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Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali

Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock

 

SŪTRA 3.6: Stufe um Stufe zur geistigen Sammlung

 

तस्य भूमिषु विनियोगः॥६॥

Tasya bhūmiṣu viniyogḥ. ||6||

 

Tasya = diese

bhūmiṣu = stufenweise, in Stufen, Stufe um Stufe

viniyogḥ = Anwendung (im Sinn von Praxis)

 

„Diese (geistige Sammlung) wird stufenweise erreicht.“

 

Es ist wohl nicht sehr gewagt, zu behaupten, dass das menschliche Gehirn der komplexeste organische Mechanismus ist, den wir in dieser Welt kennen. Unzählige Nervenbahnen sind in unserem Gehirn verschalten. Über diese Nervenbahnen laufen elektrische Impulse, die unseren gesamten Körper steuern. Diese Nervenbahnen bestehen aus Zellen, die man Neuronen nennt. Am Ende dieser Neuronen sind Verdickungen, die sogenannten Synapsen, an denen chemische Prozesse stattfinden, mittels derer die Impulse von einem Neuron an andere Neuronen weitergegeben werden. Durch Lernprozesse kommt es im Gehirn gleichzeitig zu Wachstums- und Umbauprozessen. Die Anzahl der Neuronen und insbesondere die Anzahl der Verschaltungen der Neuronen verästelt sich und nimmt zu. Bereiche, die ständig genutzt werden, bleiben stark verschalten und verdichten sich bei intensivem Training noch weiter. Bereiche, die kaum genutzt werden, bilden sich zurück und können verkümmern. Man kann das Gehirn also wie einen Muskel trainieren oder auch atrophieren lassen, je nachdem, wie man es nutzt. Das Gehirn hat noch eine weitere unglaubliche Eigenschaft. Es ist plastisch. Verliert jemand z.B. einen Finger, wird jenes Areal im Gehirn, das den Finger gesteuert hat, nicht mehr gebraucht. Dieser Bereich wird umgebaut und dann für die Steuerung der verbleibenden Finger genutzt. Dies gilt aber nicht nur für Gliedmaßen, sondern auch für Bereiche, von denen sensorische Eindrücke verarbeitet werden. Wenn jemand z.B. erblindet, werden Areale, die für die Verarbeitung visueller Reize aus dem Auge genutzt wurden nun für andere Sinnesbereiche verwendet wie z.B. das Hören. Damit wird dieser Sinnesbereich gestärkt und funktioniert weit besser als bei Menschen, deren Sehvermögen weiterhin in Takt ist. Das Gehirn ist also ein plastisch aufgebauter, organisch wachsender und elektro-chemisch funktionierender Mechanismus.


Gewagt ist es nun, wenn ich behaupte und die Hypothese aufstelle, dass das Gehirn über die beschriebenen Funktionen hinaus auch ein Mechanismus ist, mit dem Interferenzmuster (Überlagerungen von Schwingungen) codiert und decodiert werden. Das Gehirn wäre dann nicht nur ein in sich selbst geschlossener und mit dem Körper verbundener Mechanismus, sondern auch eine Sende- und Empfangsanlage, so wie ein Funkgerät, ein Handy, ein Radiosender und Radio oder ein Fernsehsender und Fernseher, das in der Lage ist, analoge Informationen in Schwingungen zu verwandeln und diese in den Äther zu senden und dort abzulegen und umgekehrt aus dem Äther Schwingungen aufzunehmen und diese analog verständlich und erfassbar zu machen. Bilder, Töne, Gerüche, Geschmacksnuancen, Eindrücke, die durch Bewegung und Berührung entstehen oder sich in unserem Körper als Gefühle zum Ausdruck bringen wie z.B. Hunger, Durst und Schmerz würden dann als Schwingungsmuster codiert werden und im mentalen Äther abgespeichert sein. Von dort können sie dann wieder abgerufen werden. Wenn wir dieser Hypothese folgen und ich behaupte nicht, dass es so ist, sondern stelle nur eine Behauptung in den Raum, die wissenschaftlich erst weiter untersucht und bewiesen werden muss, dann würden der Bestand unserer mentalen Eindrücke nicht ausschließlich von unserem Gehirn abhängen, sondern sie wären in einer Art „Cloud“ gespeichert, aus der sie wieder abgerufen werden können. Selbst wenn das Gehirn beim Tod eines Menschen zerfällt und seine Funktion vollständig verloren geht, bliebe es möglich, dass ein anderes neues Gehirn, wenn es die richtige Frequenz findet, aus dem Äther alte codierte Eindrücke wieder abrufen könnte. Alles reine Utopie? Ich bin mir nicht so sicher. Wir machen genau das, wenn wir Informationen aus der „Cloud“ auf unseren lokalen Computer laden. Selbst wenn der Computer seinen Geist aufgibt, können wir auf die Informationen mit einem neuen Computer wieder zugreifen. Voraussetzung ist nur, dass wir den Pfad zu den Informationen kennen und dann zu den Informationen auch Zugang bekommen. Wir brauchen zusätzlich also auch die notwendigen Berechtigungen.


