K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 3.8: Die drei innersten Glieder des Yoga
तदपि वहिरङ्गं नि र्वीजस्य॥८॥
Tad api bahiraṅgam nirbījasya. ||8||
Tad = Diese
api = sogar
bahir = äußerlich
aṅgam = Teil, Glied
nirbījasya = ohne Samen, ohne Keimen
„Diese drei (dhāraṇā, dhyāna, samādhiḥ) sind sogar äußerliche Glieder (im Vergleich zur absoluten Versenkung) ohne jedes Keimen (nirbījaḥ samādhiḥ).
Wenn in der Kontemplation ein bestimmtes Objekt oder ein bestimmter Aspekt der erscheinenden Natur (prakriti) in die Betrachtung genommen wird, liegen darin zwar nicht konkrete Ziele und Absichten, aber es gibt eine grundlegende Intention, ein Ausstrecken nach etwas. Das Ich-Bewusstsein (asmita) streckt sich aus nach einem Du. Das Ich-Bewusstsein richtet sich auf ein Gegenüber aus und ist damit ein Bewusstsein über etwas oder von etwas. In dieser Ausrichtung auf einen Gegenstand, der ein Objekt, ein Gedanke, eine Idee, eine Vorstellung, eine Erinnerung, eine Imagination oder ein Bewusstseinszustand selbst sein kann, liegt die Intentionalität der Kontemplation. Das Ich-Bewusstsein ist nicht etwas, sondern hat etwas, auf das es sich bezieht. Es ist intentional auf die phänomenale Natur der Erscheinungen gerichtet. Es bezieht sich auf das, was es nicht selbst ist und richtet sich damit gewissermaßen nach außen hin aus. Auch wenn „dhāraṇā“, „dhyāna“ und „samādhiḥ“ Phänomene der inneren Welt sind, so sind sie doch in ihrer Ausrichtung auf etwas außerhalb des Ich-Bewusstseins gerichtet und damit äußerliche Glieder im Vergleich zur absoluten Versenkung, die sich auf sich selbst richtet (nirbījaḥ samādhiḥ). Solange diese Intentionalität mit ihrer Außenrichtung, dieses Keimen im Bewusstsein vorhanden ist, befindet man sich noch im Bewusstseinszustand des „asmita“. Der tiefste Kern des Seins hat kein Drinnen. Wenn es sich also vergegenständlichen will, ist es immer das Draußen seiner selbst. Das macht das Ich-Bewusstsein aus. Es hat keine Substanz und ist immer hinaus gerichtet, wenn es sich in irgendeiner Weise substanziell begreifen will. Edmund Husserl, der österreichisch-deutsche Philosoph und Begründer der Phänomenologie sagte in diesem Zusammenhang: „Jedes Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas“.[i]
Der französische Existenzialist, Romancier, Dramatiker und Philosoph Jean-Paul Sartre schloss daraus, dass unsere Existenz endet, wenn wir uns in unserem Bewusstsein einsperren würden. Aus seiner Sicht gibt es kein Zuhause im Bewusstsein, da es uns sofort wieder in die Welt hinaus- bzw. hineinwerfen würde. Er meinte, dass das Unterwegssein den Menschen als das definiere, was er ist.[ii]
Edmund Husserl hat in seinem Spätwerk, vielleicht auf der Suche nach einem festen Boden oder einem inneren Zuhause, abweichend davon eine idealistische Sichtweise vertreten, die es möglich macht, sich auf sich selbst zurückzubeziehen.
Die Wissenschaft der Yogis von der inneren Welt weist uns in der hier vorliegenden Sutra darauf hin, dass wir im innersten Kern unseres Seins einem Selbst gewahr werden können, das kein weiteres Innen hat und daher aus sich selbst heraus ist. Es mag sich selbst in unzähligen Erscheinungsformen in der äußeren Welt erfahren und ist doch etwas ganz anderes als all die Erscheinungsformen der Natur. In diesem Sinn kann es intentional sein und besitzt doch die Freiheit, in seiner eigenen Stille, in seinem eigenen Frieden, in sich selbst zu ruhen. Hier macht die Unterscheidung zwischen dem Innen und dem Außen keinen Sinn mehr. Selbst diese Polarität ist überschritten. Das Ich-Bewusstsein löst sich auf. Mehr lässt sich nicht sagen.