K O N T A K T

Auf den Spuren einer uralten Weisheit -
Die Yoga Sūtras des Patañjali
Gesamte Inhalte: © Dr. Christoph Paul Stock
SŪTRA 3.15: Der Wandel in den Dingen
क्रमान्यत्वं परिणामान्यत्वे हेतुः॥१५॥
Kramānyatvam pariṇāmānyatve hetuḥ. ||15||
Krama = Stufe, Folge, Abfolge, Gesetzmäßigkeiten
ānyatvam = verschieden, anders sein
pariṇāma = Transformation, Wandlung, Evolution
ānyatve = im Unterschied zu
hetuḥ = Ursache
„Die verschiedenen Abfolgen (bzw. die nach den Gesetzen der Natur erfolgenden Transformationen) sind die Ursache für die Unterschiede (bzw. Mannigfaltigkeit) in den Wandlungen (bzw. in der Evolution).“
Die Idee des Schöpfergottes entspringt der Vorstellung, dass ein allwissendes Wesen durch eine gerichtete Handlung alle Lebewesen in einem kreativen Akt erschaffen hat. Die Forschungsergebnisse im Bereich der Biologie weisen darauf hin, dass die Arten nicht immer schon da waren, sondern sich entwickelt haben und in einem laufenden Evolutionsprozess sich auch weiter entwickeln werden. Die Evolutionstheorie widerspricht daher der Idee eines Schöpfergottes und stellt ihn in Frage. Wissenschaftler, die sich intensiv mit der Evolution der Arten beschäftigen, bestehen daher vielfach darauf, dass sich die Vorstellung eines Schöpfergottes evolutiv entwickelt hat und der Mensch daher nicht von einem Gott erschaffen wurde, sondern der Mensch sich selbst seine Götter kreiert hat. Für diese Wissenschaftler ist Gott nicht existent und das Leben hat sich aus einem Zufall herausgebildet.
Es gibt tatsächlich in unserer Welt sehr viele verschiedene Götter, die mit unterschiedlichen Attributen ausgestattet werden. In dem Moment, in dem man das Wort „Gott“ ausspricht, kommt es in den Köpfen der meisten Menschen zu einem Feuerwerk an Emotionen und Vorstellungen. Dieses Wort ruft unzählige Erfahrungen in Erinnerung, die uns sogleich in Beschlag nehmen und uns in ihren Bann ziehen. Menschen sind bereit, andere Menschen zu töten, wenn diese ihre religiösen Gefühle und Vorstellungen im Zusammenhang mit dem Wort „Gott“ verletzen. Die Kreuzzüge des Mittelalters, die Spaltung des britisch verwalteten Indiens im Zuge der Entkolonialisierung in einen mehrheitlich muslimeschen Staat Pakistan und einen hinduistischen Staat Indien und der Terror des politischen Islam in heutiger Zeit sind nur einige Beispiele für diese Thematik.
Wir können es uns nur schwer vorstellen, dass das Sein bestimmte beobachtbare Gesetzmäßigkeiten hervorgebracht hat, die wir Naturgesetze (krama) nennen, auf Grundlage derer sich die Dinge in der Welt entwickeln. Noch weniger können wir es uns vorstellen, dass das Sein selbst nicht weiß, wie sich die Dinge im Rahmen dieser Gesetzmäßigkeiten im Detail ausformen werden. Kann es sein, dass das Leben selbst im Kontext von Unwissenheit operiert? Ist es möglich, dass das Leben selbst würfelt und mit Wahrscheinlichkeiten und Zufälligkeiten arbeitet? Sind Wissen und Verstehen etwas, das zwar potenziell im Sein vorhanden ist, sich aber erst in der Entfaltung des Lebens konkret zeigt und ausgestaltet? Kann es sein, dass das Leben eine sich selbst erzeugende Erfahrungswelt ist, in der sich das Sein selbst begegnet und erlebt? Ist es vorstellbar, dass das Erlebte auf die rahmengebenden Strukturen zurückwirkt und sie adaptiert und verändert und dass aus Erfahrung generiertes Wissen und Verstehen Strukturen anpasst? Kann es sein, dass es eine Wirkebene gibt, die jene von uns erfahrene Welt hervorbringt und umgekehrt von den Erfahrungen, die wir in dieser Welt machen, weiterentwickelt und gestaltet wird? Intelligenz wäre dann etwas, das sich