Nicht so sicher waren sich auch der US-amerikanische Psychologe und Pionier der Neurowissenschaften Karl Lashley und der ebenfalls aus den US stammende Neurowissenschaftler Karl Pribram. Lashley machte unzählige Untersuchungen an Gehirnen von Nagetieren und stellte fest, dass trotz Zerstörung großer Gehirnareale, die Erinnerungsfähigkeit nicht verloren ging. Die Amputation von Gehirnbereichen bewirkte zwar, dass die motorischen Fähigkeiten beeinträchtigt oder teilweise sogar zerstört wurden. Doch die Erinnerungsfähigkeit der Tiere blieb erhalten. Lashley ging daher davon aus, dass Erinnerungen nicht lokal an einem bestimmten Ort im Gehirn abgespeichert sind, sondern sich gewissermaßen über das ganze Gehirn verteilen. Doch die Frage blieb für ihn zeitlebens ein Rätsel. Mit Bezug zu den Forschungsarbeiten Lashleys stellte sich für Pribram die Frage, ob bestimmte im Gehirn verarbeitete Informationen nicht in anderer Art und Weise abgespeichert und codiert sind und das Gehirn diese Informationen eventuell holografisch abspeichert und abruft. Pribram ging aber nicht so weit, zu behaupten, dass Erinnerungen außerhalb des Gehirns gespeichert sind.[i] Das würde die Grenzen der klassischen Wissenschaft überschreiten.


Wenn wir die Speicherung von Erinnerungen außerhalb des Gehirns als Hypothese annehmen, die über die Überlegungen der beiden Neurowissenschaftler hinausgeht, dann würden wir beim Erinnern von Lebensereignissen nicht auf ein bestimmtes Areal oder das gesamte Gehirn zugreifen, in dem diese Erinnerungen abgespeichert sind, sondern würden uns auf einen außerhalb des Gehirns existierenden mentalen Körper beziehen, in dem die Informationen zu finden sind. Die Informationen in diesem mentalen Körper wären weder analog noch digital. Sie wären also nicht in dem Sinn materiell, in dem wir Materie verstehen. Die Information wäre als Interferenzmuster vorhanden und müsste auf ähnliche Weise decodiert werden, wie Informationen, die bei Informationsübertragungen auf verschiedenen Wellenlängen im Bereich der Funktechnik oder in Form von Interferenzmustern wie bei der Holografie erfolgen.


Das Erinnern wäre dann eine Fähigkeit, bei der wir ein bestimmtes Schwingungsmuster wiedererkennen. Wir sehen ein Gesicht. Das gesehene Gesicht schwingt in uns ein bestimmtes Wahrnehmungsmuster an. Dieses Wahrnehmungsmuster ist der Pfad, der ein Abgreifen jener Informationen im mentalen Äther möglich macht, die dort vorhanden sind. Wir dekodieren einen entsprechend schwingenden Bereich im mentalen Erinnerungsfeld des Seins und in uns entstehen Eindrücke von Bildern, Tönen, Gerüchen, Geschmackserfahrungen und Gefühlen, die wir einst hatten. Unser Gehirn wäre dann nur jener Bereich, in dem bestimmte rudimentäre Wahrnehmungsmuster abgespeichert sind. Sie dienen lediglich als Schlüssel oder Beschreibung für den Pfad, den wir zu den Informationen im mentalen Feld nutzen können. Gleichzeitig sind sie auch die Berechtigung, diese Muster abrufen zu dürfen. Sie sind immerhin unsere persönlichen Erinnerungen. Wird unser Gehirn nun in seiner Funktionsweise beeinträchtigt wie z.B. im Fall der Alzheimer Krankheit, gehen die angesammelten assoziativen Wahrnehmungsmuster mehr und mehr verloren. Ohne ausreichende Informationen zur Frage, wo die Erinnerungen im mentalen Äther zu finden sind, lassen sich diese immer schwerer abrufen. Es liegt keine Veränderung oder Schwächung des mentalen Körpers vor, sondern der Mechanismus, das Gehirn, das auf den mentalen Körper zugreifen kann, ist geschädigt.


