Geist. Versuchen wir dem Geist rein durch unsere sinnliche Wahrnehmung und unsere intellektuelle Verarbeitung gewahr zu werden, reproduzieren wir nur etwas, das in irgendeiner Form schon in unserem persönlichen Bewusstsein vorhanden ist. In Wahrheit finden wir so keinen originären Zugang zu den Informationen im Geist. Durch Konzentration und Meditation werden wir etwas gewahr, das uns zuvor nicht bekannt und nicht verständlich war. In einem gewissen Sinn erinnert sich der Geist an etwas, das in ihm schon vorhanden war. Es ist aber keine persönliche Erinnerung. Für uns persönlich ist es etwas originär Neues, etwas Unerwartetes, eine transzendente Erkenntnis.