aus der Wechselwirkung zwischen der Wirkebene und der Realitätsebene ergibt. Sie wäre eine Verbindung zwischen rationalen und irrationalen Fähigkeiten. Sie würde Beurteilungs- und Wahrnehmungsfähigkeiten vereinen, indem sich Erfahrungswerte, die wir durch Schlussfolgerungen und Bewertungen in dieser Welt gewonnen haben, mit spontan auftretenden Einsichten über die rahmengebenden Wirkkräfte vereinen. In der Wirkebene bündeln sich die Erfahrungswerte, die in der Realitätsebene entstanden sind, als Bewusstseinsinhalte. Diese stehen dann in einer Wechselwirkung mit der Realitätsebene. Es wäre dann in vielen Fällen nicht der reine Zufall, der eine Veränderung bewirkt, sondern der Bewusstseinsinhalt, der sich z.B. in der Veränderung der Basissequenz des Erbmoleküls DNA im Rahmen von Mutationen niederschlägt. Es ist auch nicht der reine Zufall, der dazu geführt hat, dass Menschen das Töten anderer Menschen für problematisch und in vielen Fällen für falsch erachten. Es sind unzählige schmerzhafte und tiefes Leiden verursachende Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass diese Einsicht zu einem Gebot und so zu einer Gesetzmäßigkeit geworden ist, die sich in praktisch allen Strafgesetzbüchern dieser Welt wiederfindet. Dabei handelt es sich nicht um ein von Menschen gesetztes Recht. Es ist Bestandteil unserer menschlichen Kultur und als solches Ausdruck einer spontanen Ordnung. Es wird zwar von Menschen in die Gesetzbücher hineingeschrieben, aber es entspringt nicht einer einfachen Überlegung oder Schlussfolgerung, sondern einem tiefen Bewusstsein dafür, dass andere zu töten, schlicht falsch ist. Damit hat ein durch tausendfache Erfahrung verdichteter Bewusstseinsinhalt Eingang gefunden in die DNA unseres natürlichen Rechtsempfindens. Bewusstseinsinhalte sind kondensierte Inhalte tausender erlebter Erfahrungen. Wenn sie aus der Wirkebene in die Realitätsebene hineinwirken, nehmen sie in einer ersten Phase nur selten eine detaillierte und völlig ausdifferenzierte Form an. Sie sind viel zu abstrakt, um direkt angewendet zu werden. Doch es herrscht auch nicht ein vollkommen ungerichteter Zufall. Es mag zufällig wirken, hat aber eine gewisse Prägung, die uns in vielen Fällen nicht bewusst sein mag und dennoch gegeben ist. Bewusstseinsinhalte kanalisieren Entwicklungen und richten sie aus. Sie schaffen eine Tendenz, die bestimmen wird, welche Richtung Entwicklungen in der realen Ausdifferenzierung und Konkretisierung nehmen werden. Es sind formgebende Rahmenbedingungen. Manche dieser Rahmenbedingungen sind von absolut dominanter und ausgesprochen universeller Wirkung wie z.B. das Verbot zu töten. Andere sind weniger dominant und universell und wirken daher schwächer und nicht in der Breite wie das Tötungsverbot. Manche überlagern sich, manche verstärken sich oder schwächen sich gegenseitig ab, manche können in Konkurrenz zueinanderstehen stehen oder gegensätzliche bzw. kohärente Wirkung haben. Diese formgebenden Impulse können in der Formung einer konkreten Situation besondere vielleicht noch gar nicht dagewesene Tendenzen und Orientierungen mit sich bringen. In manchen Fällen wird es leicht sein, diese Tendenzen zu erfassen und wahrzunehmen. In anderen Fällen sind sie vielleicht subtil oder so andersartig, dass ihre Berücksichtigung schwerfällt. Entscheidend bleibt aber die klare Aussage, dass hier nicht der reine Zufall herrscht, sondern ordnungsstiftende Elemente wirken, die vielfach verborgen aber dennoch real und formgebend sind. Viele Dinge im Leben fallen uns zu, ohne dass wir wissen, weshalb sie das tun. Doch es gibt Zusammenhänge, die