Wenn wir also dieser Vorstellung folgen, dass es mehrere verschiedene Körper gibt, von denen der physische Körper nur einer von mehreren Körpern ist und der mentale Körper einen zwar in Wechselwirkung stehenden aber ansonsten unabhängigen Körper darstellt, lässt sich ein Phänomen erklären und begründen, das eigentlich für unmöglich gehalten wird. Es gibt Menschen, die behaupten, sie hätten Erinnerungen an ein früheres Leben. Ein früheres Leben ist keine persönliche Erfahrung. Denn es geht um Lebensinformationen, die wir nicht als Person in diesem unserem Leben gemacht haben. Wenn also Informationen aus dem Leben einer anderen Person in uns auftauchen, stellt sich die Frage, wie diese Informationen mit uns verknüpft sind und weshalb wir sie haben.


Würden wir große Informationsbereiche des mentalen Feldes schlagartig wahrnehmen können, würde unser Organismus sofort zerstört werden. Stellen sie sich vor, sie müssten das Leiden, den Kummer und den Schmerz aller Menschen körperlich, psychisch und geistig erfahren und erleiden, die diese im Fall eines Krieges haben. Sie würden den Verlust eines von einer anderen Person geliebten Menschen so spüren wie diese Person selbst. Es wäre schon unerträglich eine solche Erfahrung nur mit Bezug zu einigen wenigen Menschen zu machen. Diese Erfahrung in großer Breite zu haben, würden wir nicht überleben. Eine solche Erfahrung könnten wir psychisch nicht bewältigen. Unser kleiner Organismus würde kollabieren. Dies gilt mit Sicherheit nicht nur für leidvolle und schmerzliche Erfahrungen. Auch freudvolle und ekstatische Erfahrungen in einem solchen Umfang könnten von uns nicht ertragen werden. Die schiere Intensität würde uns zerstören. Was würden wir auch mit all den Informationen anfangen. Wir könnten sie nicht einordnen, wir könnten kein kohärentes Bild unseres Lebens erstellen, wir wären einem ungeordneten und für uns mental nicht verarbeitbaren Chaos ausgeliefert. Daher ist unser Zugriff auf Inhalte des Geistes hochgradig beschränkt.


Manche Erfahrungen, die wir machen, sind aber so gravierend, dass normalerweise bestehende Grenzen im mentalen Körper durchlässig werden. Es handelt sich um Erfahrungen, die miteinander kausal verbunden und verlinkt sind. Es sind Muster, die immer wiederkehren und sich dadurch verstärken. Wenn diese Muster ein bestimmtes Energieniveau erreichen, brechen sie von einem Kanal in den anderen durch. Wer einmal gefunkt hat, weiß, dass beim Funken unterschiedliche Frequenzen genutzt werden, damit Gespräche miteinander ohne gegenseitige Störung geführt werden können. Wenn nun auf einer naheliegenden Frequenz jemand mit sehr hoher Energie funkt, sein Signal also massiv verstärkt ist, passiert es, dass die Informationen in den nächsten Frequenzbereich einbrechen. Obwohl grundsätzlich getrennt, wird dennoch etwas aus dem benachbarten Frequenzbereich wahrnehmbar. Das passiert bei der Erinnerung vergangener Leben. Ein Muster, das im mentalen Feld schon einmal vorhanden war, findet sich im gegenwärtigen Leben eines Menschen wieder. Die kausale Verbindung dieser Muster würde normalerweise nicht erkannt werden. Da die Intensität des Musters aber eine hohe Intensität erreicht hat, weil z.B. eine Problemlage immer wieder auftaucht und Wachstum und Weiterentwicklung behindert, bricht das Signal in das gegenwärtige Leben durch. Wenn wir also ein bestimmtes Erinnerungsmuster aktivieren, greifen wir plötzlich nicht nur auf persönlich gemachte Erfahrungen im mentalen Äther zu, sondern es tauchen auch Erfahrungen aus fremden, weil nicht persönlichen Bereichen auf. Diese sind zusätzlich durch kausale Zusammenhänge miteinander verbunden. Fragmente aus anderen Leben werden erkennbar. Inhalte aus vergangenen Leben zu erfahren, mag kurios und aufregend klingen. In Wahrheit ist es das aber nicht. Es ist schon ausreichend, die Erfahrungen eines Lebens verarbeiten und einordnen zu müssen. Dies auch noch für andere Leben machen zu müssen, ist eine ziemliche Herausforderung und kann massiv überfordern. Man sollte sich solche Fähigkeiten keinesfalls wünschen oder aktiv nach ihnen streben. Im Normalfall überfordern sie uns völlig und können unserem Leben großen Schaden zufügen. Im schlimmsten Fall zerstören sie unser Leben. Doch wenn solche Informationen uneingeladen und unvermittelt spontan auftreten, gibt es dafür einen Grund. Wir müssen sie erfahren und erkennen, um bestimmte Muster in unserem Leben zu begreifen. Aus der Einsicht in eine ganze Reihe thematisch ähnlicher Lebenssituationen kann ein grundlegendes Problem in unserem Leben erkannt werden, das sonst nur schwer begreifbar ist. Das Erinnern vergangener Lebenssituationen wird zu einer Hilfestellung, um dem gegenwärtigen Leben eine neue Richtung geben zu können. Der Geist offenbart sich in einer uns sonst unzugänglichen Dimension, um etwas kreativ Neues in uns zu ermöglichen. Das Erinnern vergangener Leben ist ein starker Hinweis darauf, dass Erinnerungen nicht im Gehirn, sondern in einem mentalen Medium abgespeichert sind, auf das einzelne Gehirne zugreifen. In der Philosophie der Yogis unterscheidet sich der mentale Körper von unserem physischen Körper. Er steht in Wechselwirkung mit dem physischen Körper, teilt aber nicht das Schicksal des physischen Körpers.


