K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 3.13 Die Wandlungen im Normativen, im Schöpferisch-Kreativen und im Bewusstsein
एत ेन भूतेन्द्रियेषु धर्मलक्षणावस्थापरिणामा व्याख्याताः॥१३॥
Etena bhūtendriyeṣu dharma lakṣaṇāvasthā pariṇāmā vyākhyātāḥ. ||13||
Etena = Durch diese, dadurch
bhūta = in den Elementen
indriyeṣu = in den Sinnen
dharma = etabliertes, sichtbares Merkmal, Eigenschaft, Gesetz, Pflicht
lakṣaṇḥ = sich indirekt zeigendes unsichtbares Merkmal, Zeichen
āvasthā = Zustand, Entwicklungsstufe
pariṇāmāḥ = Transformation, Wandlung, Entwicklung
vyākhyātāḥ = beschrieben, erklärt
„Durch diese (gerade beschriebenen drei Wandlungen) erklären sich auch die Wandlungen der Zustände (āvasthā) der sichtbaren (dharma) sowie der sich indirekt zeigenden unsichtbaren Merkmale (lakṣaṇḥ) in den Elementen (der Natur) und in den Sinnen.“
So wie in unserem Geist (citta) ständig wechselnde Inhalte (pratyaya) auftauchen, so tauchen in der Welt, in der wir leben, immer andere Erscheinungen auf. Grundlage für jede Erscheinung sind die Elemente (bhūtas), die uns umgeben und die wir mittels unserer Sinne (indriyas) wahrnehmen. Das, was uns im Geist erscheint, ergibt sich durch das Zusammenspiel der Elemente mit unseren Sinnen. So wird eine rote Farbe durch ein Licht mit einer bestimmten Wellenlänge als rot von uns wahrgenommen. Dass verschiedene Wellenlängen als unterschiedliche Farben erkannt werden können, ist abhängig vom Aufbau unserer Augen. Bei manchen Menschen gibt es hier Abweichungen und sie können keine Farben sehen. Sie sind farbenblind. Daher können wir uns nie sicher sein, ob eine andere Person oder ein anderes Wesen eine unserer Wahrnehmung entsprechende Wahrnehmung macht. Wahrnehmung hat in vielen Fällen einen ausgesprochen subjektiven Charakter.
Lange Zeit ist dem Menschen die Welt als reines Mysterium erschienen, das von Göttern und Naturgewalten bewohnt war. Viele Erscheinungsformen konnten rational nicht erklärt und verstanden werden. Man behalf sich mit mythologischen Vorstellungen und verwendete erklärende Geschichten, um mit den Erscheinungen in der Welt umgehen zu können. Die moderne Wissenschaft kann uns heute erklären, wie ein Donner entsteht und wir sind nicht mehr darauf angewiesen, auf einen Donnergott zu verweisen. Auch der Blitz wird nicht mehr vom Göttervater Zeus in die Welt geschleudert, sondern ist eine spontane Entladung unterschiedlicher Ladungszustände in der Bewölkung des Himmels und der Erde. Durch die Beobachtung der Eigenschaften in den Elementen haben wir herausgefunden, wie sie sich verhalten, welche Zustände sie annehmen und wie sie sich verändern können. Wir verweisen nun nicht mehr auf Götter, höhere Wesen oder Mächte, sondern erklären die Erscheinungsformen der Elemente mit Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die wir herausgefunden haben und die sich mathematisch berechnen oder in sich wiederholenden Erscheinungen beobachten lassen. Wir haben tiefgehende Vorstellungen davon, wie sich auf physikalischer Ebene Elementarteilchen verhalten und wie aus ihnen Atome aufgebaut sind. Wir verstehen, wie in chemischen Prozessen aus zusammengesetzten Atomen Moleküle werden, wie die Atome miteinander reagieren, welche Atome reaktionsfreudiger sind als andere, welche häufig vorkommen und welche selten sind und welche stabil und welche instabil sind und strahlen, indem sie laufend Energie abgeben. Wir erfassen den Unterschied zwischen anorganischer und organischer Materie und können biologisch verstehen, wie Zellen arbeiten und funktionieren. Auch wenn wir noch nicht wissen, wie sich die ersten Zellen als Keimzellen des organischen Lebens gebildet haben, gibt es gute Theorien dafür, wie sich Aminosäuren und andere Moleküle gebildet haben, die Voraussetzung dafür waren, dass Einzeller entstehen konnten. Die Liste der Zusammenhänge, Funktionsweisen und Gesetzmäßigkeiten, die wir entdeckt haben, ließe sich nun durch alle Wissenschaftsbereiche hindurch fortsetzen und wäre ausgesprochen lang. Unser Wissen und Verstehen haben heute ein gigantisches Ausmaß angenommen. In den Bestrebungen des Menschen lässt sich auf materieller, psychischer und geistiger Ebene beobachten, dass wir uns immer von einem Zustand der Unwissenheit, Ignoranz (avydiā) und Unbewusstheit über ein Tasten, Suchen und Herumwandern (vyutthāna saṁskāra) im Kontext von Versuch und Irrtum auf eine Systematisierung zubewegen, die beginnt strukturelle Gegebenheiten mit Regeln, Normen und Gesetzmäßigkeiten in Verbindung zu setzen. Durch die Erkenntnis aber auch durch die Schaffung von Regeln wird das Herumwandern und Suchen beruhigt (nirodhaḥ saṁskāra). Es gibt etwas, auf das wir uns zumindest für eine gewisse Zeit verlassen können. Wir haben Rahmenbedingungen des Lebens erfasst, die uns helfen, in geordneten Bahnen unser Leben zu entfalten. Diese Regeln sind Voraussetzung dafür, dass unser Leben nicht völlig grenzenlos und chaotisch ist. Im Zwischenraum der ständig auftauchenden Erscheinungen haben wir etwas Normatives entdeckt, das Halt gibt. In diesem Schritt liegt die erste Wandlung, die man „dharma pariṇāmāḥ“ nennt. Gesetze, Regeln und Normen haben eine gewisse Stabilität. Doch die auftretenden Erscheinungen stehen niemals still. Alles ist im Fluss und verändert sich. Daher ist es immer nur eine Frage der Zeit, bis die Gültigkeit von Normen und Gesetzen in Frage gestellt wird und die uns Halt gebenden Rahmenbedingungen in Bewegung kommen. Neue abweichende bzw. weitergehende Regeln werden entdeckt und etabliert. Diese Bewegung zwischen einer auf Grund von Normen stabilen und einer auf Grund sich verändernder Normen instabilen Phase, die sich dann wieder zu stabilisieren beginnt, schafft einen Zwischenraum. Man entdeckt hinter diesen Bewegungen einen steten Fluss, den die Yogis als „praśānta vāhitā“ bezeichnen. In unserer modernen Kultur wird dieser Bereich auch „Flow“ genannt. Aus diesem „Flow“ entspringen sehr oft kreative Kräfte, die innovative Ideen und Entwicklungen bedingen. Es kommt zu einer weiteren Wandlung, die „lakṣaṇḥ pariṇāmāḥ“ genannt wird. Das Besondere an diesem Zustand ist, dass sich indirekt unsichtbare Merkmale zeigen. Es sind Zusammenhänge, die bisher nicht zu erkennen waren. Sie ergeben sich also nicht aus der Beobachtung der Elemente, sondern konstituieren sich aus einer Dimension, die unseren Sinnen und damit unseren Beobachtungsmöglichkeiten unzugänglich ist. Es konstituiert sich etwas völlig Neues. Es handelt sich um eine originäre Schöpferkraft. Es ist die Erfahrung des Menschen, dass diese kreativen Akte plötzlich und spontan auftreten. Mit einer kontemplativen Versenkung in diesen Bereich des Seins (samādhi pariṇāmḥ) lässt sich dieser Zwischenraum dehnen. In dieser Dehnung liegt die dritte Wandlung, die als „āvasthā pariṇāmāḥ“ bezeichnet wird. Hier gelangt man in einen Bereich, in dem die kreative Schöpfungskraft auf jene Quelle zurückgeht, aus der sie entspringt. Hier liegen die Bedingungen für alles, was erscheint. „Dharma pariṇāmāḥ“ und „lakṣaṇḥ pariṇāmāḥ“ können mit unserer Alltagserfahrung begriffen werden. Wir können die Dimension des Normativen und des Kreativ-Schöpferischen erfassen. Doch die Wandlung im „āvasthā pariṇāmāḥ“ bleibt uns rätselhaft und unbegreiflich. Hier stellt sich die Frage, wie das Bewusstsein überhaupt etwas in Schwingung und Bewegung versetzt, sodass es in Erscheinung treten kann. Was ist es, das die Bedingung schafft, damit etwas entsteht. Man könnte auch fragen, warum es überhaupt etwas gibt und nicht einfach nur nichts. Im Zusammenhang mit dem Bewusstsein sind es zwei Dinge, die den Zugang erschweren. Im Bewusstsein hört die Aufspaltung in Objekt und Subjekt auf. Der Beobachter ist das Beobachtete und auch die Beobachtung. Daher lässt sich das Bewusstsein durch Reflexion nicht erkennen, was bei kreativen und normativen Aspekten des Lebens möglich ist. Zusätzlich sprechen wir hier nicht von einem persönlichen Bewusstsein, sondern vom universalen Bewusstsein. Das universale Bewusstsein ist nicht zwei, drei oder viele. Das universale Bewusstsein ist. Dieses Sein wird im Zustand des „ekāgratā pariṇāmḥ“ berührt und erlaubt die grundlegendste aller Unterscheidungen (viveka khyāti) zu erfassen. Es ist die Unterscheidung zwischen „purusa“ und „prakriti“, die Unterscheidung zwischen dem, was ewig ohne Wandel und dem, was ewig im Wandel ist. Hier erkennt der Suchende, dass er selbst das Gesuchte seiner Suche ist. Er kehrt zurück in seine eigene Form (svarūpe).