diese Zufälligkeit aussteuern. In diesem Sinn hat die Evolutionstheorie Recht, wenn sie die Vorstellung von einem Schöpfergott in Frage stellt. Wir sind keine Marionetten, die am Faden eines alles bestimmenden und determinierenden Gottes hängen. Doch sie hat Unrecht, wenn sie behauptet, dass es keine Wirkebene und kein universales Bewusstsein hinter unserer Realität gibt, die mitbestimmen, welche Richtung die Dinge nehmen, die uns zufallen und die wir als Zufall bezeichnen. Es gibt Zufälligkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Doch diese sind gerichteter Natur und Ausdruck einer Einheit, die wir in vielen Fällen nicht zu erfassen und zu begreifen in der Lage sind. Unsere Freiheit und unser freier Wille liegen darin, dass wir entscheiden können, ob wir diesen richtungsgebenden Tendenzen folgen oder nicht und in welcher Weise wir sie in der konkreten Gestaltung des Lebens umsetzen. In diesem Sinn sind auch wir Schöpfer einer Realität. Da wir aber ein begrenzter Teil in einem größeren Ganzen sind, können unsere Schöpfungen immer nur solche sein, die mit dem Großen und Ganzen abgestimmt sind. Verweigern wir diese Abstimmung oder gelingt sie uns nicht, werden wir die sich daraus ergebenden negativen Wirkungen zu tragen haben. Das ist unsere Freiheit aber auch unsere Verantwortung.
Die moderne Physik präsentiert uns heute Gesetzmäßigkeiten, die nicht nur auf der Erde, sondern im gesamten Kosmos gelten. Die Gravitationskraft wirkt diesen Vorstellungen folgenden z.B. im gesamten Universum gleich. Das Licht bewegt sich überall im Weltall mit der gleichen Geschwindigkeit. Daraus ergibt sich, dass Raum und Zeit relativ sind und als Raum-Zeit existieren. Die Atome sind überall gleich aufgebaut und Energie, Masse und Lichtgeschwindigkeit stehen in jenem faszinierenden Verhältnis, das in der Formel: „Energie ist gleich Masse mal dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (E = mc2)“ zum Ausdruck kommt. Diese Gesetzmäßigkeiten wirken auf alles in ihrer Allgemeingültigkeit ein. Sie wirken von einer eigenen Ebene aus auf die von uns wahrgenommene Realität. Mit der Entdeckung der Quantenphysik wurde dieses Bild ins Wanken gebracht. Im ganz Kleinen herrschen plötzlich andere Zusammenhänge und Funktionsweisen. Wirkebene und Realitätsebene beginnen zu verschwimmen, weil der Beobachter plötzlich das Beobachtete beeinflusst und sich miteinander verschränkte Teilchen sich völlig unerwartet nicht entsprechend den allgemeinen physikalischen Gesetzen in der Raum-Zeit verhalten, sondern einer anderen inneren Ordnung folgen. Der Zufall und Wahrscheinlichkeiten bekommen auf einmal gestalterische Bedeutung, was die Vorstellung überall gültiger allgemeiner Gesetzmäßigkeiten, die auf unsere Realitätsebene einwirken, in Frage stellt. Diese Zusammenhänge sind auch deshalb von so großer Bedeutung, weil am Beginn des Universums das ganz Kleine von ausschlaggebender Relevanz war, bevor sich das Universum nach dem Urknall massiv ausdehnte. Es stellt sich also die Frage nach den Zusammenhängen zwischen den bewirkenden Kräften und dem, was wir beobachten und wahrnehmen können. Schwarze Löcher sind in diesem Kontext ein absolutes Mysterium, weil in Ihnen sogar die Raum-Zeit verschwindet, Materie zerrissen und das Licht verschluckt wird. Allgemeine Gesetzmäßigkeiten hören hier auf zu existieren. Dennoch emittieren Schwarze Löcher Energie und die heutige Physik geht davon aus, dass Informationen, die laut der Quantenphysik nicht einfach verschwinden können, in diesen Objekten in irgendeiner Weise gespeichert und auch wieder freigesetzt werden.