Was hinsichtlich vergangener Leben für eine einzelne Person gilt, ist natürlich auch in anderen kollektiven Bereichen gültig. Einem Albert Einstein und vielen weiteren genialen Wissenschaftlern, Forschern und Tüftlern wurden Dimensionen des Geistes zugänglich, die es uns heute ermöglichen, Laser, Computer, Raketen, Satelliten, Reaktoren und andere Wunderwerke der modernen Welt zu konstruieren, die uns als Gesellschaft voranbringen. Was für den Bereich der Technik gilt, ist natürlich auch im Bereich der Natur, der ökologischen Systeme, der Biologie, der gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen und religiösen Strukturen der Fall. All diese Entwicklungen können nur stufenweise und Schritt für Schritt erreicht werden. Dies gilt mit Bezug zu unseren persönlichen, aber auch zu kollektiven und universalen Aspekten des Lebens. Es gilt mit Bezug zu materiellen, psychischen und geistigen Gesichtspunkten aber auch hinsichtlich jenes Bereiches, den man als das Erkennen des Erkennens bezeichnen kann und der die besondere Domäne jener Lehren und Philosophien ist, die dem Yoga zuzuordnen sind. Letztere Domäne berührt die Frage nach dem Bewusstsein selbst.


Wir können eine neue Tür, eine neue Dimension des Daseins erst öffnen, wenn wir die Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickelt haben, damit umzugehen. Was es bedeutet, mit Potenzialen zu hantieren, die wir nicht beherrschen und die uns schlicht überfordern, zeigt unser Umgang mit der Atomenergie. Wir haben weder die technischen Voraussetzungen geschaffen noch eine ausreichende Verantwortung für zukünftige Generationen entwickelt, die den Einsatz dieser Energieform rechtfertigen würde. Wir betreiben technische Anlagen, die uns immer wieder um die Ohren fliegen und große Teile dieser Welt verstrahlen und unbewohnbar machen und wissen nicht einmal im Ansatz, wo wir den Atommüll lagern sollen, so dass er nicht zur Belastung und Zerstörung für viele, viele Folgegenerationen wird. Wir sollten also nicht unbedacht aus Machtgier und Geltungsbedürfnis nach den tieferen Dimensionen des Daseins streben. Stufe für Stufe wird das Leben den Zugang zu diesen Dimensionen öffnen. Der Geist selbst weiß, wann es Zeit ist für einen Schritt und eine weitere Entwicklung. Wir müssen hier dem Rhythmus des Seins vertrauen. Auch der Yogi muss vertrauen, dass ihm das Leben zum rechten Zeitpunkt Einsicht gewähren wird in die unterschiedlichen Dimensionen des Seins. Hier sind Geduld, Demut und Hingabe gefragt.


[i] Vgl. dazu in: TALBOT, M.: The Holographic Universe, Harper Collins Publishers, London, 1996, S. 11ff
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