K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 3.11: Die Kontemplation über die Zeitlosigkeit
सर्वार्थतैका ग्रतयोः क्षयोदयौ चित्तस्य समाधिपरिणामः॥११॥
Sarvārthataikāgratayoḥ kṣayodayau cittasya samādhipariṇāmḥ. ||11||
Sarva = alles, jedes
arthatā = Objekt, Weltbezug (Objekte in Raum und Zeit)
ekāgratayoḥ = ungeteilte Aufmerksamkeit (auf eines)
kṣaya = Zerstörung des früheren, Abnahme, Erlöschen
udayau = Erscheinen des letzteren, Manifestierung
cittasya = seelisch-geistige Regungen betreffend
samādhi = Kontemplation
pariṇāmḥ = Entwicklung, Wandlung, Reife
„Wenn die Ablenkung durch die Vielzahl der im Geist erlöschenden und sich manifestierenden Objekte aufhört und sich die ungeteilte Aufmerksamkeit auf einen Punkt richtet, kommt es zu einer Wandlung des Geistes (citta) in einen Zustand der kontemplativen Versenkung (samādhi pariṇāmḥ).“
In Sūtra 3.11 wird nicht Bezug genommen auf ein bestimmtes Objekt, eine Idee oder ein Thema wie in den Sūtras 3.1 und 3.2 im Zusammenhang mit den Praktiken des „dhāraṇā“ und „dhyāna“, sondern es wird von der Vielzahl der im Geist erlöschenden und sich neu manifestierenden Objekte gesprochen. Hier geht es nicht darum, in die Realität eines einzelnen Objektes einzudringen, um seine tiefere Wahrheit zu ergründen. Hier geht es um eine kontemplative Versenkung in der Ausrichtung auf eine Lücke, eine Leere, die zwischen den erlöschenden und sich manifestierenden Objekten liegt. Mentale Prozesse bewegen sich in Raum und Zeit. Sie folgen einem Kausal- bzw. Sinnzusammenhang, der logisch, schlussfolgernd und durch Reflexion erfasst werden kann und sich in Raum und Zeit entfaltet und so einer Anschauung zugänglich ist. Diese mentalen Prozesse führen zu einer Akkumulierung von mentalen Eindrücken, die eine von Beurteilungen und Emotion geprägte Vorstellungswelt erzeugen. Was immer neu in den Geist tritt, wird auf Grundlage dieser Vorstellungswelt rational bewertet. Widerspricht der neue mentale Eindruck der persönlichen Vorstellungswelt, entsteht Widerstand und Abwehr. Der Verstand versucht, das Bild, das er sich von sich selbst und der Welt gemacht hat, aufrecht zu erhalten und zu schützen. Die Wandlung, die sich in der kontemplativen Versenkung ergibt, besteht darin, dass der Geist sich von den Vorurteilen und Vorlieben löst und gegenüber den rationalen Bewertungen in „richtig“ und „falsch“, „angenehm“ und „unangenehm“ indifferent wird und die Identifikation mit ihnen dadurch aufbricht, dass er sich auf jenen Punkt der Leere fokussiert, der zwischen der Vielzahl der erlöschenden und sich manifestierenden Objekte in Raum und Zeit liegt. Dieser Punkt ist das Hier und Jetzt des unmittelbaren Augenblicks. In dieser gewandelten Form der kontemplativen Versenkung überschreitet der Geist die Kontinuität der mentalen Eindrücke, die sich aus der Vergangenheit kommend in die Zukunft projizieren. In Raum und Zeit ist ein Verharren im gegenwärtigen Augenblick nicht möglich. Jede sinnliche Wahrnehmung und mentale Verarbeitung benötigt Zeit. In jenem Moment, in dem etwas wahrgenommen, intellektuell verarbeitet, schlussfolgernd eingeordnet und reflektierend bewertet wird, ist es schon vergangen. Der Zeitfluss lässt sich in der Dimension von Zeit und Raum nicht anhalten. Blitzschnell ist alles, was passiert, schon in die Vergangenheit gerückt. Doch in der hier angesprochenen gewandelten Form der Kontemplation (samādhi pariṇāmḥ) verharrt der Geist in einem Zustand jenseits von Raum und Zeit. Es erfolgt ein Übergang von der weltlichen Dimension in die geistige Dimension durch Hingabe an das, was ist und nicht das, was im Zeitverlauf erscheint. Das, was sich auf der Oberfläche in Zeit und Raum spiegelt, tritt zur Seite und macht Platz für das, was die Spiegelung bewirkt. Der Geist ist nicht mehr auf die mentalen Abläufe gerichtet, sondern auf die bewirkenden Kräfte, die nicht gedacht, gefühlt oder empfunden werden können, sondern durch achtsame Beobachtung in ihrer Wirkkraft durch Intuition erfasst werden. In dieser Beobachtung sind kein Widerstand, kein Urteil und auch keine bewertende Emotion. Die eigene Erfahrungswelt tritt gegenüber einer Dimension zur Seite, die aus dem Ganzen heraus die uns in Raum und Zeit erscheinende Welt formt. Man ist in den unendlichen Ozean des Seins eingetaucht und folgt dessen Bewegungen.