Diese Dualität von Realitäts- und Wirkebene spiegelt sich auch in den Überlegungen des Großen griechischen Philosophen Plato wider. Plato entwickelte eine Art Ideenlehre, die sich aus seinem Gesamtwerk ergibt. Seine Vorstellung ging dahin, dass Ideen von den Dingen, die uns sinnlich erscheinen in einer eigenständigen Entität übergeordnet existieren. Er ging z.B. davon aus, dass das Pferd als Idee in einer metaphysischen Dimension existiert und nicht bloß eine Vorstellung ist, die wir uns mit Hilfe der Sinneseindrücke und deren mentalen Verarbeitung von diesem Tier machen. Für ihn ist die Idee das eigentlich Wirkliche und nicht das, was uns durch unsere Sinne erscheint. Es gibt das Pferd an sich, den Kreis an sich, das Schöne oder die Gerechtigkeit an sich, die als Urbilder Voraussetzung für das sind, dem wir in unserer Realität begegnen. Plato geht also davon aus, dass es eine übergeordnete Wirklichkeitsebene gibt, die unsere Realitätsebene hervorbringt. Die von ihm beschriebenen Urbilder ähneln den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten in der modernen Physik, da sie ebenfalls unveränderlich sind. Es gibt nur eine Richtung der Wirkung, nämlich jene von der Wirkebene auf die Realitätsebene. Ein weiterer großer griechischer Philosoph legte sein Augenmerk auf einen Zusammenhang, den wir heute Entelechie nennen, was zum Ausdruck bringt, dass etwas aus sich selbst heraus ein Ziel oder einen Zweck verfolgt. Für Aristoteles ist in den Dingen eine innere Kraft, die zu einer Selbstverwirklichung führt. Es geht also um eine teleologische Vorstellung, in deren Folge die Dinge eine Ziel- und Zweckbestimmung haben, auf die sie sich zubewegen. Die Dinge und Organismen haben also in sich immanente Ziele und Zwecke, die sie entsprechend dieser Zielstrebigkeit entfalten. So liegt in der Raupe der Zweck und das zielgerichtete Bestreben ein Schmetterling zu werden. Nur wenn die Dinge und Organismen dieser immanenten Anlage folgen, können sie sich selbst verwirklichen und zu dem werden, was sie im Innersten sind. Dementsprechend haben sie einen Drang, sich zu verbessern und zu vervollkommnen. Diese Vorstellung findet eine Reflexion und Weiterentwicklung in der heutigen Biologie. Im Konzept der Autopoiesis (Prozess der Selbsterhaltung- und Selbsterschaffung), die vom chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana wissenschaftlich untersucht wurde, entfaltet sich ein Organismus ebenfalls entsprechend seiner inneren Struktur und erhält sich auf diese Weise selbst. Ein Organismus bzw. allgemein gesagt ein System reagiert dann nicht einfach auf einen Reiz von außen, sondern erfährt durch diesen Reiz lediglich eine Pertubation, eine Art Störung. Im Zuge dieser Perturbation sucht der Organismus bzw. das System in sich ein neues Gleichgewicht, um sich stabil und in Balance zu halten. Der Organismus bzw. das System ist dann das Produkt seines eigenen Organisationsstrebens. Das Produkt der funktionalen Zusammenwirkung der Bestandteile ergibt genau jene Organisation, die von den zusammenwirkenden Bestandteilen produziert wird. Die Besonderheit an diesem Konzept ist, dass es die Vorstellung verschiedener Organisationsebenen aufgreift, die rekursiv aufeinander einwirken. Eine Idee, die auch in der modernen Kybernetik eine besonders wichtige Rolle spielt. Die Autopoiese geht also einen Schritt weiter als die Entelechie, indem sie von verschiedenen Ebenen ausgeht, wie sie schon bei Plato angesprochen wurden und sich in der modernen Physik in der unterschiedlichen Ausgestaltung der klassischen Physik im Verhältnis zu Quantenphysik auch zeigen. Die moderne Biologie hat enorme Fortschritte in Hinblick auf den Aufbau der Erbanlagen von Lebewesen und die Funktionsweise dieser Erbanlagen gemacht. Dennoch ist die Frage, wie sich die Formen in der Natur bilden, eine weitgehend unbeantwortete Frage