K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 3.10: Das Eintauchen in den Fluss des Seins
तस्य प्रशान्तव ाहिता संस्कारात्॥१०॥
Tasya praśānta vāhitā saṁskārāt. ||10||
Tasya = Von diesem
praśānta = besänftigt, ruhig, gelassen, stabil
vāhitā = Fluss, das Fließen
saṁskārāt = Übung, Wiederholung, Gewohnheit
„Dieser (von Kontrolle durchdrungene Zustand - nirodha pariṇāmḥ) wird durch Übung zu einem sanften Fließen (praśānta vāhitā).“
Man kann nicht davon ausgehen, dass sich mit einem einzigen Anlauf die alten Mechanismen und Muster durch das in Sūtra 3.9 beschriebene Vorgehen durchbrechen lassen. Immer wieder muss der kontrollierende Eingriff vollzogen werden. Am Anfang wird es mehr eine Unterdrückung als eine Kontrolle sein. Da Unterdrückung und Kontrolle selbst viel Energie benötigen, steht eine Energie gegen eine andere. Von einer echten Ruhe im Geist wird man daher anfänglich kaum ausgehen können. Der Geist wird sich immer wieder abrupt erheben. Ein sehr gängiger Mechanismus lässt sich nicht so leicht bremsen und einschränken. Eingeübte Automatismen sind mächtig und haben fast so etwas wie ein unabhängiges Eigenleben. Doch auch die kontrollierende Tätigkeit wird durch die Übung nicht nur stärker, sondern auch in die Lage versetzt, schneller zu erkennen, wann der Wechsel von einem vergehenden zu einem neu aufsteigenden Eindruck erfolgt. Mit der Zeit wird aus der Unterdrückung und Kontrolle eine Beruhigung. Man sagt nicht mehr „hör auf“, sondern wechselt in ein „sei still“. Auch darin ist noch viel innere Bewegung. Wir sprechen z.B. von „stiller Trauer“, in der man den Lärm des inneren Schmerzes richtiggehend hören kann. Das Brechen eines alten Mechanismus bringt generell Schmerz mit sich. Unendlich viele schmerzhafte Erfahrungen sind mit einem bestimmten Bewusstseinsinhalt verbunden. Es kann dauern, bis sich all die gebundene Energie von den Erfahrungen entkoppeln und neu ausrichten kann. Wir müssen durch den Schmerz hindurchgehen. Doch mit der Übung nimmt die innere Bewegtheit ab und die Aufgeregtheit im Geist (citta vṛtti) kommt mehr und mehr zur Ruhe. Es entsteht ein sanftes Fließen (praśānta vāhitā). Es ist ähnlich wie bei der Atmung nach einer großen Aufregung. Die Aufregung führt dazu, dass die Atmung unregelmäßig, vielleicht sogar schnappartig und kurz ist. Je mehr wir uns durch einen bewussten Akt der Kontrolle auf die Atmung konzentrieren, jedes Einatmen und Ausatmen und besonders auch den Moment am Ende der Ausatmung und vor der Einatmung ganz aufmerksam beobachten, desto regelmäßiger, tiefer und gleichmäßiger wird die Atmung. Mit der Aussteuerung der Atmung beruhigt sich auch der Herzschlag. Der Puls sinkt, der Blutdruck nimmt ab und Herz und Lunge können sich in der Pause zwischen Ausatmung und Einatmung regenerieren und erholen. Die Atmung geht in ein gemächliches und sanftes Fließen über, das mit Entspannung und Ruhe verbunden ist. Gedanken und geistige Eindrücke sind mit der Atmung verbunden. Ein aufgeregter Geist verändert die Atmung. Umgekehrt kann der Geist aber auch durch eine tiefe, gleichmäßige und ruhige Atmung beruhigt werden. Ein Zusammenhang, der im Bereich der Atemübungen, dem „prāṇāyāma“ genutzt wird. So wie sich der Geist wellenartig erhebt, einen Höhepunkt erreicht und dann abschwingt und für einen kurzen Moment zur Ruhe kommt, um sich anschließend neuerlich zu erheben, folgt auch die Atmung und auf einer noch viel subtileren Ebene das Bewusstsein in seinen Übergängen vom wachen, zum träumenden und schließlich zum traumlosen Zustand des Tiefschlafes diesem Rhythmus. Am tiefsten Punkt kommt der Geist zur Ruhe und in ihm zeigt sich für einen Moment kein mentaler Eindruck. Er ist ohne Inhalt (pratyaya). Da jeder mentale Eindruck die Anschauungsformen von Raum und Zeit benötigt, um sich bilden und entfalten zu können, betritt man in diesem Augenblick die Dimension der Unendlichkeit und Ewigkeit. Hier ist die Verbindungstür zur geistigen Welt mit ihrer transzendenten Wirkkraft geöffnet. Man kommt in Berührung mit dem Lebensfluss und gibt sich ihm hin, statt gegen ihn zu arbeiten. Man nimmt diesen Augenblick ohne Bedingung und Vorbehalte an. Man akzeptiert, was ist, da mentale Beurteilungen und emotional negative Haltungen ruhen. Durch intensive Achtsamkeitsübung kann die Lücke zwischen dem erlöschenden und aufsteigenden mentalen Eindruck und zwischen Aus- und Einatmung erweitert werden, was bedeutet, dass man tiefer in die geistige Dimension vordringt.