geblieben. Der Biologe, Biochemiker und Philosoph Rupert Sheldrake hat dazu eine Theorie aufgestellt, wie sich die Formen in der Natur durch resonierende formgebende Felder bilden. Er beschreibt morphische Felder, die sich in Zeit und Raum selbst organisieren und bewirken, dass sich die Formgebung auf einen End- bzw. Zielpunkt zubewegt. Diese Felder sind Ganzheiten mit Wahrscheinlichkeitscharakter, die durch Eigenresonanz eine Art Gedächtnis ausbilden, ineinander verschachtelt sind und eine Holarchie ausbilden. Durch Eigenresonanz sind alle entstehenden Formen jenen Formen ähnlich, die früher exzitiert haben. Diese resonierenden Aktivitätsmuster bilden mit der Zeit eine Gewohnheit und schließlich eine Art Habitus aus. So stabilisieren sich bestimmte Formen. Kommt es innerhalb der Formbildung zu einer Störung, ist das Gesamtsystem dennoch bestrebt, genau wieder jene Ganzheit auszuformen, die sich aus der bisherigen Eigenresonanz ergibt. Dies hat große Ähnlichkeiten mit der Idee der Autopoiese. Laut Sheldrake können sich diese morphischen Felder auch auf neue Art und Weise überlagern. Dann verändern sich die Strukturen innerhalb der Holarchie und neue Formen können entstehen. Es gibt also neben der Eigenresonanz, die bestimmte Formen stabilisiert und konservativ wirkt, auch ein holistisches Organisationsprinzip der schwingenden Felder selbst, die sich dann kreativ neu organisieren können und dadurch das hervorbringen, was wir Evolution nennen. Resonierende alte Muster werden durch konstitutiv entstehende neue Muster in einem Akt der Kreativität ergänzt. In dieser Theorie vereinen sich Gedanken aus der klassischen Physik mit jenen aus der Quantenphysik, philosophische Ansätze der platonischen Ideenlehre und der Entelechie zu einem komplexen Systemverständnis, das sich durch seinen holistischen Aufbau, seine verschiedenen Rekursionsebenen und die Idee auszeichnet, dass auf unterschiedlichen Systemebenen unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten gelten können und dennoch eine Einheit dahinter gegeben sein kann.
Ein solches hoch komplexes System wird auch vom britischen Kybernetiker Stafford Beer beschrieben. Ausgangspunkt für Beers Überlegungen waren die zerebralen Strukturen und das Nervensystem des Menschen. Es gibt in der Natur auf unserer Erde kaum Strukturen, die komplexer und weiter entwickelt wären. Ausgehend von der Funktionsweise und dem Zusammenspiel des Gehirns und der neuronalen Strukturen mit dem Organismus erkannte Beer eine Organisationsstruktur, die sich in allen lebensfähigen Systemen findet. Diese Struktur funktioniert nicht nur in einem biologischen Organismus, sondern auch in sozialen Systemen und vielen anderen Strukturen. Beer erkannte mehrere Strukturebenen, die unterschiedliche Funktionen aufweisen. Eine Organisationsebene ist operierend tätig und dabei bestrebt, sich selbst zu entfalten und sich von anderen operierenden Systemen zu unterscheiden. Man wird an die Entelechie mit ihrer Ziel- und Zweckbestimmung aber auch an Ideen im Zusammenhang mit der Autopoiese und der Eigenresonanz von morphischen Feldern erinnert. Eine weitere Ebene ist koordinierend organisiert und ist bestrebt, Oszillationen zwischen verschiedenen Systemteilen zu unterbinden. Diese Ebene verhindert, dass die Eigenbewegung der operierenden Einheiten dazu führen, dass das System auseinanderfällt. Es muss ein Gesamtbild erhalten bleiben. Die Idee des steuernden Gesamtbildes kommt in der platonischen Idee der Urbilder stark zum Ausdruck und findet auch Anklänge bei den allgemein gültigen Gesetzmäßigkeiten der Physik, die bewirken, dass der Kosmos sich integrierend verhält und nicht zerfällt. Eine darüberhinausgehende Organisationsebene aktiviert Kräfte der Synergie. Hier steht die Frage im Mittelpunkt, wie unterschiedliche Systemeinheiten so miteinander interagieren können, dass synergetische Effekte möglich werden. Es geht um den Gedanken der Inklusion. Der Blick ist nicht mehr auf Einzelteile des Systems und deren operative Selbstentfaltung bzw. deren Koordination zur Steigerung der Effizienz gerichtet, sondern auf seine Ganzheit. Es stellt sich die Frage, wie das System als Ganzes ausgesteuert werden kann, damit es möglichst effektiv organisiert ist und auch bei Störungen die Fähigkeit besitzt, wieder eine Einheit zu bilden. Man wird an die holistische Organisation der morphischen Felder bei Sheldrake erinnert, die in der Lage sind, trotz Störungen wieder eine vorgegebene Ganzheit zu erreichen. Auch die platonischen Ideen haben einen solchen optimierenden Aspekt. Eine weitere Ebene ist damit beschäftigt, sich mit der Umwelt, die nicht zum System gehört, bzw. mit der möglichen Zukunft auseinanderzusetzen. Hier geht es um das, was man nicht bzw. noch nicht weiß und unbekannt ist. Man ist mit der Unwissenheit, dem Unverständnis und Aspekten konfrontiert, die man gar nicht wissen und verstehen kann, weil sie keine Realitäts- sondern eine reine Möglichkeits- oder Wahrscheinlichkeitsform haben. Diese Ebene geht über die platonischen Ideen hinaus, weil hier Urbilder noch gar nicht existieren, sondern sich erst bilden müssen. Man ist erinnert an die Schwarzen Löcher, in denen nichts erkannt werden kann und findet Anklänge in der Quantenphysik, wo Wahrscheinlichkeiten und Zufälligkeiten eine große Rolle spielen. Es gibt die Intentionalität, das Unbekannte und Neue neugierig und mit großer Offenheit zu suchen. Der Forschergeist spielt die entscheidende Rolle und wird zum treibenden Faktor.

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Es müssen verschiedene Wege und Alternativen ausprobiert, Sackgassen und Misserfolge in Kauf genommen, Flexibilität im Vorgehen und Frustrationstoleranz entwickelt und mit Hilfe von Versuch und Irrtum die Zukunft ertastet werden. Wird ein neuer, gangbarer Weg gefunden, muss sich dieser erst gegen das Bestehende und Etablierte durchsetzen und umsetzen lassen. Man wird an die kreative Formbildung im Kontext der morphischen Felder erinnert. Die neue Schwingung in der Überlagerung der Felder muss sich erst gegen das Morphische und Habituelle in den bisherigen Schwingungsmustern durchsetzen. Das kann dauern und hat mit Widerständen zu rechnen. Schließlich gibt es noch eine Ebene, die sich mit der Identität der Dinge auseinandersetzt. Es ist jene Ebene, bei der die Frage im Zentrum steht, wer man selbst ist. Man fragt danach, wer der Beobachter und wer das Beobachtete ist. Hier geht es auch wie in der Quantenphysik um das Thema, wie durch die Beobachtung das Beobachtete vom Beobachter beeinflusst wird. Hier stellt sich auch die Frage nach unergründlichen Verschränkungen und Verbindungen, wie sie in der Quantenphysik auftreten. Hier gibt es Zusammenhänge, die sich weder kausal ergründen noch durch Synchronizität sinnstiftend erfassen lassen. Es ist die Ebene der Einheit. Hier ist alles eins. Ein Bewusstsein, das die Quelle aller Dinge ist, die in Erscheinung treten.
Bei einer solchen Sichtweise stellt sich die Frage nicht mehr, ob es einen Schöpfergott gibt. Das Sein wäre dann in den Dingen wie es außerhalb der Dinge ist. Es wäre omnipräsent wie absolut entrückt. Es wäre allmächtig, indem es die Macht hat, Macht abzugeben und zu verteilen und sie zurückzunehmen. Es wäre vollkommen, indem es ständig neue Formen und Inhalte hervorbringt, erhält, vergehen, sterben und verschwinden lässt. Es wäre allwissend, indem es die Möglichkeiten schafft, Wissen durch Erfahrung zu erlangen, Verstehen durch die Zusammenhänge in den Erfahrungen zu generieren und dem Unbekannten und Nicht-Wissbaren durch ein forschendes Tasten und Suchen sich intuitiv anzunähern. Es wäre eine Einheit in der Vielheit und eine Vielheit in der Einheit. Es wäre einfach ein allumfassendes Sein. Yoga.